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Wir haben bei vielen Fans den richtigen Nerv getroffen

Ein Gespräch mit der Band LETZTE INSTANZ

von Danny Schulz, Kultur

Seit zwei Jahrzehnten schon treiben LETZTE INSTANZ ihr musikalisches Unwesen, irgendwo zwischen Gothic, Folk und Deutschrock/-pop. Vom Mittelaltermarkt in die Charts und nun nach Cottbus.
Sänger Holly Loose stand mir mit seiner lubrikationsfördernden Stimme zur Verfügung, um uns einen Blick hinter die schwarzen Kulissen von LETZTE INSTANZ zu verschaffen. Dort geht es bei weitem weniger düster zu als im Rest der Republik in diesen Tagen.


Morgenland ist seit zwei Wochen draußen, Cottbus ist der zweite Tourstopp. Seid ihr entspannt hinsichtlich des Auftritts?
Ja. Wir sind recht entspannt. Wir haben uns ja kurz vor der Tour für eine Woche eingeschlossen und alles 5 Tage lang à 10 Stunden geprobt. Da konnten wir sicher auf die Bühne gehen.

Ein bisschen Lampenfieber ist aber auch nach 20 Jahren noch dabei. Denn es gibt genug unbekannte Variablen, die so ein durchgeplantes Konzert doch noch ins Chaos führen können. Kabelbruch, Fellriss, Sängerohnmacht… Alles kann passieren…

Wie fiel in euren Augen die Kritik zu MORGENLAND aus? Bzw. welche Resonanz habt ihr erwartet nachdem euer letztes Album LIEBE IM KRIEG auf Platz 4 gechartet ist.
Nun, wir haben schon ungefähr mit Top Ten gerechnet. Aber das ist nicht so wichtig. Es dient nur der kurzen Beweihräucherung und dem Gefühl, doch ziemlich viel richtig gemacht zu haben. Im Zuge der Promotion und der Prelisteningsessions haben wir schon gemerkt, dass wir auf dem richtigen Dampfer sind und bei vielen Fans doch den richtigen Nerv getroffen haben. Ob sich das nachhaltig auswirkt, werden wir auf der Tour sehen.

In den 20 Jahren Bandgeschichte hat sich der Musikstil laufend verändert. Mittlerweile stehen statt Folk- auch Popelemente im Vordergrund. Seid ihr Fragen dazu schon leid? Was steht in Aussicht, wo geht die Reise hin und wie lange haltet ihr noch durch?
Ach naja. Natürlich kommen immer mal die gleichen Fragen, es liegt ja auch nahe. Nach so vielen Besetzungs- und Stilwechseln kann man ruhig mal fragen, ob noch alles in Ordnung ist. Und: Ja! Es ist alles in Ordnung. Die Stilwechsel sind, wenn man sie überhaupt so nennen kann, ja gar keine echten Wechsel. Es sind Stimmungen. In 20 Jahren muss man sich zwangsläufig weiterentwickeln, seinen Horizont erweitern und zu anderen Wegen kommen, sonst hat man irgendwas falsch gemacht, glaube ich. Wie lange wir das durchhalten, weiß niemand. Kann sein, dass wir älter als die Rolling Stones werden. Kann sein, dass wir nächstes Jahr aufhören.

Ihr habt einen Titel gewählt, der Interpretationsraum lässt. Gibt es DIE eine Bedeutung?
Nein, wir legen großen Wert darauf, sich selbst damit zu befassen. Sicher gibt es mindestens zwei klar erkennbare Interpretationswege. Morgenland als das Land aus den Geschichten aus 1001 Nacht und das Land von Morgen. Die Brücke zwischen beiden Interpretationen überlassen wir gern dem Rezipienten.

Die Promophase hat mir persönlich MORGENLAND als ein sehr politisches Album erscheinen lassen. „Mein Land“ behandelt beispielsweise den Hass, den man gerade im Osten oft seitens besorgter Bürger und Nazis vernimmt. Zum Anfang erst einmal die Frage, was bedeutet Hass für euch?
Hass ist nicht gut. Hass macht blind. Hass macht schwach.

