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Kommentar

Weihnachten

von Hildegard Schmidt-Pachulke, Politik

Weihnachten ist kommet. Das schön-schizophrene Ende ist wieder da und klingglöckelt ausnahmslos an jeder Tür. Nicht jeder macht auf, manch and're ist abwesend und nicht wenige Dritte machen Sonderleiharbeiten bei "omazan" (oder wie das heißt) in Leipzig oder bei diversen Paketlieferdiensten. Ich liebe diese Zeit. Liebte sie schon immer. Besonders natürlich als Kind, unbefangen und unendlich unwissend. Weihnachtszeit, Geschenkezeit.
Dieses Jahr wünsche ich mir nicht viel, dafür etwas Außergewöhnliches: einen Generalstreik. Einen, der etwas in deutschen Landen noch nie Dagewesenes gebiert, nämlich: einen Generalstreik. Einen Widerstand, der am lebkuchenherzigen Ende vor allem Einen arbeitslos macht, nämlich den dickfeisten, rotgekleideten Mann mit weißem Rauschebart. Ja, was ich mir sehnlichst wünsche, ist ein Kaufhype strike oder wie das in der Jugendsprache heißen würde. Konsumtempel und Einkaufsmeilen, die zwar eine 24-stündige Offenheit, aber nicht einen einzigen Kunden vorweisen können und deshalb ihre Verkäufereifachangestellt*Innen vorzeitig in die Feiertage entlassen. Ich wünsche mir Internet-Verkaufsportale, bei denen die eingehenden Bestellungen gegen Null tendieren und sich die braven Server wegen Minimalstbelastung von selbst abschalten. Omazan, abey, zolanda – große gähnende Leerseiten auf den Bildschirmen. Oder vielleicht ein digitales optisches Rauschen, ein Ameisenwirrwarr, wie man es früher von den Analogfernsehern kannte.
"Weihnachtsmann stürzt ab auf AlG II – alle 99 Wichtel auf einen Schlag obdachlos" würde die Blöd betiteln, aber keiner will es lesen. Alle sind froh, dass sie mitmachen beim größten Konsumstreik der Überhaupt-Zeit. Das Letzte, was Mitte Dezember gekauft wurde, war eine Nordmann- oder Blautanne. Die wird aufgestellt und leuchtäugelnd geschmückt am Vormittag des 24. Und letztlich fiebern alle den Abendstunden entgegen. Dann wird es nämlich nur drei Dinge geben: Glühwein, Kerzenschein, Liederlein.
Hallelujah,
Ihre Hildegard Schmidt-Pachulke
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