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Kreise

Lesebühne Cottbus

von Mathies Rau, Kultur

Es war gegen drei Uhr, als er aus der Wanne auftauchte. Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Menschen änderten sich nicht. Seine Mutter war die gleiche wie vor siebzehn Jahren. Sein Vater auch. Es war nur schlimmer geworden. Seine Freundin war in den letzten Tagen unerträglich viel schlimmer geworden. Aber wenn er es recht bedachte, dann hatte auch sie sich nicht verändert.
Er selbst war in jedem Fall der gleiche geblieben. Er badete immer noch mitten in der Nacht. Vielleicht war das, was er in den Zwischenphasen tat, schlimmer geworden. Er schaute auf seinen Arm. Im warmen Wasser hörte das Blut nicht auf zu fließen, selbst nicht aus einem oberflächlichen Schnitt, der sich irgendwo auf seinem Oberarm verloren hatte. Sie würde sich umbringen, hatte seine Freundin gesagt. Sie würde sich die Pulsadern aufschneiden und sich in eine Wamme warmen Wassers legen. Und dann würde sie alles vollbluten und sterben.
Er hatte ein bisschen damit rumexperimentiert. Und er hatte herausgefunden, dass seine Freundin sterben würde, wenn sie sich die Pulsadern aufschnitt und in eine Wanne legte.
Das war eine wichtige Erkenntnis. Man konnte Sachen wissen, ohne sie wirklich erkannt zu haben. Wie eine fehlende Verinnerlichung. Erneut tauchte er unter. In einer flachen Wanne nicht nach oben getrieben zu werden, war gar nicht so einfach. Er betrachtete einen dünnen Schleier aus Blut, der vor seinen Augen durchs Wasser schwamm. Dann dachte er nach.
Seit sie zusammen waren sprach seine Freundin davon, sich umzubringen. Anfangs war es nicht oft gewesen und nur durch ein Hintertürchen. Jedes Mal, wenn sie das Thema anschnitt, ließ sie es schnell fallen und endete mit der Frage: „Ich weiß nicht, ob ich dir das anvertrauen kann.“ Der Satz war nicht als Frage formuliert gewesen, aber seine Antwort war eine richtige Antwort. „Natürlich kannst du mir vertrauen. Deswegen sind wir zusammen.“ Und auf diese Antwort hatte sie aufgebaut.
Mittlerweile rief sie jede Nacht an. Meist gegen zwei oder vier Uhr. So konnte er immer gegen drei Uhr baden gehen und war pünktlich davor oder danach fertig. Dieses Vollbad war fester Bestandteil seines Tages geworden. Jedes Mal sagte sie, sie bringe sich um. Er hatte es gezählt. Einhundertundsieben Mal hatte er es ihr wieder ausgeredet. Heute würde es das hundertachte.
Er beobachtete das Blut und überlegte, ob sich Menschen nicht vielleicht doch änderten. Seit einem Monat wollte er die Sache beenden. Immer ließ er sich von ihrer Stimme einlullen. Sie klang wie ein Engel. Eine helle, sanfte Mädchenstimme. Es gab kein Mittel gegen ihr Säuseln. Wie besessen rang er mit sich. Er wollte sie loswerden. Seine ganze Familie litt unter ihr und noch vielmehr unter ihm und seinem mangelnden Widerstand. Seine Mutter sorgte sich um ihn. Sein Vater auch. Es war nur schlimmer geworden. Seine Freundin war unerträglich viel schlimmer geworden mit ihrem Gesäusel. Aber geändert hatten sie sich alle nicht. Er tauchte auf und wischte sich das Wasser und ein paar Tropfen Blut aus dem Gesicht. Das Telefon klingelte. Es war gegen vier Uhr. Nichts hatte sich geändert.
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