Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Kritik der Migration

von Bernd Müller, Buch

Über Migration zu diskutieren, fällt heutzutage immer noch nicht leicht, das Thema ist immer noch brisant. Schnell wird man in eine politische Schublade gesteckt. Je nachdem, mit wem man spricht, ist man ein „Gutmensch“, ein „Bahnhofsklatscher“, ein „Rassist“ oder ein „Wutbürger“. Besonders für Linke ist es schwierig, sich kritisch zu dem Thema zu äußern. Aus den eigenen Reihen hagelt es dann schnell Vorwürfe: man wäre „rechtsoffen“ oder würde „Querfront“ betreiben. Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht kann sicherlich inzwischen ein Lied davon singen.

Dem Publizisten und Historiker Hannes Hofbauer aus Österreich ist bewusst, dass er sich mit seinem Buch „Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert“ auf vermintes Gelände begibt. Er wagt trotzdem den Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema Migration. Wer allerdings das Buch in die Hand nimmt, um seine nationalistischen und rassistischen Vorurteile zu pflegen oder bestätigt zu finden, der hat sich definitiv das falsche Buch gekauft. Hofbauer kommt es darauf an, die meist menschengemachten Ursachen und Gründe von Migration zu beleuchten und zu hinterfragen.

Damit unterscheidet sich seine Sicht auf die Dinge stark von der „medial und politisch“ dominierenden Darstellung von Migration. In Europa sei die Not von Kriegsflüchtlingen „der Wirtschaft zum Nutzen und dem Gewissen zur Beruhigung angeboten“ worden. Damit sei es gelungen, „die Diskussion über die auslösenden Faktoren für Migration sowie ihren zerstörerischen Charakter für die Herkunftsländer, aber auch die Zielländer der Auswandernden zu verdecken“. Als Zeichen von Weltoffenheit und Diversität pralle die Migration nun aber zunehmend „auf die Wirklichkeit der gesellschaftlichen und politischen Kosten“. Und weil es keine „strukturelle sozioökonomische Kritik an Mobilität insgesamt“ gebe, konnte die politische Rechte das Opfer der weltweit zunehmenden ungleichen Entwicklung, den Migranten, zum Sündenbock stempeln.

Die politische Linke schwanke wiederum zwischen „Schockstarre und der Übernahme liberaler Postulate“. In diesen werden Migration, getreu ihrer Verwertbarkeit und „in multikultureller Blauäugigkeit“, zu einem nicht hinterfragbaren positiven Bekenntnis. Die ihr zugrunde liegende weltweite Ungleichheit bleibe ausgeblendet oder werde dem karikativen Denken untergeordnet. Damit verstelle der einzelne, von Krieg, Krise und Umweltzerstörung gezeichnete Migrant den Blick auf die Funktion von Migration. Sie bilde nämlich nur den „Schlussstein im Mosaik globalistischer Interventionen, deren wirtschaftliche und/oder militärische Ausgriffe Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage entziehen. An die Abfolge Schießen-Flüchten-Helfen und ihre ständige Wiederkehr hätten sich nicht nur die Zyniker dieser Welt bereits gewöhnt. Mit seinem Buch will Hofbauer diese sich ständig wiederholende Abfolge durchbrechen.

Migration gab es immer, sie war aber nie die Norm oder eine Bedingung menschlichen Lebens, wie die Ideologen „der globalistisch-liberalen Moderne“ behaupten. In der Menschheitsgeschichte habe es Milliarden von Lebensläufen gegeben, die keine Wanderung gekannt hätten. Deshalb, so Hofbauer: Die Norm sei die Sesshaftigkeit.

Die wirtschaftliche Entwicklung und die mit ihr einhergehende Schaffung von wirtschaftlichen Großräumen wie die Europäische Union habe viele Menschen über ihren vormals kleinräumigen Lebensraum hinaus mobilisiert, was man als Chance sehen oder auch beklagen kann. Unredlich sei es allerdings, „in dieser Tatsache eine gottgegebene oder genetisch verankerte ‚Conditio humana‘ zu sehen“. Diese Denkweise folge ziemlich genau globalistisch-neoliberalen Erfordernissen mächtiger Kapitalgruppen und den Aussagen ihrer politischen Vertreter.

Hofbauer hält es für notwendig, an die Betrachtung historisch heranzugehen, um „Struktur und Funktion aktueller Migrationsbewegungen besser einschätzen zu können“. Denn die Zerstörung von Lebensgrundlagen, Kriege, Vertreibungen sowie Umweltkatastrophen gehörten seit Jahrhunderten zu den entscheidenden Ursachen für Wanderungen. Die meisten seien vom Menschen gemacht und Folge ökonomischer und oftmals auch geopolitischer Interessen gewesen.

So beschäftigt sich Hofbauer in seinem Buch mit der Besiedlung Amerikas durch die Europäer und die Verschleppung von Afrikanern dorthin. Sie sei das „mutmaßlich langwierigste und brutalste Migrationsgeschehen“ gewesen. Er beschäftigt sich weiter mit den europäischen Arbeitswanderungen des 18. und 19. Jahrhunderts, mit den Flucht- und Zwangsarbeiterregimen der beiden Weltkriege, den „Gastarbeiter“-Wellen seit den 1950er-Jahren und den Zustrom von Osteuropäern nach Mitteleuropa infolge von politischen Zusammenbrüchen und dem Jugoslawienkrieg.

Einen weiteren Schwerpunkt legt Hofbauer auf die gesellschaftlichen Auswirkungen von Migration sowohl in den Herkunfts- als auch in den Zielländern. Dabei stehen insbesondere wirtschaftliche, soziale und kulturelle Verwerfungen im Fokus. Denn: Jede Massenwanderung sei „bereits eine Reaktion auf gewaltige regionale und soziale Katastrophen in den Herkunftsländern der Migrierenden, die mit ihnen logischerweise auch die Zielländer erreichen“.

„Wohlstand macht immobil“, schreibt Hofbauer und beruft sich dabei auf verschiedene Wirtschaftswissenschaftler. Mit anderen Worten heißt das, nur wer aus welchen Gründen auch immer keine Zukunftsperspektive daheim findet, sucht sein Glück in der Ferne. Hofbauer schließt daraus: Es sollten nicht die Menschen auf Wanderung geschickt werden, sondern die Industriestaaten sollten Wohlstand exportieren und dafür sorgen, dass sich Lebensqualitäten einander angleichen.
Hannes Hofbauer (2018):
Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert,

Wien: Promedia Verlag, 271 Seiten
Preis: 19,90€ (print)
Bei Amazon kaufen

Hinweis: kultur-cottbus.de benutzt Amazon Affiliate Links. Eine Bestellung über einen solchen Link bringt euch keine Nachteile, der Blattwerk e.V. wird aber mit einen geringen Prozentsatz am Umsatz beteiligt.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus