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Mediales Triptychon

Gespräch über Quader Vanitas

von Bernd Müller, Kultur

Mit „Quader Vanitas“ wird vom 12. bis zum 19. Januar 2018 eine Filminstallation im dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus zu Jo Achermanns Objekt „Von Außen nach Innen. Von Ort zu Ort“ gezeigt. Anlässlich der Filmpremiere wird es ein Gespräch von Regisseur Donald Saischowa mit dem Architekten Jo Achermann und Kustos Jörg Sperling geben. Wir haben schon mit dem Regisseur gesprochen.

Herr Saischowa, im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus wird im Januar die Ausstellung von Jo Achermann „Von Außen nach innen. Von Ort zu Ort“ gezeigt. Im Rahmen dieser Ausstellung zeigen Sie eines Ihrer Filmprojekte. Können Sie uns etwas davon erzählen?
Ich sehe in der Filminstallation ein mediales Triptychon. Es wird drei Bildebenen geben. Eine davon wird ganz hinten im Veranstaltungsraum des dkw ganz groß laufen: Die Fertigung des Objektes in der Holzwerkstatt in Sellessen durch zwei Zimmerer. Die Fertigung wird linear erzählt, also vom Beginn bis zur Fertigstellung. Vor der Leinwand läuft in dem Raum auf einem Monitor die zweite Bildebene: Die Wirkung von Achermanns Objekt in Raum und Zeit. Das wird nicht linear erzählt, es geht durcheinander. Die Witterung, die Menschen, die daran vorbeigehen, die es ignorieren und die, die es annehmen, die Kinder, die darauf spielen. Eine dritte Ebene wird im Internet stattfinden. Der Museumsbesucher wird durch einen QR-Code die Möglichkeit haben, auf seinem Smartphone den Transport des Objektes zu sehen, wie es von Ort zu Ort wandert.

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Das Objekt, das Sie gefilmt haben, war im Stadtgebiet längere Zeit zu sehen. Auf Facebook gab es Diskussionen darüber, weil sich mancher fragte: Ist das Kunst, und was will uns der Künstler sagen?
Wenn ich „Objekt“ sage, dann mische ich mich nicht ein. Ich beurteile nicht, ob es Kunst ist oder nicht. In meinen Augen ist es natürlich Kunst, aber das auszusagen ist nicht die Aufgabe meiner Installation, und es ist nicht die Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe. Meine Aufgabe war, eine Ode an das Handwerk abzuliefern und die Poesie im Stadtraum zu zeigen.
An und für sich muss das Objekt von seiner Form her nicht hinterfragt werden. Der Quader ist für mich eine sehr geniale Leistung der menschlichen Kreation. Er kommt in der Natur nicht vor und wurde irgendwann geschaffen. Heute umgibt er uns überall. Denken wir nur an Pakete, Tetrapaks oder Container. Denken wir an unsere Kinderstube: Wir haben mit Quadern gespielt, und der magische Würfel hat unsere Intelligenz herausgefordert. Wir leben quasi in Quadern, und wenn ich an Lautsprecherboxen denke, muss ich sagen, wir gestalten unsere Innenräume auch mit Quadern. Und weil wir ständig von ihnen umgeben sind, müssen wir sie nicht hinterfragen.
Wenn sie aber in Zusammenhang mit der Kunst stehen, dann haben wir es manchmal schwer, das so zu sagen. Der Kunstwissenschaftlicher würde sagen, dass ist nicht meine Aufgabe, die ich mir da gestellt habe. Aber er wird ganz klar sagen, das ist konkrete Kunst. Und wenn wir im Internet mal eingeben „Quaderna Kunst“, dann werden wir viele Sachen aus dieser Richtung finden.

