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Mit Rechten reden?

Warum eine kritische Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten notwendig ist

von Bernd Müller, Politik

Neue rechte Bewegungen sind auf dem Vormarsch. Das ist nicht neu, und das kann man in Deutschland, in Europa und in den USA leicht beobachten. Wer sind diese Neuen Rechten, weshalb haben sie derartigen Erfolg, und wie soll man mit ihnen umgehen? Die bürgerliche Mitte ist mit diesen Fragen überfordert und auch die politische Linke findet keine gescheite Antwort. Soll man mit ihnen diskutieren oder wertet man sie damit nur auf? Fragen über Fragen, die nach einer Antwort drängen.

Für Otto Normalbürger, der sich nicht täglich mit politischen Theorien beschäftigt, wird es heute immer schwieriger, in der Debatte zwischen links und rechts zu unterscheiden. Kritik an der Konsum- und Massengesellschaft, an der „Gesellschaft des Spektakels“, an der Marktgesellschaft und dem Mythos des ewigen Wachstums würde man eher mit Linken in Verbindung bringen. Diese Themen finden aber auch eine Antwort von rechts. Manche Linke würden gern aufs Land ziehen und dort eine Kommune gründen. Rechte propagieren das auch. Rechte nutzen eine politische Rhetorik, die dem Sound der Linken gleicht, etwa wenn sie Kapitalismus, Neoliberalismus oder Autoritäten kritisieren. Nur wer in den Debatten tief drinsteckt und sich ein fundiertes theoretisches Wissen angeeignet hat, findet noch den Unterschied zwischen den politischen Lagern.
Selbst in der politischen Aktion muss man genau hinschauen, um einen Unterschied zu sehen. Waren Provokationen und Tabubrüche seit der 68er-Bewegung für die Linke probate Mittel im politischen Kampf, sind sie es heute für die Neue Rechte. AfD-Politiker wie der Berliner Landesvorsitzende Georg Pazderski scheuten nicht davor zurück, ihrer Partei diese Methoden für den Wahlkampf zu empfehlen. Die anderen Parteien sollten dadurch zu nervösen und unfairen Reaktionen verleitet werden. Der Plan ist aufgegangen, die AfD konnte zahlreiche Sympathiepunkte gewinnen.
1968 war nicht nur für die westdeutsche Linke ein einschneidender Zeitpunkt. Auch im rechten Lager können viele Veränderungen mit diesem Jahr in Verbindung gebracht werden. Der Publizist Thomas Wagner schreibt in seinem Buch „Die Angstmacher“, damals hätten sich viele Konservative darin gefallen, ihre Theorie- und Intellektuellenfeindschaft herauszustellen. Der jüngeren Generation von rechten Aktivisten sei aber klargeworden, dass sich so sicherlich kein Geländegewinn zu machen sei. Sie „begriffen, wieviel geistige Substanz ihnen fehlte. Sie hatten Ende der Sechziger keine Konzeption anzubieten, welche sie in die Lage versetzt hätte, größere Teile ihrer politisierten Kommilitonen zu gewinnen“ (S. 60). Wenn die Neue Rechte an den Hochschulen Terrain gewinnen wolle, dann müsse sie mit den Linken auf Augenhöhe diskutieren können und eigene theoretische Grundlagen entwickeln.
Vor allem lernten sie von den marxistischen Theoretikern. Ihnen ging es dabei aber nicht darum, den politischen Gegner über die eigene Natur zu schreibt, schreibt Wagner, sondern von den Marxisten zu lernen, um selbst politisch erfolgreich zu sein. „Das rechte Lager sollte durch eine grundlegende Reflexion und Durcharbeitung seiner geistigen Grundlagen zunächst dazu befähigt werden, jene stabile Weltsicht zu entwickeln, die es ihm schließlich ermögliche, selbst die Hegemonie zu erlangen.“ Der französische Vordenker der Neuen Rechten Alain de Benoist schloss beispielsweise aus der Lektüre der Gefängnisschriften des marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci, dass ein deutlicher Politikwechsel eine Veränderung verfestige, die auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Grundüberzeugungen bereits stattgefunden hat. Die Arbeit der Rechtsintellektuellen bestehe deshalb darin, Werte, Bilder und Themen zu popularisieren, die mit der bestehenden Ordnung brechen. (S. 64)
„Ethnopluralismus“ nennt sich eine der Vorstellungen, welche die Neue Rechte salonfähig machen wollen. Jedem Volk wird demnach der gleiche Anspruch auf seine kulturelle Identität zugestanden, seine Angehörigen sollen aber dem ihnen angestammte Gebiet verbleiben. Vermischung ist nicht erwünscht. Neu ist diese Vorstellung aber keineswegs. Er deckt sich zum großen Teil mit der Blut-und-Boden-Ideologie, die im 19. Jahrhundert in konservativen Kreisen aufkam. Auch sie behauptet eine untrennbare Verbindung von Kultur und Siedlungsgebiet, und dass sich beide gegenseitig bedingen. Beide Theorien bedeuten in der Praxis Ausländerfeindlichkeit, Grenzen dichtmachen, Flüchtlinge ausweisen. Insofern nehmen sich NPD, AfD, Identitäre Bewegung, CSU und große Teile der CDU wenig.
Wagner, der mit führenden Vertretern der Neuen Rechten sprach, war überrascht, wie gut seine Gesprächspartner die Argumente der Linken kannten. Die Kritiker der Neuen Rechten, fand er, beschränkten sich häufig darauf, deren Netzwerke aufzudecken oder nachzuweisen, dass Autoren wie Ernst Jünger, Martin Heidegger, Carl Schmitt oder Arnold Gehlen zu ihren Vorbildern zählen. „Die Mühe, sich ernsthaft mit ihren Argumenten zu befassen, macht sich kaum jemand.“ Das muss sich ändern.
Thomas Wagner (2017): „Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten“
Berlin: Aufbau Verlag, 352 Seiten
Preis: 18,95€
ISBN: 978-3-351-03686-7
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Volker Weiß (2017): „Die autoritäre Revolte.
Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“

Stuttgart: Klett-Cotta, S. 304
Preis: 20€
ISBN: 978-3-608-94907-0
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3-sat-Dokumentation: „Die rechte Wende. Beobachtungen jenseits der Mitte“
Abrufbar bis 21.11.2018
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