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Piccolo: „Sie spielen ‚bundesligareif‘“

Gespräch mit Schauspieler und Regisseur Matthias Heine

von Bernd Müller, Kultur

Herr Heine, es ist Herbst und eine neue Spielsaison hat begonnen. Wie blicken Sie auf die vergangene zurück?
Für das Piccolo war es eine sehr erfolgreiche Saison. Mit über 36.000 Besuchern verzeichnen wir einen neuen Rekord. Unser Team hat 351 Vorstellungen gespielt. Und unsere Angebote werden sehr gut angenommen: Inzwischen haben wir neun Theater- und Jugendspielgruppen, acht Tanzgruppen und zwei Tanztheatergruppen.

Anfangs 2016 gab es große Verunsicherung, ob das Piccolo eigenständig bleiben würde. Hat sich im vergangenen Jahr auch die wirtschaftliche Lage des Theaters gut entwickelt?
Die Zuwendungen der Stadt Cottbus und des Landes Brandenburg sind gleich geblieben, aber das Theater selbst hat deutlich mehr Geld eingespielt. Mit einem Anteil von fast 17 Prozent ist die Eigendeckung herausragend. Mit den Zahlen aus dem letzten Jahr sollte es künftig keine Diskussionen mehr über unsere Eigenständigkeit geben.

Mit dem Stück „Kiwi on the rocks“ war das Piccolo an Cottbuser Schulen. In dem Stück geht es um den Missbrauch von Alkohol durch Jugendliche, Rollen- und Geschlechterbilder und sexuelle Übergriffe. Wie oft wurde das Stück gezeigt, und wie ist es bei Schülern und Lehrern angekommen?
Im November hatte das Stück Premiere, und seitdem hatten wir rund 50 Vorstellungen. „Kiwi on the rocks“ wird also sehr gut angekommen. In einer Unterrichtsstunde wird das Stück gezeigt, und in der darauf folgenden Stunde gibt es mit Schüler*innen und Lehrer*innen eine Diskussion dazu. Die Schauspielerin Maria Schneider und unser Dramaturg Mathies Rau sprechen darüber, ob und wo sich die Schülerinnen und Schüler in dem Stück wiederfinden konnten oder an welcher Stelle die Geschichte eine andere Entwicklung hätte nehmen können. Auch in der Spielzeit 2017/2018 werden wir das Stück in die Schulen bringen. Es gibt schon viele Anfragen.

Welche Klassenzimmerstücke kann man noch beim Piccolo buchen?
Wir spielen außerdem das Klassenzimmerstück „Erste Stunde“ für Jugendliche ab 12 Jahren zum Thema Mobbing. Hauke Grewe hat den Monolog von Jörg Menke-Peitzmeyer beinahe 300 Mal gespielt. Das ist absoluter Piccolorekord! Werner Bauer spielt Kai Hensels Stück „Klamms Krieg“ für Schüler*innen ab 16 Jahren.

Der Theaterjugendklub des Piccolos ist besonders erfolgreich. Für die Stücke „Touch Down“ und „sag alles ab“ gewann die Gruppe den Deutschen Amateurtheaterpreis und wurde zu den Berliner Festspielen eingeladen. Im letzten Jahr hatte er mit dem Stück „KRG.“ Premiere. Knüpft es an diesen Erfolg an?
Vom Cottbuser Publikum ist es bisher sehr gut angenommen worden. Die Schauspieler*innen des Theaterjugendklubs spielen aber auch im nationalen Vergleich auf einem hohen Level. Man könnte sagen, sie spielen „bundesligareif“. Mit „KRG.“ haben wir es jetzt zum 27. Bundestreffen der „Jugendclubs an Theatern“ geschafft, das vom 3. Bis 8. Oktober im Theater Bremen stattfinden wird. Die Teilnahme an einem solchen Festival ist für alle ein tolles Erlebnis.

Die Stücke des Theaterjugendklubs waren bisher sehr gesellschaftskritisch. Wird diese „Tradition“ mit dem neuen Stück „Bilder Deiner großen Liebe“, das im April Premiere haben soll, fortgesetzt?
Ja, auch das neue Stück wird einen kritischen Blick auf die Gesellschaft werfen. Wir folgen zwar weitgehend der Geschichte von Wolfgang Herrndorf, werden diese aber mit eigenen Ansätzen aufbrechen und anpassen. Im Mittelpunkt steht Isa, eine Figur, die bereits im Stück „Tschick“ aufgetaucht ist. Isa ist das „Mädchen von der Müllkippe“. Herrndorf schreibt in „Bilder Deiner großen Liebe“ ihre Geschichte nieder. Sein letzter unvollendeter Text vor seinem Tod. Isa flieht aus einer psychiatrischen Klinik und möchte zu Ihrer Schwester. Das Ganze zu Fuß und allein durch die brandenburgische Pampa, durch die Wälder, die Nächte auf der Reise zu sich selbst. Isa ist im Grunde eine Aussteigerin. Eine, die die aus dem System geflogen ist.

Vom 20. bis 22. Oktober findet das 18. Cottbuser Puppenspielfest im Piccolo statt. Was erwartet die Besucher?
Das Puppenspielfest ist immer ein großer Höhepunkt in unserem Theaterjahr. Es ist unendlich spannend mitzuerleben, wie eine Puppe zum Leben erwacht, wie gute Puppenspieler*innen es schaffen, Figuren und Objekten dieses Leben einzuhauchen und ganz hinter ihnen zu verschwinden. Eine große Kunst. Während am Freitag und Samstagabend Stücke für Erwachsene gezeigt werden, sind am Samstag und Sonntag die Vormittage für die Kinder interessant. Am Start sind diesmal zehn einzigartige Produktionen. Darunter das französische Stück „GO!“. Darin schlüpft die junge russische Puppenspielerin Polina Borisova in die Rolle einer einsamen Frau, deren Leben abläuft und die ziellos in ihrer kleinen Wohnung auf und ab geht. Ohne Worte oder weitere Beteiligte lässt sie ihre Vergangenheit lebendig werden. Sehr unterhaltsam wird das Stück „Sag mal, geht’s noch?“ am Freitagabend.

Am Piccolo gibt es für Kinder und Jugendliche Tanztraining in verschiedenen Gruppen. Besteht auch für Erwachsene die Möglichkeit, sich darin zu üben?
Bisher war unser Angebot tatsächlich nur auf Kinder und Jugendliche beschränkt. Mit der Verpflichtung von Zaida Ballesteros Parejo ist das nun anders. Jetzt haben wir auch ein offenes Angebot für Erwachsene. Zaida lehrt dabei unter anderem Cryokinesis, ein Stil mit Elementen aus Thai-Chi und Qi-Gong. Das Angebot gibt es ab dem 18. September, und wer mag, soll sich per Email (info@piccolo-cottbus.de) bei uns melden oder einfach vorbeikommen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Foto: Piccolo
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