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Muttersprachmonsternachvollzugsanalyseessay

Lesebühne Cottbus

von Mathies Rau, Kultur

„Weißt du was mich wundert?”
„Nein”, sage ich. Justine sieht skeptisch auf den Bildschirm ihres Laptops. Oder sieht sie „in“ den Bildschirm? „Auf“ würde ja implizieren, dass es auf dem Bildschirm etwas Interessantes gibt, aber da ist nur stickige Heizungsluft, während „in den Bildschirm” bedeutet, er wäre offen und sie könne hineinschauen. Eigentlich schaut sie den Bildschirm „an“, aber wer sagt schon „ich schaue an den Bild…”?
„Pass auf, sonst explodiert dir der Kopp, Himmel. Sprache geht nachweislich damit einher, dass eine Sprachgruppe bestimmte Fähigkeiten entwickelt. Kombinatorisch anspruchsvolle Sprachen z.B., erhöhen im Schnitt das mathematische Verständnis, siehe japanisch. Sprachen der gleichen Sprachfamilie lernen sich leichter, u.s.w.”
„Worauf willst du hinaus?”, frage ich.
„Siehste”, sagt Justine, „gleich zum Punkt kommen. Nicht um den heißen Brei reden. Ist klar, ein Volk dessen Sprache bis zu 5,3 Millionen Wörter umfasst, muss de facto gar keine Sätze mehr bilden. Es gibt für jede noch so komplexe Antwort ein eigenes Wort.”
„Tja”, sage ich, weil es unter den 5,3 Millionen Wörtern nur sehr wenige gibt, die irgendwas besser ausdrücken würden als „tja”. Werde dann aber doch neugierig. „Ich dachte immer, wir hätten irgendwas um die 350,000 Wörter”, und überlege dann. Aachen, Aal, Abba…
„Mach dir keine Mühe, ich hab‘s gerade hier. 70.000 Wörter im Standardwortschatz, 130.000 im Duden, 350.000 im Grimm Wörterbuch, 600.000 mit Fachsprachen und Dialekten. Und 5.328.000 Wörter sind in der deutschen Sprache von 1994-2004 aufgetaucht. Gratulation. Ich glaube, ihr seid die einzige Nation, die einen Erfassungsapparat hat, der in der Lage ist, sowas zu zählen.”
Ich hebe gelangweilt die Schultern. „Kleinkram, 2.000.000 findet man in einer einfachen Einkommenssteuererklärung, nochmal 3.000.000 braucht man, wenn man mal seine Bahncard vergessen hat und nachreichen will, und das Bisschen was drüber ist, zählen Germanisten, sobald der Bedarf an Taxifahrern gedeckt ist.”
„Hast du nicht selber mal Germanistik studiert?”
„Hab‘s abgebrochen, ich kann nicht gut genug Autofahren.”
Justine schüttelt den Kopf. „Jedenfalls bin ich neulich über das Berufskraftfahrerqualifizierungsgesetz gestolpert und musste mich fragen, wie es geht, dass absolut jeder Deutschsprecher solche Großwörter im Schlaf bauen und verstehen kann, ihr aber weder einen Großflughafen, noch einen Großbahnhof geschissen bekommt.”
„Vielleicht ist unsere großdeutsche Zeit auch einfach vorbei”, sage ich.
„Vielleicht.”
„Wie sieht das eigentlich mit dem Griechischen aus? Macht ihr auch was Tolles mit euren Wörtern?”
„Wir haben voll coole Buchstaben. Die Leute wissen das immer nicht. Die denken, Griechen sind diejenigen mit dieser komischen Schrift, die keine Sau lesen kann. Dabei ist das griechische Alphabet, die Basis für die Schriftkultur fast aller indogermanischer Sprachen. Alle denken immer, das wäre alles voll kompliziert, weil sie griechisch nur aus dem Physikunterricht kennen, aber das stimmt nicht. Euer lateinisches Alphabet baut auf dem griechischen auf. Wenn man das will, dann kann man mit etwas Fleiß in einer Woche flüssig griechisch lesen. Frag mal die sozialistischen Relikte aus Ostzeiten, das kyrillische Alphabet geht auch auf das griechische zurück.”
Ich stutze. „Griechisch ist eine indogermanische Sprache?”
Justine nickt. „Verrückt, wa? Die Pleitegriechen sind Teil der Familie. Genauso wie die iranischen, armenischen, baltischen, slawischen, romanischen und so weiter Sprachen. Alle unsere Vorfahren kommen von irgendwo zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Und das nicht schon seit den Dinosauriern, sondern vergleichsweise gar nicht so lange. 5000 Jahre. Klingt viel, aber die Ägypter z.B. hatten da schon einen funktionierenden Kulturstaat.”
„Ägypter gehören aber nicht zur Familie?”, frage ich.
Justine seufzt: „Warum müsst ihr immer rassistisch werden? Warum? Aber nein, Ägyptisch gehört zur afroasiatischen Familie. Ist selbst aber ausgestorben. Das heutige Ägyptisch ist ein arabischer Dialekt. Arabisch ist übrigens eine semitische Sprache, höhö, genau wie Hebräisch oder Tuareg.”
„Woher weißt du das alles?”, frage ich.
Justine zieht ihren Shirtkragen über die Nase: „Alter, Tuareg sind ja mal supercool.”
Sie überlegt eine Weile. „Verrückt, wie das Leben manchmal so geht. Ob Hitler zum Beispiel gewusst hat, dass die Russen, die Juden und alle ausgewürfelten Arier am Anfang alle einmal zusammen in Kasachstan abgehangen haben?”
