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Mein Dörfchen Welt

Autobiografie

von bm, Buch

Gina Pietsch gehört in Deutschland zu den ganz großen Sängerinnen des politischen Liedes. Mit ihrer markanten Stimme, die ihrem Publikum Lieder von Mikis Theodorakis bis Víctor Jara näherbringt, begeistert sie seit Jahrzehnten ihre Zuhörer. Dabei ist nicht nur ihr Repertoire international und an den sozialen Kämpfen ausgerichtet. Besonders ihre Brechtabende begeistern ungebrochen ihr Publikum. Von der Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern, den internationalen Liedern der linken Bewegung und den Hoffnungen und Träumen der 60er und 70er Jahre berichtet sie in ihrer Autobiografie „Mein Dörfchen Welt“.
Pietsch studierte in der DDR Germanistik und Musik, arbeitete kurzzeitig im Kulturministerium und bildete sich dann doch als Schauspielerin und als Chansonsängerin aus. Ihre beiden Lehrer, Gisela May und Ekkehard Schall, bestärkten ihr bereits bestehendes Interesse an Bertold Brecht. Damit hatte sie es in der DDR nicht leicht, denn die Chansonindustrie des Landes in Gestalt des Labels „Amiga“ brauchte keinen Nachwuchs an Brecht-Sängern.
Im Nachhinein meint Pietsch, habe sie auch damals nicht so recht in das Bild von Ja-Sagern gepasst, das der Nachwuchs abgeben sollte. Sie gehörte zu dem Teil der Jugend, der die sozialistischen Ideale ernster nahm als mancher Funktionär und wirkte daher doppelt provokativ.
Bereits als Studentin begann sie ihre musikalische Laufbahn mit dem Oktoberklub. Mit der Gruppe „Jahrgang 49“ bereiste sie die Welt, um die DDR offiziell von Kuba bis Vietnam musikalisch zu vertreten. Dass diese Reisen politische Gradwanderungen waren, beschreibt Pietsch eindringlich, aber stets humorvoll. Die Chance, über den Tellerrand der DDR hinaus zu schnuppern, nutzte sie vor allem, um sich mit teils verwandtem, teils erheblich anderem linken Denken auseinanderzusetzen. Sie nimmt ihre Leser mit in die Zentren der politischen Auseinandersetzung und spart dabei die eigenen Unzulänglichkeiten nicht aus. Damit ist das Buch mehr als eine musikalische Biografie: Pietsch beobachtet klug ein Stück deutsch-deutscher und internationaler Zeitgeschichte.
Noch vor dem Ende der DDR entschied sie sich für eine Solokarriere und realisierte seitdem über siebzig verschiedene Abendprogramme: Fünf entstanden noch vor dem Fall der Mauer und wurden häufig gespielt. 65 entstanden nach dem Fall der Mauer.
Auch privat ist sie durch turbulente Zeiten gegangen und beweist den Mut, schmerzliche Erinnerungen nicht auszusparen. Sie schildert ihr künstlerisches Schaffen in zwei Gesellschaftssystemen, schreibt über diejenigen, die sie bis heute inspirieren und zeigt, dass sie ihr kämpferisches Herz bewahrt hat und nicht müde wird, sich musikalisch wie politisch zu engagieren.
Gina Pietsch (2017):
Mein Dörfchen Welt

Berlin: Verlag neues Leben, 288 Seiten
Preis: 19,99€
ISBN: 978-3-355-01864-7
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