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Ein Kommentar zur Situation in unserer Stadt

von Maximilian R., Cottbus

Ist Cottbus noch ein sicherer Ort? Nach den beiden Messerattacken am Blechen Carre fragen sich das offenbar viele Cottbuser. Rund 2.000 Menschen, die am 20. Januar dem Aufruf der Bürgerinitiative „Zukunft Heimat“ folgten, sind ein deutliches Zeichen. Auch wenn viele der Teilnehmer der Kundgebung aus Dresden, Berlin, Hoyerswerda, Spremberg und anderen Orten „importiert“ wurden, kommt man nicht mehr umhin, anzuerkennen, dass die beiden Vorfälle die Menschen bewegen.
Ich will es aber nicht verhehlen, dass ich ein Gegner von „Zukunft Heimat“ bin und die Ansichten dieser Bürgerinitiative nicht teile. Sie zeichnet ein düsteres Bild unseres Landes und unserer Stadt voller „Demütigungen, Misshandlungen, Angriffen und Morden“. Sollte dieses Bild auch nur im Entferntesten etwas mit der Realität zu tun haben, so ist es gewiss nicht neu.
Das Idyll ist in Gefahr. Das Deutschland, in dem alle Bürger in Wohlstand leben können, wenn sie nur fleißig sind; das Land, in dem jeder gleiche Zukunftschancen hat, wenn er sich nur bemüht; das Land, in dem die Alten nach ihrem Arbeitsleben versorgt sind; die Stadt, in der man früher ohne Angst auf die Straße gehen konnte, all das ist seit der „Flüchtlingswelle“ in Gefahr. So will es uns „Zukunft Heimat“ jedenfalls Glauben machen. Eine Frage sei erlaubt: Haben wir bisher im selben Land und in derselben Stadt gelebt?
Das Bündnis „Cottbus nazifrei“ macht auf drei Raubüberfälle mit einer Pistole im Oktober letzten Jahres aufmerksam. Dabei wurden offenbar ein Asia-Markt, zwei Pizza-Lieferanten und drei Jugendliche – scheinbar von Deutschen – überfallen. Wo blieb der öffentliche Aufschrei? In den letzten Jahren wurden immer wieder Jugendliche im Puschkinpark verprügelt – von Deutschen. Ein alternatives Jugendzentrum in der Parzellenstraße wurde in den letzten Jahren immer wieder von Deutschen angegriffen. Eine Abschlussfeier von Absolventen der medizinischen Fachschule wurde von einer Gruppe Deutscher überfallen. Und das sind nur ein paar Beispiele.
Cottbus war seit der sogenannten Wiedervereinigung Deutschlands zu keinem Zeitpunkt das Idyll, vor dessen Verlust „Zukunft Heimat“ jetzt warnt. Angriffe, Demütigungen und Misshandlungen haben nicht erst mit den Flüchtlingen Einzug gehalten. Und wer seine Jugend im Sachsendorf der 1990er Jahre verbracht hat, sollte so ehrlich sein und dies eingestehen.
Selbst heute noch hört man immer wieder, dass Leute auf keinen Fall in bestimmten Stadtteilen wohnen wollen, dass sie ihre Kinder nur ungern auf bestimmte Schulen schicken wollen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass es soziale Brennpunkte in der Stadt gibt, in denen sich Konfliktpotenzial häuft. Aber auch sie hat es schon vor der „Flüchtlingskrise“ gegeben.
„Zukunft Heimat“ meint, die „kulturell, religiös und ethnisch völlig fremden“ Männer „aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, aus Pakistan, Eritrea und Marokko, Nigeria und Mauretanien, die zu Hunderttausenden illegal in unser Land kommen“ würden die Lebens- und Rechtsordnung unseres Landes in ihrer Substanz bedrohen.
Die Rechte der Frauen werden in diesem Zusammenhang immer wieder genannt, die von Muslimen nicht respektiert würden. Ja, die meisten Flüchtlinge kommen aus Kulturen, in denen Frauen nicht den selben Stellenwert haben wie Männer. Ist das aber schon ein Grund, sich moralisch über diese Menschen zu erheben?