„..Mein Land geb ich nicht aus der Hand..“ Völkisches Denken ist leider immer noch tief verankert in unserer Gesellschaft. Glaubt ihr, dass man rechtem Gedankengut einen gesunden Patriotismus entgegen halten sollte? Oder thematisiert ihr damit eher die übermäßige nationale Identifikation der Rechten?
Wir meinen damit, dass niemand das Recht hat, sich in die Komfortzone eines anderen zu drängen, um es mal ganz allgemein zu formulieren. Egal welche Hautfarbe, Gesinnung oder Religion oder, oder, derjenige hat.

Sowohl in eurer Homezone Dresden als auch hier bei uns in Cottbus formiert sich der Faschismus unter der Maske der Systemkritik. Wird es durch das Reagieren darauf schwerer eigene Themen anzusprechen?
Nein. Man kann ja sortieren. Klar muss man wachsam sein und den Anfängen entgegenstehen. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht mehr lachen oder auch mal unbesorgt sein darf.

Gibt es nach 20 Jahren überhaupt noch neue Geschichten zu erzählen?
Jeder Tag erzählt eine neue Geschichte. Es fällt schwer, die ganzen Geschichten zu minimieren und so einzudampfen, dass sie auf ein Album passen.

Der Song „Children“ ist ein Cover + Zusammenarbeit mit der israelischen Band „Orphaned Land“. Woher kommt die Connection? Das Musikvideo zeigt bewegende Aufnahmen. Woher stammen diese? Alles extra für euch eingefangen?
Dazu gibt es einen offenen Brief unseres Sängers Holly, den wir hier nochmal mit anfügen.
pictures/artikel/IMG_22399551.jpg© Andraj Sonnenkalb