Was hat Sie an dem Objekt ganz konkret angesprochen, dass Sie darüber ein Filmprojekt machen wollten?
Für mich ist das keine Skulptur im ursprünglichen Sinne, wie es Achermann beispielsweise denkt. Ich sehe darin eine Schnittstelle von Design, Architektur und bildender Kunst. Die Nützlichkeit ist ganz konkret die, dass ich zum Denken angeregt worden bin. Für einen anderen kann es eine Reibefläche sein, weil er ästhetisch nicht damit zurechtkommt. Der Dritte lehnt es einfach ab, und für den Vierten ist es ein gewinnbringend lustvolles Objekt gewesen, was man übrigens in der Installation sehen wird.
Als es aufgestellt wurde, gab es beispielsweise auf Facebook Kommentare, das sei eine Kartoffelkiste. Die Urheber solcher Kommentare zielen natürlich darauf, das Werk oder Achermann selbst zu verhöhnen. Denke ich aber an eine Kartoffelkiste, merke ich, dass diese auch vorgedacht werden musste. Sonst hätte man sie nicht bauen können. Und da bin ich wieder bei der Ode an das Handwerk.
Mann soll das aber auch nicht so bierernst sehen. In meinem Fall sowieso nicht, weil ich mich ja zeitgleich immer mit vielen Sachen beschäftige. Ich brauche einfach den Kontrast, die Gegensätze und die Reibeflächen – auch im ästhetischen Sinne. Als ich angefragt wurde, ob ich dazu etwas machen wolle, und als der Künstler das Modell hervorholte, war ich erstmal völlig irritiert. Dann wuchs aber die Faszination, nach dem Motto: Jetzt erst recht, weil ich eigentlich nicht damit zurechtkomme. Ich brauchte den Film auch als Kontrast, weil ich zum selben Zeitpunkt einen Film über das wendische Brauchtum in der Lausitz drehte. Und zum selben Zeitpunkt habe ich auch an einem Drehbuch zu Carl Blechen gearbeitet.

Wie lang haben Sie den Künstler und das Objekt begleitet?
Den Künstler habe ich gar nicht begleitet. Das ist nicht das Thema meiner filmischen Reflexionen. Er ist zu sehen, wenn es um die Aufstellung und den Transport des Objekts geht. Er wird aber in der gesamten Installation nicht ein einziges Wort sagen. Weil ich keinen Film über den Bildhauer und Professor Jo Achermann gemacht habe, sondern über eines seiner Objekte.

Sie sagten, die Filminstallation sei eine Ode an das Handwerk. Wie ist das zu verstehen?
Für mich, der handwerklich nicht besonders begabt ist, ist es faszinierend, die Präzision und Genauigkeit zu sehen, mit der die beiden Zimmerleute ans Werk gegangen sind. Sie hatten eine Zeichnung, ähnlich einer, die sie auch bei einer Dachstuhlkonstruktion haben. Sie fügten alles millimetergenau zusammen und ruckelten es so hin und her, bis es wirklich gerade war. Ich bin immer ziemlich zeitig hingefahren. Um sieben Uhr fangen die an zu arbeiten, und um sieben Uhr war ich mit meiner Kamera vor Ort. Es hat die Jungs ganz schön verwundert, mit welcher Ernsthaftigkeit und welchen Respekt ich ihre Arbeit sehe.

Wie lange haben Sie an dem Projekt gearbeitet?
Insgesamt dauerten die Dreharbeiten anderthalb Jahre, vom Mai 2016 an. Im September 2017 habe ich letzte Aufnahmen gefertigt. Wichtig war für mich der Sonnenstand: Das Objekt sollte vor dem Buchhaus sehr lange Schatten werfen, sowohl früh als auch abends. Diese Aufnahmen wurden von den Dächern ringsum gemacht. Wenn man so will, war das Projekt eine Langzeitdokumentation.

Das war ein ziemlich großer Aufwand, den Sie betrieben haben. Wie lang werden die Filme sein?
Dreimal 30 Minuten. Sie laufen im Museum aber als Endlosschleife. Das längste Panel hat eine Dauer von 30 Minuten, und die anderen holen es immer wieder ein. Sozusagen ergibt es bei jedem Durchlauf ein anderes Bild, die Bilder kommunizieren anders miteinander. Das klappt grafisch sehr gut.

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Ihr wievieltes Filmprojekt war das?
Das kann ich gar nicht sagen. Ich mache seit 30 Jahren Filme, und in der Zeit sind viele entstanden. Aber es ist meine erste Filminstallation. Mit diesem Medium habe ich vorher nie gearbeitet, weil ich bis dahin immer im konventionellen Dokumentarfilmbereich und in der Werbung gearbeitet habe. Beides hat seine Grenzen in der Darstellbarkeit. Vor zwei Jahren habe ich dann den Weg des konventionellen Dokumentarfilms bewusst verlassen, um für mich neue Herangehensweisen und Erzählweisen zu ergründen. Das erste umgesetzte Projekt war „Elegia Industrial 3D“ gemeinsam mit dem Musiker Stefan Friedrich, der eine hinreißende Musik gemacht und live zum Film gespielt hat. Jetzt bin ich froh, dass Stefan ein zweites Mal zugesagt hat, mit mir ungewöhnlich zusammenzuarbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.


Bilder aus:
QUADER VANITAS
Dosfilm Produktion 2017, Dokumentarfilm für 3 Bildebenen, von Donald Saischowa, Soundtrack Stefan Friedrich
Das Werk erscheint als Filminstallation sowie in einer Studioedition als 3d Blu Ray.
Vernissage am 12. Januar 2018 im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst BLmK/ dkw Cottbus
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