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TheaterBlick

Theater und Kultur in Zeiten von Corona

von Angelika Koch, Kultur

…findet erst einmal nicht statt. Seit dem 13. März musste das Staatstheater alle seine Vorstellungen zunächst bis nach Ostern absagen. Zeitlich versetzt um ein, zwei Tage folgten die anderen Theater der Stadt und des Umlandes. Die Bibliothek schloss ihre Pforten genauso wie das brandenburgische Landesmuseum für Moderne Kunst in Cottbus und in Frankfurt/Oder. Die Kinos stellten ihren Spielbetrieb seit dem 17.März ein. Das Planetarium pausiert notgedrungen ebenso wie die Museen der Stadt. Das Jugendkulturzentrum Gladhouse hofft gleichermaßen auf die Zeit nach den Osterferien wie andere Kinder- und Jugendeinrichtungen der Stadt und des Umlandes. Das kulturelle Leben liegt in einem Dornröschenschlaf, aber hinter den Kulissen wird fieberhaft weitergearbeitet. Theater versuchen, eine Planung für den Tag X zu machen, bieten inzwischen kleine digitale Angebote für ihre Zuschauer, die momentan dazu aufgerufen sind, zu Hause zu bleiben. Etliche Künstler der Neuen Bühne Senftenberg und des Staatstheaters geben Kostproben ihres Könnens, die die geneigten Zuschauenden sich auf verschiedenen Social-Media-Plattformen anschauen können. Den Museen des Landes können virtuelle Besuche abgestattet werden. Freischaffende Künstler bieten im Netz Wohnzimmerkonzerte an. Die Schneidereien der Theater nähen statt Kostümen Atemschutzmasken.

Nichts ersetzt das Liveerlebnis

Ich kann auf eine riesige Auswahl von kulturellen Angeboten im Internet zugreifen. Aber all das kann das Liveerlebnis im Theater- und Konzertsaal oder den realen Besuch einer Ausstellung nicht wirklich ersetzen. So hoffe ich, dass die Zuschauer und Besucher nach dem Ende dieser besonderen Zeit, die gleichzeitig auch eine Zeit des Innehaltens ist, all das, was jetzt fehlt , besonders wertschätzen und in die Kultureinrichtungen nur so strömen werden. Schwer genug wird dieser Neuanfang allemal, besonders aber für all die Kulturschaffenden, die nicht fest angestellt sind, für die die erzwungene Pause existenzbedrohend ist. Auch an Landesbühnen und Bespieltheatern wird diese Zwangspause nicht spurlos vorüber gehen, wie erst kommen die vielen kleinen Privattheater, Clubs, freischaffenden Solokünstler über die Runden? Ob die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen bei Erscheinen dieser Blicklicht-Ausgabe beendet sind, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Wie auch immer, unterstützt eure Lieblingskultureinrichtungen mit Zuspruch und/oder Spenden, denn auch wenn Kunst und Kultur momentan nicht „systemrelevant“ sind, wir merken es jetzt, ohne sie kann das Leben mehr als dröge sein.

Abschied von Schauspieldirektor Jo Fabian

Dem scheidenden Schauspieldirektor des Staatstheaters, Jo Fabian, hätte man einen glanzvolleren Abgang gewünscht, so aber werden, wenn überhaupt, noch ein oder zwei Mal seine „Faust“- und auch seine „Antifaust“-Inszenierungen zu sehen sein. Wie schon vor seiner „Faust“-Premiere Ende November 2019 angekündigt, hatte er sich mit seinem Team einen Faustkommentar ausgedacht, weil „Goethes Figur nicht mehr als Grundmuster menschlichen Verhaltens tauge“. Im Nachhinein kann man jetzt vieles als Vorahnung der dann folgenden Corona-Krise deuten, aber eigentlich wissen wir es alle schon lange. So, wie der Mensch diesen Planeten ausgebeutet, kann es nicht weitergehen.
Und so sollte man die im Januar 2020 herausgebrachte Inszenierung des Musiktheaters „Im Weißen Rössl“ in ihrem gesellschaftskritischen Duktus aus heutiger Sicht noch einmal genauer betrachten. Diese Aufführung wird mit Sicherheit auch in der nächsten Spielzeit noch mehrfach zu sehen sein, und deshalb bietet sich eine Rezension an dieser Stelle an.

