Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Lenin - Ein Leben

von René Lindenau, Buch

Seine Hebamme soll über ihn gesagt haben: „Er wird einmal sehr intelligent oder aber sehr dumm“. Das Neugeborene entschied sich für ersteres, wie seine spätere Schullaufbahn bewies – auch wenn sein weiterer Lebenslauf reich an Dummheiten und Irrwegen war.
Eine zumindest bis zur Hinrichtung seines Bruders unbeschwerte Kindheit, Jurastudium, die Werdung zum Revolutionär, Verbannung, Exil und schließlich sein Agieren als Revolutionsführer sowie dessen lange Krankheit und früher Tod – so könnte man ihn beschreiben: Den Mann, der sich Lenin nannte. Der Historiker Victor Sebestyen tat das und legte im 100. Jahr nach der Russischen Revolution eine umfassende Biographie ihres herausragenden Protagonisten vor: Lenin – Ein Leben (Rowohlt Berlin, 2017).
Was da verschriftlicht wurde, ist ein komplexes Werk über ein in vieler Hinsicht bemerkenswertes Leben. Manches trägt zur Annäherung an seine Person bei, anderes stößt ab. Irgendwie macht es Lenin menschlicher, wenn man von seiner „marxistischen Brautwerbung“ zu Nadja und seinem Verhältnis zu Inessa Armand liest. Der Tod seiner Geliebten, die mit nur 46 Jahren starb, nahm Lenin merklich mit. Bei ihrer Beerdigung hatte man ihn (Lenin) nie so von Gefühlen überwältigt gesehen, so gibt es Sebestyen dem Leser zu Protokoll.
Abstoßend wirkt dagegen, wie leichtfertig der Rechtsanwalt mit der Forderung Leute zu erschießen umging, die tatsächlich auch oft auf seinen Befehl hin vollstreckt wurde. Sympathisch macht ihn wiederum, dass er durchgehend sehr asketisch lebte, während viele seiner Genossen nach der Revolution sich eifrig an Privilegien bedienten und sich die größten Datschen unter ihre „roten“ Nägel rissen. Lenin kümmerte das nicht weiter, Joffe schon. Er schrieb an Trotzki: „Der alte Geist der Partei ist verschwunden, der Geist revolutionärer Selbstlosigkeit und kameradschaftlicher Hingabe“.
In einem Kapitel befasst sich Sebestyen mit dem Leninschen Argumentations- und Debattenstil. Diesem Stil blieb er auch gegenüber Andersdenkenden Genossen treu, indem er sie mit wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen belegte; Windbeutel, Scheißhaufen, Fotze. Nikolai Bucharin vertat so nicht von ungefähr die Auffassung: „Lenin kann keinen tolerieren, der etwas auf dem Kasten hat“. Was ihn jedoch auszeichnete, war die Fähigkeit, seine Ideen klar und vereinfacht vorzutragen und damit das Publikum zu gewinnen.
Der Höhepunkt des Leninschen Lebens war unbestritten die Ausführung der Oktoberrevolution 1917 für die er sein ganzes revolutionäres Leben lang kämpfte. Wenn man so will, liegt in seinem damaligen Triumph die große Tragik schon eingebettet, denn schon dessen Geburt hat derart viele Geburtsfehler gehabt, dass ein frühzeitiges Absterben des Sowjetstaates unweigerlich kommen musste. Man rufe sich Lenins Worte an Trotzki in Gedächtnis (24. Oktober 1917): „Zuerst müssen wir die Macht ergreifen. Dann entscheiden wir, was wir damit anfangen“. Oder Maxim Gorki am 1. November 1917 in der Nowaja Schisn: „Ich misstraue Russen an der Macht...Gerade selbst noch Sklaven, werden sie zu hemmungslosen Despoten, sobald sie Gelegenheit haben, Herr ihrer Nachbarn zu sein“. (Beide Zitate finden sich im Buch.) Nun muss man sich vorstellen – zwischen diesen Polen wurde nach dem Oktoberumsturz durch die Bolschewiki geschaltet und gewaltet. Oft getrieben zwischen aktuellen Erfordernissen, infiziert von Partei- und Staatsräson, sowie dem Machterhalt der Partei mit ungesunden Mitteln. Hinzu kommt die Einschätzung des schreibenden Historikers, dass Lenins Russland ein Polizeistaat sei. Nur unter anderen Vorzeichen. Wozu dann eine Revolution? In dieses praktizierte Raster einer intoleranten und undemokratischen Gesellschaft passt auch, dass die Witwe Lenins in ihren letzten Lebensjahren auftragsgemäß die russischen Bibliotheken von Werken bürgerlicher Philosophen wie Kant „befreite“. Wer wurde hier befreit?
Schon im Klappentext wird auf die Doppelgesichtigkeit Lenins hingewiesen, den Winston Churchill „ein überaus furchtbares Wesen“ nannte. Sebestyen geht da sehr viel differenzierter vor. Er unterscheidet zwischen seiner Freundlichkeit und Höflichkeit, er vergisst jedoch nicht auch seine Unerbittlichkeit als Revolutionär und seine Verantwortung für unzählige Todesurteile zu erwähnen.
Es ersteht so ein farbiges und kenntnisreiches Bild von Lenins Welt und der Russischen Revolution.
Viel könnte man hier ergänzend noch schreiben. Aber wohin soll das führen? Zurück zu seiner Kindheit, seiner Schulzeit, dem Verlust des Bruders, seine persönliche Revolutionierung, dem Leben in Untergrund, der Verbannung, der Revolution, dem Attentat, dem Bürgerkrieg und seinem langen Sterben. Mögen diese inhaltlichen Stichpunkte ein letzter Anreiz sein, zu „Lenin – Ein Leben“ zu greifen. Ich ende hier hingegen, wie Lenin es in seinen Reden oft tat.: „Das ist alles, was ich Ihnen sagen wollte“.
Victor Sebestyen
Lenin – Ein Leben

Rowohlt Berlin, 2017
ISBN 978 3 87134 165 6
Bei Amazon kaufen

Hinweis: kultur-cottbus.de benutzt Amazon Affiliate Links. Eine Bestellung über einen solchen Link bringt euch keine Nachteile, der Blattwerk e.V. wird aber mit einen geringen Prozentsatz am Umsatz beteiligt.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus