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Gesehen: ONKEL WANJA

Premiere 4. November 2017, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

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Hat, wer FRANCESCO und TELL gesehen hat, den ganzen Fabian gesehen?
Ich hoffe es nicht.
USHER spricht dagegen, ONKEL WANJA laut dafür.
Wobei DER FALL DES HAUSES USHER (4/2012) ein anderes Genre ist und allein durch die Musik von Philip Glass ein genialer Ausnahmefall. Und auch FRANCESCO (9/2015) ist keine wirkliche Referenz für ein Schauspiel.
Mit ONKEL WANJA legt Jo Fabian, seine erste Cottbuser Arbeit als Schauspieldirektor des Staatstheaters vor. Und der Werkzeugkasten dafür scheint bekannt.
Die Akteure sind bereits da - Rockmusik kracht durch den Saal, gefolgt von meditativen Streicherklängen - dann … passiert nichts mehr. Längere Zeit nicht. „Francesco“, flüstert es im Publikum. Tatsächlich ist das die zu diesem Stillleben passende Assoziation.
Immerhin gibt das Zeit, die übervolle Bühne anzuschauen, beziehungsweise dies zu versuchen, denn weiter, als bis zur massiven Hauswand reicht von kaum einem Platz der Blick. Dabei folgt erst danach der Salon und noch nach diesem grasen Ziegen (echte).
Nun düst ein Flieger über´s Haus (akustisch) und weist darauf hin, dass es bei Fabian nicht mehr 1896 ist. Die konkrete Zeit ist wohl schlicht egal. Es ist kurz vor Zwölf, für immer, wie eine stehengebliebene Uhr passend zur Szenerie zeigt.
Viel los ist da nicht, in Russland, auf dem Land. Das ist nun jedem klar. Mitdenken hat es bis hierhin nicht gebraucht. „Wer nicht denken will, fliegt raus.“, ist Jo Fabians Interview in der Lausitzer Rundschau überschrieben. Angesprochen hat er da seine Darsteller, der Satz jedoch steht für seinen Anspruch auch ans Publikum. Das hat kürzlich sein TELL klargemacht. Ebenso die sofortige Teilung der Theaterzuschauer. In die, die das wollen und können - und in die, die man an die Hand nehmen muss und die erwarten, dass es immer jemanden gibt, der ihnen sagt, wo es langgeht.
„Was für ein schöner Tag.“, spricht dann jemand. Wer, ist nicht klar, auch nicht, wo der Sprecher ist.
Was noch mehrmals passiert. Denn wegen des durch Mikros abgenommenen Tons, kommen die Stimmen - wenn nicht gerade ganz frontal gesprochen - immer vom gleichen Ort, aus den Lautsprechern.
Mikrofone stehen auch noch zusätzlich herum, eins am Loch in der Wand, wo wohl mal ein Spiegel war. Da hinauf klettert ein Mann: „Dann fang ich mal an.“
Es ist Wanja, und der liefert eine Zustandsbeschreibung.
Womit auch das Kernwort gefallen ist: Beschreibung. Denn wie bei WILHELM TELL wird auch diesmal weniger ein Stück gespielt, sondern werden eher dessen Umstände beschrieben. Tschechows Vorlage kommt Fabians Sichtweise ganz und gar entgegen, sind doch Stillstand, wie auch das Nicht-Gezeigte dessen Herausforderung an den Betrachter. Etwas Handlung passiert dann fast wie nebenbei. Im Vordergrund steht das Beobachten der Personen an diesem Tag, der kein besonderer ist. Wie der davor und der danach.
Was sie da so tun, hat Regisseur Fabian den Schauspielern nicht komplett vorgegeben. Hier ist es dann, das Mitdenken. Das lange vor der Aufführung begonnen haben muss und mit der Premiere nicht endet. Wo Vorgabe endet und Improvisation beginnt, weiß das Publikum nicht. Überhaupt gibt es weit mehr, als eine Möglichkeit, das Geschehen zu begreifen oder auch es einfach wirken zu lassen.
Das, ich sagte es, muss man allerdings wollen und zulassen. Wer sich darauf einlässt, bemerkt ein paar herrliche Einfälle und erfährt eine wirklich gute Zuspitzung. Denn mit einem Mal verdichtet sich alles, findet doch noch eine Menge statt, um sich aus dem Ernst sofort wieder zu verabschieden und die weitere Verarbeitung bei uns zu lassen.
Getragen von Darstellern, die durchweg Bemerkenswertes leisten, zwischen komisch und nachdenklich, endlos gelangweilt und motiviert - und garniert mit Ideen, von denen man nicht jede verstehen muss, entwickelt sich ein Abend der ungewohnten Art, der im Abgang vor allem eins ist: richtig gutes Theater.


Ensemble: Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow - Thomas Harms, Jelena Andrejewna - Lisa Schützenberger, Sofja Alexandrowna (Sonja) - Lucie Thiede, Maria Wassiljewna Wojnizkaja - Sigrun Fischer, Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja) - Axel Strothmann, Michail Lwowitsch Astrow - Gunnar Golkowski, Ilja Iljitsch Telegin - Amadeus Gollner, Marina - Michaela Winterstein, Tänzerin - AnnaLisa Canton/Mandy Krügel, Pianist - Hans Petith; Bühne & Kostüme - Pascale Arndtz, Regie - Jo Fabian




ONKEL WANJA

von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Bearbeitung und Fassung von Jo Fabian
Regie JO FABIAN
Bühne und Kostüme PASCALE ARNDTZ

Foto: Marlies Kross
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