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Lesebühne

Mascha, Mascha, wie lang schläfst du noch?

von Matthias Heine, Kultur

Mascha besaß schon als sie noch sehr klein war eine...
eine Versunkenheit, dachte Mascha.

Diese Versunkenheit konnte ihre Mutter richtig wütend machen. Sie saßen zusammen in der Küche und die Mutter schnitzte die längsten Kartoffelschalenketten der Welt oder wenigstens der Straße, weil sie wusste, dass Mascha das gefiel.
Weil sie das spürte. Mascha starrte derweil, mit leicht geöffnetem Mund, durch die Mutter hindurch, zum Fenster hin und blieb draußen an der Rinde ihrer Lieblingsbirke hängen. Selbstversunken, versickert... Ein fratzenloses, ehrliches Glück. Die Mutter blickte immer wieder auf, motivierend erst, fordernd dann und bald wütend geworden über so viel, Zufriedenheit, bei so viel...
Unglück, dachte die Mutter.

Diese Zufriedenheit machte sie so wahnsinnig. So wahnsinnig unglücklich.
Die Mutter gehörte zu den Menschen, die niemals zur Ruhe kommen. Die mit allem schnell sind, wie der Blitz. Die immer sieben Sachen auf einmal tun, eine Krake, eine Grüblerin in der Nacht. Genau die richtige Mutter für Mascha.
Und Mascha war genau das richtige Kind.

Mascha starrte. Das tat sie oft. Meistens. Es gibt Menschen, die sagen:
Mascha starrt nur. Und meinen immer. Die ganze Zeit. Die würden es sogar bezeugen. Die würden ihren Namen unter ein Papier schreiben, auf dem stünde: Mascha tut nichts, als starren. Mascha kann nichts anderes. Mascha kann gar nichts. Diese Menschen kennen Mascha nicht. Nicht mal ein bisschen. Nicht so, wie die Mutter sie kennt. Die Mutter, die Mascha beschützen würde mit allem, was sie hat. Mit ihren bloßen Händen würde sie gegen übermächtige Gegner kämpfen. Gegen alle würde sie es aufnehmen. Gegen Monster, Gemeinheiten und Missverständnisse, gegen den Staat, gegen Blicke. Diese Menschen kannten Mascha nicht und sie hatten auch noch nicht zugesehen, wenn Mascha manchmal mit den Händen Wind auffing und ihn als Musik aus dem Fenster schickte.

Die Mutter schnitt sich in den Finger und schlug die flache Hand auf die Küchentischkante. „Scheiße!“, sagte sie laut und dann nach einer Weile noch einmal ganz leise „Scheiße... wann wachst du auf...“.

Mascha fiel es in dann schwer, die ewigen Stufen hinauf zu klettern und bis hinter die eigenen Augen zu treten, um die Mutter von dort aus anzulächeln. Auf die Art, die es möglich macht, mit den Augen zu lächeln und zu sprechen. Viel und wenig zugleich. Zu sagen, dass es gut ist. Sie sahen sich an.

Dieses... Geschenk, dachte die Mutter. So ein großes Geschenk. Ihr Blut fiel in die Kartoffeln und malte rosa Wolken in die Schalenketten unter ihre Hände. Mascha war jetzt erschöpft. Das Vordringen in diese Welt machte ihr zu schaffen. Bald blickte sie mit leicht geöffnetem Mund, durch die Mutter hindurch, zum Fenster hin und verankerte sich draußen in der Rinde der Birke. Mascha stieg die ewigen Treppen hinab und legte sich, angekommen bei sich selbst, nieder und war ihr eigen Kind im Kinde. Erschöpft, aber hellwach und sehr

... glücklich, sagte Mascha.
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