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Schicke Kette

Lesebühne Cottbus

von Udo Tiffert, Kultur

Romeo trat Julia halb in den Weg, so, daß klar war, daß er etwas von ihr wollte, aber auch so, daß sie mit einem dezenten Hüpfer vorbei gekonnt hätte. Den Hüpfer würde sie schaffen, denn sie war zweifellos, gut sichtbar sportlich. Weder verklemmt sportlich noch fanatisch sportlich, sie besaß die freundliche Ausstrahlung von jemandem, der sich gern bewegt und nie über 600 Meter Fußweg klagen würde. Ja, mitunter erlag Romeo vorschnellen Vermutungen, aber gleich würde er herausfinden, welcher Teil derer zutraf und welch anderer Teil bloßes Wünschen war.
Nun galt es das Gespräch zu beginnen, der erste Satz würde über alles entscheiden, über eine Zukunft mit DER Frau oder Sich-Abfinden und auf den Single-Tod warten. Er entschied sich für ein Kompliment Julias Äußeres betreffend, sagte: „Schicke Kette!“
Ihre grünblauen Augen verengten sich eine Winzigkeit, sie sagte: „Das ist mein Fahrradschloß.“ Romeo behielt die Nerven, antwortete ohne Luft zu holen: „Sportlich, das sah ich gleich!“
„Kommt jetzt das mit der Tasse Kaffee?“
„Ja.“
„Ich kann jetzt nicht.“
„Und in einer Stunde?“
„Ja, könnte klappen.“
„Dort drüben?“ Er wies auf ein Lokal, das exzellenten Kuchen und fairen Kaffee anbot. „In einer Stunde dort“, sagte Julia, betrachtete ihn abschätzend, ob er die Zeit wert sein könnte oder fragend, wie oft er so etwas wohl tat? Dann gab es einen kurzen Fall in ihrem Blick, ein Fall in Trauer hinab, nur ganz kurz und Romeo wußte, daß sie nicht kommen würde. Er hatte eben ihre Entscheidung gesehen. Julia ging und Romeo Mann spürte seine Hände neben seinen Hosenbeinen nutzlos umherbaumeln. Achtzig Meter vor ihm hielt ein Liefer-LKW und der Lärm von dessen Kühlaggregat drang in jede Pore, sogar durch die Kunststoffabdichtungen der Doppelfenster. Fassaden warfen den Lärm zurück, bis die gesamte Straße dröhnte.
Nach fünfzig Minuten setzte er sich dennoch ins Café. An ihm sollte es nicht liegen. Er bestellte sich Kuchen und Kaffee. Wozu damit warten? Er hätte nach ihrer Telefon-Nummer fragen sollen, Emailanschrift. Nach einem Nickname in irgendeinem Kack-Chat. Oder neben ihr herlaufen? Gebäude, die sie betreten würde auf Hinterausgänge überprüfen. Er stopfte den Kuchen in den Mund, Kummer unterliegt Kohlenhydraten. Nach zweiundsechzig Minuten trat Julia an den Tisch. „Schmeckt es?“
Romeo Mann öffnete seine Augen, riß sie auf, behielt die Kuchengabel im rasch geschlossenen Mund. Er hob Daumen und Zeigefinger, die einen Kreis bildend Note „Ausgezeichnet“ vergaben. Julia nahm Platz, ließ das Fahrradschloß wie einen Scanner ihren ovalen Kopf erfassen, dann legte sie es neben den Stuhl. Dann schlug sie sich an die Stirn, erhob sich, um ihr Fahrrad anzuschließen. Romeo leerte seinen Mund und legte die Kuchengabel auf den Teller. „Alles erledigt?“ fragte er, als sie wieder Platz genommen hatte. „Ämterkram, Krankenkasse, Kopierladen“, sagte sie, als hätte er nach der Stunde gefragt. So erzählen sie den Kindern, ein Junge, ein Mädchen, ihre Kennenlerngeschichte. Harry fragt: „Warum hätte sie denn nicht kommen sollen?“
Sally kommt mit einem Fahrradschloß aus dem Flur und beide Eltern rufen: „Nicht das, das ist schmutzig!“
Doch das Blüschen ist bereits hinüber. Mutter Julia holt die Gallseife. Vater Romeo sich ein Bier. Von der Straße unten dröhnt ein LKW. Jemand hat zweite Reihe geparkt. Als Julia das Fenster geschlossen hat, dröhnt es etwas weniger.
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