Kann mir schwer vorstellen, dass es ihn interessiert hätte, wenn er’s gewusst hätte. So lang unsere Geschichte und so kurz unser Gedächtnis. Nur an alten Groll scheinen wir uns gut zu erinnern.
„Alle quatschen immer was von der Wichtigkeit der Familie und am Ende finden sie sogar in etwas so Identitätsstiftendem wie Sprache einen Grund sackig aufeinander zu sein. Guck dir doch nur mal diese sinnlose Debatte um die Anglizismen an.”
Anglizismen, denke ich bei mir. Das waren großartige Zeiten. Als die Deutschen sich noch aufgeregt haben über das ganze Englisch. Die Alten werden sich erinnern - das war ein großes Ding damals, noch vor der Griechenland- und der Ukrainekrise, von den Geflüchteten gar nicht zu reden. Das war damals, als der Jugoslawienkrieg und Agenda 2010 langsam uninteressant wurden und die nine eleven-Anschläge waren. Merkwürdig, denke ich bei mir, warum hatten wir während des Irakkrieges medial eigentlich noch Kapazitäten uns über Anglizismen aufzuregen…? Und dann auch noch Anglizismen, näher kann man dem Deutschen wirklich nicht mehr kommen. Dass uns englische Wörter schnell von der Zunge gehen, ist so natürlich, wie sprechen überhaupt. Anglizismen aus unserer Sprache streichen zu wollen, ist, als würde ich meinem Bruder verbieten in mein Zimmer zu kommen, weil er nicht mein Zwilling ist. Und es sind auch immer nur Anglizismen. Keiner regt sich über Gallizismen, französisch, oder Romanismen, latein, auf. Kommt nicht vor. Würden wir die alle streichen wollen, dann hätten wir faktisch gar keinen Wortschatz mehr. Und alle diese Begriffe sind uns fremder als Anglizismen. Man kann das ja mal ausprobieren. Bilden sie mal die korrekte Mehrzahl des guten deutschen Wortes Fundus. Gar nicht so einfach. Aber in unserem Land wurde vom „Verein Deutsche Sprache” ein Jacob-Grimm-Preis für den erfolgreichen Kampf gegen Anglizismen vergeben, die die deutsche Sprache bedrohen. Manchmal wache ich nachts auf, weil die bedrohte deutsche Sprache unter meinem Bett liegt und weint und Angst hat und dann nehme ich sie in den Arm und halte sie ganz fest und sage: „Chill mal, von allen Dingen auf der Erde, vor denen du Angst haben musst, glaube mir, Anglizismen, sind nicht darunter.” Was soll denn passieren? Das unsere Sprache ein bisschen „fresher” wird? Was sich in der Kommunikation bewährt wird sich durchsetzen und was nicht, das stirbt halt aus. Dazu ist Sprache ja da. Beschützen muss man die vermutlich nur vor dem „Verein Deutsche Sprache”.
„Warum ist deine Halsschlagader schon wieder dick wie ein Gartenschlauch, nur weil ich Anglizismen sage?”, fragt Justine.
„Diese Leute die sich immer aufregen”, sage ich.
Justine nickt. „Das regt dich so richtig auf, ‘ne?”
„Ja!”
„Merkst du eigentlich noch was?”, fragt sie.
„Dass diese Anglizismendebatte völlig bescheuert ist und vermutlich nur damit zusammenhängt, dass die Deutschen Komplexe bekommen haben, weil a) auch nach zwei Weltkriegen Deutsch immer noch nicht die dominante Weltsprache ist und b) keiner weiß, wie unglaublich viele deutsche Lehnwörter die Engländer haben. Kindergarden, Angst, Pretzel, Noodle, Jager, Putsch, Blitzkrieg, naja, man sieht, in welche Richtung das jetzt geht.”
Justine sagt: „Du bist hoffnungslos, du bist einfach völlig hoffnungslos.”
Ich muss widersprechen. „Ich habe ja sehr die Hoffnung, dass wir dieses Tal der Minderwertigkeitskomplexe irgendwann hinter uns haben.”
Justine legt den Kopf in die Hände. „Es gibt ein schönes griechisches Lehnwort im Deutschen für dich.”
„Oh welches?”
„Idiot.”
Das wusste ich nicht. „Idiot ist griechisch?”
Justine nickt. „Die deutsche Sprache hat sogar mehr sogenannte Gräzismen als Anglizismen. Ozean, Politik, Mathematik, Idee, Ironie, Sarkasmus, Orgasmus, Lesbe, Disko, Cannabis, so ziemlich alles was Spaß macht ist griechisch.”
„A propos Lesbe”, sage ich, „was machen wir eigentlich Silvester?”
„Uh, überführen wir unsere Sprachdiskussion jetzt in eine Silvesterabendgestaltungsplanungsphase?”
Ich nicke anerkennend „Nicht schlecht für ein Fremdsprachlermonsterwortkettenkonstruktionserstversuch.”
Oooooh. „Also, ich bin Silvester in Griechenland bei babasz und mamá. Du wirst dir dieses Jahr demnach wen Anderes suchen müssen. Gibt es im Deutschen denn auch ein Wort, das das ganze Spektrum enttäuschter Hoffnungen und am Horizont wartender Einsamkeit emotionsgenau auf den Punkt bringen kann?”
Ich nicke und sage: „Tja…”


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