Foto: ANTIFAUST © Marlies Kross
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„Im Weißen Rössl“
Premiere im Staatstheater am 29.1.2020


„Halb zog sie ihn, halb sank er hin“, so war ich eigentlich in die Operettenpremiere gegangen, weil dieses Theatergenre so gar nicht das meine ist. Ein-, zweimal hatte ich das gefühlsselige musikalische Singspiel um die Wirtin eines Ausfluglokals am Wolfgangsee, den in sie verliebten Zahlkellner Leopold und die verschiedenen Stammgäste, einer skurriler als der bzw. die andere, schon erlebt und die verschiedenen musikalischen Hits sogleich im Ohr.
„Im weißen Rössl“ ist eine der meist gespielten Operetten im deutschsprachigen Raum, die 1930 von einem Komponistenkollektiv unter Ralph Benatzky und dem Texter Robert Gilbert geschrieben wurde. Auf den Theaterbühnen allerdings wurde bis vor einiger Zeit ausschließlich eine weichgespülte Bearbeitung von 1951 gespielt, denn die Originalnoten waren seit der NS-Zeit verschwunden, weil die „jüdische Kitschoperette“ von den Nationalsozialisten verboten und der Musikverlag Ernst Bloch aufgelöst worden war. Es existierte nur noch ein Klavierauszug des Originals, und erst 2008 wurde im Archiv des Theaters Zagreb die Orchesterfassung von 1930 gefunden.
Und deshalb überraschte mich diese Premiere außerordentlich, denn oft glaubte ich, meinen Ohren nicht zu trauen. War das tatsächlich die plüschige österreichische Postkarten- Gemütlichkeit, die man beim „Weißen Rössl“ erwartet? Von der Ouvertüre an schlug der seit Januar 2020 engagierte neue 1. Kapellmeister Johannes Zurl ein außerordentliches Tempo an, aber das Orchester folgt ihm in gewohnt hoher Qualität, und es beherrscht den Wechsel zwischen Folklore, sentimentaler Salonmusik, Jazz und großer Revuemusik. Oft klingt der Sound herb und fast brutal. Die Handlung, die Regisseur Kay Link mit dem Opernensemble, dem Kinder-und Jugendchor des Staatstheaters, einer aus freischaffenden Tänzern und Tänzerinnen zusammengestellte Balletttruppe und einigen Statisten auf die Bühne bringt, ist ganz und ganz nicht verstaubt, sondern sehr modern, witzig und durchaus auch gesellschaftskritisch.
Eine Inszenierung mit vielen Gegenwartsanspielungen
Das Gasthaus „Im Weißen Rössl“ ist in die Jahre gekommen, deshalb war es offensichtlich unumgänglich, es von Grund auf sanieren zu lassen. Dass die Bauarbeiten sich zum Leidwesen der Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber (Gesinde Forberger) bis in die Saison hineinziehen, ist schon mal ein Fingerzeig auf die Gegenwart, wo so manche Groß- und Kleinbaustellen bis zu ihrer Fertigstellung Jahre brauchen. So sehen die Zuschauenden das Wirtshaus mal verhängt mit einem Bauschutzvorhang, auf dem die Rössl-Wirtin riesig porträtiert ist, mal schaut man auf die Baugerüste der Vorderfront. Während der gesamten Vorstellung sieht man immer wieder Bauarbeiter auf diesen Gerüsten oder zwischen den Gästen mehr oder weniger emsig arbeiten. Vor dem Haus ist das Gartengestühl des Biergartens aufgebaut, aber es gibt auch notdürftig verdeckte Baugruben und entsprechende Warnschilder. Auf der rechten Seite neben dem Orchestergraben ist die Anlegestelle der Ausflugsdampfer des Wolfgangsees angedeutet, links vor einem Bergpanorama steht einer der Gartentische mit vier Stühlen. Wenn das gesamte Ensemble auf der Bühne agiert, wird es ziemlich eng vor dem Wolfgangsee (Bühnenbild Bernhard Niehotz).
