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Blick nach vorn - zurück?

Lesebühne Cottbus

von Matthias Heine, Kultur

Wie viel Würdigung, Wertschätzung und Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland muss man als junger Afghane erhalten, um nicht abgeschoben zu werden?

"Blick nach vorn" hieß eine Jugendclub Produktion, also ein Theaterstück von Jugendlichen für Jugendliche, einer Theatergruppe vom Stadttheater in Minden, das die Jugendlichen meines Cottbuser Jugendklubs und mich beim Theatertreffen der Jugend in Berlin nachhaltig beeindruckt hat. Das TTJ ist der Bundeswettbewerb der Berliner Festspiele und ist neben dem Bundestreffen der Jugendclubs an Theatern das wichtigste Festival für das Theater mit jugendlichen Spielerinnen und Spielern. Und damit ein Seismograph für Themen, Haltungen und künstlerische Formen junger Kunstschaffender. Es zeigt und bündelt jährlich bemerkenswerte Inszenierungen, die in einem bundesweiten Wettbewerb ausgewählt werden, und wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sehr viel Bund, sehr viel Jugend, sehr viel Theater, sehr viel gut.

„Blick nach vorn“ hat uns im Sommer umgehauen. Zehn jugendliche Spielerinnen und Spieler zeigten ein berührendes Clownstheater und thematisierten dabei ihre Erfahrungen von Flucht, Ankunft und ihre Hoffnungen für die Zukunft. Mitten im Gesicht - die kleinste Maske der Welt. Und ob man vorher Clowns nun mochte oder nicht – diese mag man nachher. In dem Spiel machen sich die Akteure in einem Boot auf einen Weg. Auf hoher See zieht ein Sturm auf. Panisch klammern sich die Clowns aneinander und überleben wie durch ein Wunder. Sie rudern auf ein ihnen unbekanntes Land zu. Skurrile Begegnungen mit Menschen und neue Situationen lassen die Clowns staunen und lernen.

Das Ganze kommt so leicht daher, dass es uns den Atem stocken lässt. Vor allem, weil sie uns ihre wirklichen, ihre echten Erfahrungen mit Krieg, Tod und Zerstörung vorenthalten, oder besser übersetzen. Weil sie uns nur zeigen, was wir verstehen. Und doch sitzt der Krieg allgegenwärtig, wie ein still gaffendes Monstrum auf dieser Bühne, ohne dass er uns wirklich zugemutet wird. Es ist, als würden sie versuchen, unsere Sprache zu sprechen. Das Publikum reißt es aus den Sitzen.

Auf dem Festival, in den Workshops und in den Aufführungsgesprächen erlebte ich die Gruppe offen, herzlich, witzig, also sehr angenehm. Ich habe mich sehr über die Entscheidung der Bundesjury gefreut und wünschte mir noch mehr Öffentlichkeit für diese Produktion. Die bekamen sie.

Die Gruppe aus Minden schaffte es außerdem in die Auswahl des 27. Bundestreffens "Jugendclubs an Theatern" in Bremen, wo wir das Vergnügen hatten, sie wieder zu treffen und eine weitere intensive Woche mit den acht Afghanen und den zwei deutschen Jugendlichen zu verbringen. Das Bundestreffen wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Wieder traten unsere Clowns auf und verzauberten das Publikum, das ihnen wieder mit stehenden Ovationen und auch Tränen in den Augen dankte. Denn sehr bewegend ist vor allem der Schluss des Stückes. Die Clowns setzen sich an die Rampe und nehmen ihre Nasen ab. Dann ist eine Collage aus Audioeinspielern zu hören, die sie selbst eingesprochen haben. Ihre Wünsche und Vorstellungen für die Zukunft. Eine Zukunft in Deutschland, eine Zukunft auch für ihre Familien, in Würde, in Frieden. Der ganze Saal schweigt und hört und sieht und versteht.

In der letzten Woche hat die Gruppe einen weiteren, einen dritten Bundeswettbewerb gewonnen. Wieder fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Wieder wurden sie beklatscht, wurden bestaunt, wurden als beispielhaft geehrt. Die schönen Gruppenfotos mit Politiker*innen findet man auf den Webseiten der Ministerien. Sieben der acht jungen Afghanen hatten zur selben Zeit schon ihre Abschiebebescheide in den Briefkästen. Sie wussten schon, dass sie nicht bleiben dürfen, als Sie sich in Berlin zum letzten Mal an die Bühnenkante gesetzt haben, um sich ihre eigenen zerplatzen Hoffnungen anzuhören und dabei von einem gerührten deutschen Publikum angeschaut zu werden. Was für eine Situation. Das geht nicht!

Etwa zur gleichen Zeit halten Vertreter der frisch gewählten rechtsextremen Partei im deutschen Bundestag die ersten Reden. Ein alter Mann im braunen Sakko sagt:
„Und nun, Frau Verteidigungsministerin, wollen Sie erneut deutsche Soldaten zur Staatensicherung nach Afghanistan schicken, während afghanische Flüchtlinge auf dem Kudamm Kaffee trinken, anstatt beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen.“

Danach macht er eine Pause, wie um eine Pointe durchzulassen, schaut über seine Brille hinweg in das Auditorium und schiebt die Unterlippe über die Oberlippe. Der rechte Flügel johlt und jubelt. Der alte Mann ist bei dieser Bemerkung weit, weit weg von Wahrhaftigkeit und, ich denke, er weiß das auch.

Diese zynische Bemerkung wäre vielleicht nicht, wie ein Kalauer, aus seinem Mund gerutscht, hätte er sich beispielsweise einmal ernsthaft mit einem der jungen Spieler aus Minden unterhalten. Hätte er sie erlebt. Er hätte etwas über ihre Situation, über Fluchtgründe, über ihr Einzelschicksal und die Situation in ihrem Heimatland erfahren können, anstatt sich wieder und wieder niedrigsten Ressentiment hinzugeben.

Belall, Nabiullah, Ali, Mustafa, Helall, Emal und Pirooz werden uns, so wie es aussieht, bald keine Auskunft mehr geben können. Die rote Nase ist ab. Das Spiel naiv und vorbei.

Die Wirklichkeit in unserem Land ist brutal und durchsetzt mit doppelter Moral. Sie pervertiert sich täglich auf den verschiedensten Ebenen selbst. Dazu braucht es keine schwarz+gelbe oder braune+blaue Regierung. Das schaffen auch Ministerien in roter Verantwortung.

Der Mindener „Blick nach vorn“ bleibt eine mit Preisen bedachte Utopie im Theaterspiel und damit ein trauriges Sinnbild, wie ein „atmender Rahmen“ oder „Obergrenzen für Grundrechte“.

Natürlich werden wir zusammen mit den Jugendlichen der deutschen Theaterjugendclubszene versuchen unsere Freunde zu unterstützen und eine Öffentlichkeit für sie herzustellen. Ob das eine rechtlich wirksame Abschiebung verhindert? Wir werden sehen, wie ein Blick nach vorn aussieht in Deutschland.

Und doch steht so am Ende der Versuch. Dann ist’s nicht ganz so finster.
Happy New Year!
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