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Lesebühne: Sch...

von Mathis Rau, Kultur

“Aaaaaaah verfickte fickmistmüllscheiße”, brüllt Justine gegen den Baum. Also ihre Schultern brüllen und ihr ganzer Körper durch Muskeln die fest sind wie geflochtene Drähte. Ihr stimme flüstert nur, wispert, man kann sie kaum kaum hören in dieser Nacht. Vielleicht hat sie auch etwas ganz anderes oder gar nichts gesagt. Und obwohl sie zumindest nachweislich nicht geschrien hat, zittert das Laub am Baum und die Wolken am Himmel, wohl weil die Kraft ihres stillen Wunsches nach Frieden die ganze Erde für einen Herzschlag lang hat beben lassen. Mein Herz zittert nicht, ich kenne Justine zu gut, weiß welche tobende Ausgeglichenheit in ihrer Brust liegt und dass sie gar nicht fähig ist wütend zu sein oder hasserfüllt. Am Anfang, vor vielen Jahren, als ich sie kennengelernt hatte, dachte ich, das wäre so eine Überzeugungs-Kiste, von wegen Konfuzius sagt, tue Recht und zürne niemanden, aber mittlerweile weiß ich, dass das falsch ist. Justine kann es einfach nicht. Sie begreift den Wert den Zorn haben kann nicht und wenn sie auch manchmal schreit und alle paar Jahre ein Regal zertrümmert, dann ist das nichts, wovor man in Deckung gehen müsste. Ich tue das trotzdem immer wieder und jeder bei klarem Verstand auch, der schieren Gewalt wegen, mit der ihre innere Ruhe über die Heide rollt.
Ich setze mich auf den Rasen, schaue zu wie das gedimmte Neonlicht ihr Haar zum Leuchten bringt. Die Uhrzeit ist mittlerweile 1,8 oder schon 1,9 Promille, dunkel genug um langsam nüchtern zu werden, sich festzuhalten am Gras, damit sich die Welt etwas langsamer dreht.
“Gewöhne dich an den Gedanken, dass du verarscht worden bist”, sage ich.
Von der Parkbank schallt es: “Ach du weißt doch gar nicht was das ist, Lüge.”
Ich denke an meinen Spam-Ordner. Wäre alles, was die Menschen sagen wahr, dann wären auf meinem Konto 456 Millionen US Dollar und in meiner Hose solide viereinhalb Meter pulsierender Penis. Und das nur von zwei Monaten Spam Ordner lesen. Wenn ich mir jetzt vorstelle, alles was die letzten zwei Monate über Facebook oder Whatsapp durch meine Ohren durchgelaufen ist, wäre wahr gewesen. Ich käme ja vor Lachen gar nicht mehr in den Schlaf.
Ich setze mich auf die Parkbank, der leichte Wind weht mir Justines müde Wärme gegen den nackten Arm, vielleicht ist auch einfach nur der Wind warm, aber ich fühle ihre Nähe und irgendwie gefällt mir die Vorstellung, es wäre Justine, die dafür verantwortlich ist. Ich packe sie am Gelenk einfach aus Neugier, um ihren Puls zu fühlen, ziehe sie zu mir und sie parkt ihren Kopf auf meiner Schulter. Ein paar Haare kitzeln mich am Hals.
“Du weißt das jemand der…”, schaffe ich zu sagen, da liegt ihre Hand in meinem Gesicht, ich spüre ihren Puls am Handballen der auf meinen Lippen liegt, so ganz getroffen hat sie nicht, aber die Geste ist ja recht eindeutig. Ich ärgere mich. Ich will etwas denken und sie kommt mir zuvor.
“Ich brauche niemanden der sich streitet für mich, ist schon gut. Ich freu mich, dass du mich gesucht hast, ich glaube ich wäre nicht gern allein gewesen heute.”
Und damit bin ich entwaffnet und sitze blank auf der Bank und muss ertragen, dass sie keine Deckung gegen ihre Verletzlichkeit akzeptieren will. Ein paar Tage noch, denke ich mir. Hangel dich einfach noch ein paar Tage übern durst, zieh dir ‘ne Flasche Mavrodaphne rein und dann wirst du wieder ruhig schlafen können. Wer schlafen kann, kommt schnell wieder auf die Füße, ich muss das wissen, denn meine geheime Superkraft ist es, einfach immer schlafen zu können und die wenigsten Probleme überstehen mehr als zwei Wochen guten schlaf. Also ein paar Tage noch. Mein Herzschlag geht in den Dauerlauf. Hat schon seinen Grund, denke ich, dass Ende Juli jeder mit noch etwas Restverstand im Hirn Sommerpause macht. Die Leute sind zum ersten Mal im Jahr wirklich erschöpft. Das Sommerloch über das der Journalismus klagt, kommt ja auch daher dass
“Sch”, macht Justine. Achtet mal darauf. Die deutschen, als Ergebnisorientiertes Volk machen Scht, sie schließen eine Beruhigung mit einem t. Hat jemand beim ersten Mal nicht begriffen, dass man hart wie Kruppstahl zu sein hat, machen wir Scht scht, das zweite scht etwas dunkler, um anzuzeigen, dass genug geheult wurde und noch andere Sachen zu tun sind. Scht ist die Kurzform von Stopp und Spast. Das hat in der Vergangenheit zu zwei Weltkriegen geführt, weil wir uns nicht beruhigen können. Da können Wir was lernen, allen anderen Völkern der Welt, die haben begriffen, dass das Beruhigen ein Prozess ist. Sie machen einfach nur sch und diesen Ton können sie bis in die Unendlichkeit ziehen, solange bis man den Weg durch das Tal gegangen ist.