Trotz der nicht abgeschlossenen Bauarbeiten muss das Geschäft weitergehen, denn die Saison ist kurz, und der Rubel muss rollen. Die Belegschaft unter Zahlkellner Leopold (in der Premiere Heiko Walter) muss spuren. Doch Leopold ist in die Wirtin verliebt, die wiederum davon träumt, die ganze Plackerei hinschmeißen zu können, und nach Berlin zu ziehen. Das ginge aber nur, wenn denn der Rechtsanwalt Dr. Siedler, langjähriger Gast aus Berlin (Hardy Brachmann als sportiver ewiger Jungspund), in den sie verliebt ist, ihr doch endlich den von ihr erhofften Antrag machte. Die anderen mehr oder weniger skurrilen Gäste sind der Trikotagenfabrikant Wilhelm Giesicke (als Gast Heiko Stang, der kräftig und poltrig aufspielt und herrlich berlinern kann, beim Gesang dagegen ziemlich blass wirkt) und seine Tochter Ottilie (Debra Stanley, deren Metier die Operette sichtlich nicht ist, denn sie wirkt blass und etwas müde). Dafür ist die legendäre Rolle des Sigismunds „mit den wunderschönen Beinen“ aus dem Opernchor besetzt. Thorsten Coers ist sowohl sängerisch als auch spielerisch eine Entdeckung. Beim Tet-a-tet mit Klärchen (Mirjam Misterfeld), der Tochter des Privatgelehrten Prof. Hinzelmann (schön, Matthias Bleidorn mal wieder in einer Solorolle zu erleben), geht es zwischen den beiden ordentlich zur Sache.
In der Handlung gibt es eine ganze Reihe von Anspielungen auf die Gegenwart, denn die Touristengruppen (die Damen und Herren des Opernchores geben herrliche Typen) werden in Massenabfertigung aus Bussen und Dampfern ausgeladen und im Eilzugtempo von einer Sehenswürdigkeit zur andere gejagt (Sandra Bösel als Reiseführerin, die noch zwei weitere kleine Rollen recht komödiantisch gestaltet) und dementsprechend im Ausflugslokal vor das Personal drängeln. In den turbulenten Massenszenen sind leider nicht immer alle Texte des Chores zu verstehen. Um bei den Touries nur keine Langeweile aufkommen zu lassen, gibt es ein Schau- Melken, wofür das variable Bühnenbild auf der Rückseite des „Rössls“ den Kuhstall zeigt, in dem die „menschlichen“ Kühe hingebungsvoll im Rhythmus der Musik mit ihren Hintern wackeln.
Heiko Walter ist ganz in seinem Metier, singt und tanzt gewohnt versiert und reißt seine Partnerin Gesinde Forberger schwungvoll mit. Es gibt auch einige politische Anspielungen zu entdecken, wie z.B. im Lied „Es muss was Wunderbares sein“, bei dem Leopold sich direkt an die Zuschauer und Zuschauerinnen mit Textpassagen wie „der Fremde will auch nur leben“ und „es ist 5 vor 12“ wendet oder bei einem Gruppenbild mit dem Schlagerstar Kaiser, wo die Rössl-Wirtin zwei Braunhemden verjagt.
Die Lösung, dass statt des greisen österreichischen Kaisers in der Originalhandlung der greise Schlagerstar gleichlautenden Namens auftritt, ist geschickt, wenn auch Max Ruda, langjähriges Opernensemblemitglied, mit seinen 86 Jahren etwas Mühe hat, dem hohen Tempo der Inszenierung zu folgen. Die Anspielung auf noch agierende Schlagersänger mit sie umjubelnden Fans ist auf jeden Fall gelungen.
Das gastierende Tanzensemble unter der Choreografie von Julia Grunwald gibt der Inszenierung noch einmal einen besonderen Kick, denn die teilweise ziemlich artistisch agierenden Tänzerinnen und Tänzer wirbeln als Bauarbeiter ständig auf der Bühne herum und rauben dabei der „Rössl“-Wirtin den letzten Nerv.

Wieweit jeder einzelne von uns die durch die Corona-Krise erzwungene Auszeit nutzen und sein alltägliches Verhalten darüber hinaus ändern wird, wird sich zeigen. Sanfter Tourismus statt Massentourismus auf Superferienschiffen oder statt oft mehrfach im Jahr stattfindende Flugreisen auf Ferieninseln oder in die letzten Naturrefugien, die die Erde noch hat, wäre ja schon ein Anfang. Und nicht zu vergessen: Wieder aus vollen Zügen leibhaftig Kultur genießen in Theatern, Konzerthallen, Museen und Kinos!

Foto: IM WEISSEN RÖSSL © Marlies Kross
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