Frauen erhalten auch in der Bundesrepublik Deutschland für dieselbe Arbeit weniger Lohn und Gehalt als Männer. Wie weit ist bei uns die Gleichstellung tatsächlich vorangeschritten, wenn der Lohnunterschied bis zu 30 Prozent beträgt? Wozu brauchen wir Frauenhäuser, wenn deutsche Männer ihre Frauen immer mit dem nötigen Respekt behandeln?
Die Zahlen zur sexuellen Gewalt sprechen eine deutliche Sprache. Allein in Bayern werden jedes Jahr nach Schätzungen 140.000 Frauen zur Zielscheibe sexueller oder körperlicher Gewalt, von denen 90.000 schwer misshandelt werden. Einer Studie aus dem Jahr 2004 besagt, dass 40 Prozent aller in Deutschland lebenden Frauen seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Jede vierte Frau hat häusliche Gewalt erlebt und jede achte sexuellen Missbrauch.
Wie groß war der Aufschrei nach der Kölner Silvesternacht und wo bleibt er, wenn es um die Taten deutscher Männer geht? Wer Vorkämpfer von moralischen Werten sein will, sollte auch die Verfehlungen der eigenen Bevölkerung kritisieren. Ansonsten macht man sich unglaubwürdig.
Zunehmend gewinne ich den Eindruck, dass es bei diesen „Protesten“ nur vordergründig um die Furcht vor dem Verlust der eigenen Kultur und der eigenen Werte geht. Dahinter steht vielmehr Frust über die eigenen Lebensumstände, der im Laufe der Jahre gewachsen ist. Und wem will man das verdenken?
Der Sozialstaat wurde mit der Begründung ruiniert, es sei nicht genug Geld vorhanden. Gleichzeitig wurde eine privilegierte Minderheit von Steuern befreit. Jahrelang haben die Menschen hierzulande das Märchen von den leeren Kassen geschluckt, haben hingenommen, dass die Gesundheitsversorgung immer schlechter wurde und dass die Kommunen ausgeblutet wurden. Von meiner Generation werden viele im Alter auf Sozialhilfe angewiesen sein, obwohl sie bis 67 oder gar bis 70 arbeiten werden.
All das sind keine Gründe, Luftsprünge zu machen. Die Wut auf die „Systemparteien“ und die „gleichgeschaltete Presse“ wird dadurch verständlich. Und diese Wut teile ich uneingeschränkt. Seien wir aber ehrlich zu uns selbst: Den Grundstein dieser Entwicklung hat schon Helmut Kohl (CDU) gelegt. Fortgesetzt und verschärft wurde sie von Gerhard Schröder (SPD), und diese Politik wird bis heute fortgesetzt. Die „Flüchtlingswelle“ hat diese Entwicklung nur für jedermann sichtbar gemacht, sie war aber nicht ihr Auslöser.
An dieser Stelle würde ich am liebsten einen Aufruf schreiben, denn Wut kann eine gute Motivation sein, um etwas zu verändern. Ich würde am liebsten dazu aufrufen, dass alle in die Gewerkschaft eintreten und für höhere Löhne kämpfen. Am liebsten würde ich dazu aufrufen, dass sich das arbeitende Volk den gesellschaftlichen Reichtum zurückholt. Aber den Aufruf schreibe ich nicht, denn ich bin mir im Klaren darüber, dass er unbeachtet verhallen würde. Die Deutschen seien ein Volk, das sich erst eine Eintrittskarte zum Bahnsteig kauft, wenn es den Bahnhof stürmen will, sagte einmal ein revolutionärer Russe. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur das Fernsehprogramm ist vielfältiger geworden und bietet mehr Ausreden, nichts zu tun.
pictures/artikel/IMG_17571233.jpgCollage: Matthias Glaubitz / Bilder: pixabay.com CC0


Die Redaktion hat eine Zuschrift erhalten, die sich mit der aktuellen Situation in der Stadt befasst. Die „Blicklicht“ versteht sich auch als Meinungsforum. Deshalb haben wir beschlossen, den Text zu veröffentlichen. (bm)


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