“Sch”, meint Justine, “dein Herz rumpelt wie ein Tigerpanzer und eigentlich müsstest du mich beruhigen”.
“Wie lange geht das?”, frage ich. “Vielleicht müsste man dich mal aufregen”, sage ich. “Man kann doch nicht einfach…”
“Weißt du”, sie spricht weniger als halb so laut wie ich und weniger als halb so viele Worte. Wir schweigen einen Herzschlag lang, und sie redet weiter, ich will es gar nicht hören und bin aber wie stumm gezaubert. “Ich habe ein paar Menschen, nicht so behandelt wie sie es verdient haben. Manchmal weil ich es nicht besser wusste, manchmal ganz aus versehen, manchmal hatte ich zu viel Angst oder zu wenig Kraft. Und zweimal aus böser Absicht. Ich werde nicht aufhören einen Menschen zu lieben, weil er Angst hatte. Und auch nicht weil er zerrissen ist, so lange seine Absichten nicht böse sind.”
“Und wenn jemand in guter Absicht, böse Dinge tut?”, frage ich.
“Na dann ist es so.”
“Ach komm”, sag ich, “niemand will sich blind verletzen lassen.”
“Nicht blind. Ich bin nicht dumm, ich sehe Dinge. Weil ich den Kopf oben trage und die Leute angucke, so lange ich kann. Und wenn ich dann verletzt werde, naja, dann ist es so, Leben ist kein Ponyhof.”
Meine Oma fällt mir ein, meine Oma sagte immer “Hauptsache keine Bindehautentzündung”, als gäbe es nichts schlimmeres. Den Krieg hatte sie überlebt, den Krebs dann nicht mehr, “Hauptsache keine Bindehautentzündung”. Der Tod hatte ihren Willen spät gebrochen, erst ein paar Wochen bevor er dann kam. Hauptsache keine Bindehautentzündung ist ein Motto, dass mir immer sehr imponiert hat. In all seiner Beklopptheit ist es eine Haltung, die sie durchs Leben gebracht und zwei Kinder hat zu guten Menschen erziehen lassen, allein das gibt ihr ein unanfechtbares Recht. Ich muss das nicht gut finden, aber ich muss das anerkennen. Wenn wir entscheiden, wie wir dem Leben begegnen entscheiden wir, wer wir sein wollen. “Du glaubst,das was du sagst”, sage ich. Justines “Sei anständig und verzeihe dem der, keine bösen Absichten hat”, klingt noch nicht so überzeugt wie Omas “hauptsache keine Bindehautentzündung”.
“Ich versuche es”, sagt sie, “was ich im Herzen fühle, hat mich überrumpelt, aber deswegen muss ich es nicht sein wollen verfickt noch mal. Also bin ich was anderes. Anstand kommt von Mühe”, ihre Hand krallt sich in meinem Pullover fest. “Ich hab ein schlechtes Gewissen. Gott hab ich den glatt gerührt.” Jetzt schlägt es schneller ihr Herz. Ich spüre es an den Rippen.
Irgendetwas in mir kann sich nicht beherrschen Justine über den Kopf zu streichen. Ich finde diese menschliche Eigenschaften toll. Es sieht aus wie mein Vater, wenn er Münzen putzt oder meine Mutter, die das Waschbecken poliert oder Oma, wenn sie Erbsen umgerührt hat. Dinge die einen Wert haben muss man Pflegen, Erinnerungen und Menschen noch viel mehr. “Warum willst du so unbedingt einen Fehler gemacht haben.”
Sie kichert. “Will ich doch gar nicht. Ich hab halt einfach einen gemacht. So läuft das, wir machen fehler und sitzen dann besoffen auf einer Parkbank und bereuen sie, das nicht verurteilenswürdig, aber der verständlichste Fehler bleibt ein Fehler. Ich kann mir nicht wünschen, dass dieses oder jenes passiert, wenn ich nicht bereit bin, über meine Fehler nachzudenken, oder?”
Mein Arm ist eingeschlafen. Justine lehnt so ungünstig dagegen, dass das Blut nicht mehr durchkommt. Ich erinnere mich daran wie ich das erste Mal neben einem Mädchen im Bett gelegen habe, das ich liebte und irgendwie hatte ich beide Arme ohne Herzinfarkt um sie herum bekommen und der auf dem Sie drauf lag war eingeschlafen. Die ganze Nacht hat es sich angefühlt, als ob Ameisen in meinem Arm Tango tanzen, vom Kopf bis zum Fuß, dachte ich, “Oh Gott, das keine Liebe der Welt wert sein”, nur um im nächsten Moment zu denken, “und wie die meinen Arm morgen amputieren müssen und wenn jetzt zusätzlich die scheiß Matratze in Flammen aufgeht und die ganze Erde in zwei Teile bricht und ihr Hälften ins nichts stürzen, ich bin hier nicht zwei Stunden hergerobbt, um jetzt meinen Arm von ihr wegzubewegen!”
“Justine kannst du bitte mal kurz…”
“Oh ja na klar…”
Sie legt sich anders hin und das Blut fließt wieder, entschuldigung wir sind beide nicht mehr fünfzehn. man muss ooch nicht immer wieder den gleichen Fehler machen. Ich schaue mir Justine an. Und ja, vielleicht müssen wir auch einige Fehler einfach machen, wozu hätten wir sonst die Nächte und die Freunde und die Parkbänke und Texte die mit Dankeschön enden.
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