Offener Brief von Holly Loose



Mein Name ist Holly Loose. Ich bin Künstler und Vater. Als Vater habe ich die Pflicht, meine Kinder zu schützen, soweit es in meiner Macht steht. Als Künstler habe ich die Pflicht, unter anderem dafür einzustehen, dass es, zum Beispiel aufgrund eines Krieges, niemals dazu kommt, meine und deine Kinder nicht mehr schützen zu können.
Eines lauen Sommerabends saß ich in einem beschaulichen Stadtteil von Berlin an meinem Rechner und flanierte ziellos durchs Internet. Ich stieß von einem Post zum nächsten und plötzlich tat sich ein Youtube-Video vor mir auf, dessen Bilderinhalt das Schicksal der Kinder Aleppos beklagte und dessen Audiospur ein tragisch anmutendes, sanft beginnendes und sich immer mehr zum Rocksong entwickelndes Lied trug, welches in den Strophen auf Englisch und in den Refrains auf Arabisch vorgetragen war. Das Zusammenspiel zwischen Bildmaterial, Sprache und Musik war so gewaltig, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Ich kam nicht umhin, mich mit dieser Band näher zu befassen und staunte nicht schlecht. „Orphaned Land“ kannte ich noch aus meiner Zeit in Istanbul. Das Lied beschäftigte mich noch ein paar Tage. Ich fasste mir ein Herz und schrieb Kobi Farhi, den Sänger dieser israelischen Band, einfach an, erzählte ihm, dass ich Vater zweier Kinder sei und mich dieses Lied zu tiefst berührte. Ich bat ihn darum, dieses Lied als Cover auf das neue Album meiner Band „Letzte Instanz“ in deutscher Sprache neu veröffentlichen zu dürfen. Es dauerte keine zwei Minuten und Kobi schrieb zurück, bedankte sich auf’s Herzlichste für mein Interesse an diesem Lied und mein damit verbundenes Anliegen.
Etwa zeitgleich hörte ich zufällig von einer Geschichte, die mich ebenfalls sehr berührte. Ein Mann namens Jan Jessen erschuf aus Spenden und eigenen Mitteln zusammen mit anderen engagierten Leuten aus Nordrhein-Westphalen ein Flüchtlingsdorf direkt im Nordirak. Was quasi als „Container-Sammelstelle“ begann, mauserte sich mehr und mehr zu einem kleinen Dorf mit einer gewissen Infrastruktur. Sogar eine Schule sollte es bald geben. Das imponierte mir. Auch Jan schrieb ich an, um zu erfahren, ob wir ihm als Band nicht irgendwie helfen könnten. Es dauerte auch hier weniger als eine halbe Stunde und wir kamen über Facebook ins Gespräch. Er erzählte mir von vielen sehr traurigen Dingen: Von Vätern, die ihre Kinder im Arm hielten, obwohl diese schon lange tot waren. Von Kindern, die ihre Eltern verloren hatten. Doch er erzählte mir auch von den Mädchen im Dorf, die jetzt sogar eine eigene Fußballmannschaft gegründet hatten, er erzählte mir von vielen positiven Dingen, die sich entwickelten, aber auch von Notwendigkeiten, die noch zu leisten seien. Zum Beispiel – das blieb mir besonders im Gedächtnis – fehlte es an Schulmaterial.
Unabhängig von diesen beiden Begebenheiten sitzen wir von „Letzte Instanz“ seit Januar diesen Jahres an einem neuen Album, welches nun schon fertig produziert, aufgenommen und gemixt ist, sitzen in den Startlöchern und warten auf den 16.02.2018, um endlich unser neues Baby in den Händen halten und der Welt zeigen zu können. Es ist unser 13. Album und heißt „Morgenland“. Dieser Titel trägt zwei Bedeutungen in sich. Zum einen natürlich das Morgenland, welches für uns Europäer seit je her so heißt, weil dort, im Osten, die Sonne und mit jedem Morgen ein neuer Tag aufgeht – für uns im Frieden. Wir kennen dieses Morgenland ja auch aus den „Geschichten aus 1001 Nacht“. Doch dieser Titel hat für uns noch eine andere, wichtigere Bedeutung: Das Morgenland als tatsächliches Land von Morgen, welches ein schönes, friedliches Land sein kann, wenn wir heute schon die Weichen für den Weg in eben dieses Morgenland stellen.
Ich erzählte meinen Bandkollegen von meinen beiden neuen Bekanntschaften, erzählte von der Möglichkeit, dieses Lied von „Orphaned Land“, obwohl es total unüblich ist, auf unserem Album noch einmal in deutscher Sprache zu veröffentlichen und bat sie um ihre Meinungen. Alle erwiderten ohne den Hauch eines Widerstandes oder Unwollens, dass wir dieses Lied unbedingt auf unser Album nehmen müssten, da ja schon der Albumtitel dies verlangte. Als zweites erzählte ich von Jan und seinem Flüchtlingsdorf. Sofort kristallisierte sich eine Idee heraus, die zwangsläufig geboren werden musste, nämlich das Lied von „Orphaned Land“ mit dem Flüchtlingsdorf im Nordirak zu verbinden.
Ich rief Jan erneut an, fragte ihn, wann er wieder in den Nordirak fliegen und ob er mich mitnehmen würde, damit ich mir einen Eindruck von der Situation und mehrere Bilder für ein Video zu diesem Lied machen könnte. Der Termin stand schneller als ich erwarten durfte. Ich fing an, mir ein paar Brocken Arabisch anzueignen, um gewappnet zu sein, und besorgte Stifte und Papier, welches ich für die Schule im Dorf mitnehmen wollte. Drei Tage vor Abflug wurde die Reise gecancelt, weil der Krieg um Mossul wieder aufflammte und eine Reise dorthin unmöglich war. Meine Frau war – zu Recht – ziemlich erleichtert. Jan versprach mir, aus seinem Bilder- und Filmfundus eine Auswahl zukommen zu lassen, damit wir das Video fertigstellen und so auch einen kleinen Teil leisten konnten. Nämlich der Pflicht gerecht zu werden, als Künstler aufzuzeigen, dass Krieg die scheißeste Scheiße aller Scheißen ist.
Am 03.12. nun wird dieses Video veröffentlicht. Es ist ein Gesamtwerk aus den Ideen mehrerer Künstler, Väter und Menschen. Ich danke allen von Herzen dafür, dass dieses Projekt realisiert werden konnte!
PS: Ich bitte dich nun darum, die Facebookseite der Caritasflüchtlingshilfe Essen e.V. (@fluechtlingshilfe.essen) zu besuchen, dich noch einmal selbst über das Projekt im Nordirak zu informieren und auf dem Spendenkonto der Organisation ein paar Euro zu hinterlassen, damit Schulmaterialien, und alles weitere Fehlende besorgt werden können.
Ich danke dir im Namen der Bands „Letzte Instanz“, „Orphaned Land“ und des Flüchtlingsdorfes NRW.

Holly Loose, 03.12.2017
Letzte Instanz - Morgenland
Erscheinungsdatum: 15. Februar 2018
Label: Afm Records (Soulfood)
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