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Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf

Auf, zu oder keines von beiden?

von bm, Buch

In Cottbus wird eine Diskussion mit Demonstrationen auf der Straße geführt, wie man sie in verschiedener Form im ganzen Land findet: Die eine Seite fordert „Grenzen dicht!“, und die andere will faktisch das Gegenteil. Sie vertritt eine Position, die – verkürzt wiedergegeben – Grenzen ablehnt und eine bedingungslose Willkommenskultur einfordert.
Hinter diesen unterschiedlichen Ideologien verbergen sich handfeste Interessen, meint Andrea Komlosy in ihrem Buch „Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf“. Von Unternehmerseite werde die Deregulierung des Arbeitsmarktes begrüßt; die neue Mittelschicht freue sich über die Multikulturalisierung der Gastronomie und die kostengünstige Verfügbarkeit häuslicher Dienste; die alte Arbeiterklasse, die von der Konkurrenz am Arbeitsmarkt bedroht sei, hoffe, dass höhere Grenzzäune die Unerwünschten abhalten. Offenbar haben Befürworten und Ablehnen von Grenzen mit gesellschaftlichen und individuellen Interessen zu tun.
Ob nun fremdenfeindlich oder fremdenfreundlich, beide Lager weisen Komlosy zufolge eine Gemeinsamkeit auf: Sie instrumentalisieren die Grenze im Hinblick darauf, wie sie – durch Befestigung oder durch Abbau – dem Wohlergehen der eigenen Gruppe in der Gesellschaft beziehungsweise der jeweiligen Vision davon nutzt. „Es handelt sich beim Wunschbild Grenze und beim Feindbild Grenze um eine Überbewertung dessen, was Zäune, Mauerbau, Passerteilung, Visa, Einwanderungs-, Arbeitsmarkt- oder Asylquoten bzw. ihre Abschaffung bringen können.“ (S. 8 )
Wie der Begriff der Grenzen in der aktuellen Diskussion verwendet wird, ist für Komlosy verengt. Denn „Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen [treten] in mannigfaltigen Erscheinungsformen auf“. So nennt sie neben den politisch-administrativen auch die militärischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, geschlechtlichen und weltanschaulichen Grenzen. Diese haben alle wiederum vielerlei Ausprägungen. Wobei für die Autorin aber feststeht, dass Grenzen „eine Grundkonstante im Zusammenleben von Menschen und Gemeinwesen“ sind. Grenze sei „ein Instrument in der Ausgestaltung menschlicher Beziehungen“. Diese lasse sich „ebenso wenig abschaffen wie das Bedürfnis nach räumlicher Bindung und Identifikation“.
Die Wiener Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte schreibt dagegen an, die Grenze zum Wunsch- oder Feindbild zu stilisieren. Sie zeigt die Entwicklung von Grenzen und deren wechselhaften Gebrauch im Laufe der Geschichte auf und lotet damit „sowohl das Herrschaftspotenzial als auch das Schutz- und Befreiungspotenzial von Grenzen“ aus. Zudem zeige das Nachdenken über Grenzen, so Komlosy, dass „Grenze auch Methode ist: Methode beim Erkennen von Ungleichheit, ihrer Durchsetzung und Verschleierung, und Methode beim Entwickeln und Umsetzen sozialer Gerechtigkeit“.
Andrea Komlosy (2018):
Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf

Wien: Promedia Verlag, 248 Seiten
Preis: 19,90€
ISBN: 978-3-85371-434-8
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