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Kriegsverbrechen ahnden, nicht ignorieren

Andrej Zgonjanin: Der Umgang mit Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien

von Bernd Müller, Buch

Es gibt wohl keinen militärischen Konflikt, der nicht Opfer unter der Zivilbevölkerung fordert. Besonders schlimm dürfte in diesem Zusammenhang die Bilanz von Bürgerkriegen ausfallen. Gräueltaten zwischen den verfeindeten nationalen oder religiösen Gruppen dürften dabei häufig vorkommen. Der jugoslawische Bürgerkrieg, der 1991 begann und bis 1999 andauerte, ist ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte. Städtenamen wie Sarajevo und Srebrenica stehen dabei synonym für die schlimmsten Kriegsverbrechen seit 1945.

Andrej Zgonjanin hat im österreichischen Promedia-Verlag ein Buch herausgebracht, dass sich mit dem Umgang mit Kriegsverbrechen im jugoslawischen Bürgerkrieg beschäftigt. Damals „ereigneten sich vor allem in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo schwere Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, wobei alle Konfliktparteien in Kriegsverbrechen verwickelt waren“. Zgonjanin fragt in seinem Buch, wie sich die politische und militärische Führungsebene der einzelnen Konfliktparteien gegenüber den Kriegsverbrechen verhielt und ob sie Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht duldete. Die wichtigste Quellenbasis des Buches bilden Gerichtsprozesse, Urteile und Archivdokumente des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

Das Buch ist - ohne Frage – keine leichte Kost. Das gilt nicht nur für den Gegenstand der Untersuchung, sondern auch für die Darbietung der Informationen. Wer aber Interesse für die jüngere Geschichte zeigt, wird in dem Buch viele wertvolle Informationen finden.

Kriegsverbrechen, wie sie im ehemaligen Jugoslawien vorkamen, waren vermeidbar. Es fehlte aber der politische Wille, gegen die Täter vorzugehen. Und keine Konfliktpartei kann von dieser Schlussfolgerung ausgenommen werden. „Es existierte keine Kriegspartei, welche sich bei der Ahndung von Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht hervorgetan hätte, auch wenn punktuell Aufklärungsversuche stattfanden.“ Der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milosovic hatte Generäle bloßgestellt, die gegen Kriegsverbrechen vorgehen wollten. Und der ehemalige kroatische Präsident Franjo Tudjman hatte seinen Generälen keine klaren Anweisungen zur Ahndung von Kriegsverbrechen gegeben. Stattdessen bestanden die Strategien im Umgang mit Kriegsverbrechen vielfach in: „Ignorieren, Vertuschen, Verschweigen, Verharmlosen, Bestreiten“.

Für Zgonjanin ist klar: „Untätigkeit gegenüber Kriegsverbrechen ist ein Zugeständnis an die eigenen Soldaten, Morde, Plünderungen und Brandstiftungen zu verüben“. Diese Erkenntnis ist allerdings nicht nur für die Aufarbeitung wichtig, sondern auch für die Beurteilung aktueller Vorkommnisse. Wenn ein deutscher Oberst beispielsweise in Afghanistan einhundert Zivilisten durch einen Bombenangriff töten lässt und dann zum General befördert wird, ist das ein fatales Zeichen.
Andrej Zgonjanin (2018):
„Der Umgang mit Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien 1991 – 1999“

Wien: Promedia Verlag, 256 Seiten
ISBN: 978-3-85371-440-9
Preis: 25 Euro
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