Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Revolution in Deutschland

von Bernd Müller, Buch

Der November in diesem Jahr ist geschichtsträchtig. Vor 100 Jahren, im November 1918, begann die einzige demokratische Revolution im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Sie scheiterte. Ihr zum Anlass sind wieder einige Bücher neu auf dem Markt erschienen. Dem Magazin „Der Spiegel“ war sie ein Titelthema wert. „Der Spiegel“ fragte, warum sich die Deutschen bisher so schwertun mit Revolutionen; warum sie es nicht fertigbringen, wenigstens eine Revolution bis zum Ende durchzukämpfen.

Die Novemberrevolution von 1918 war nach der von 1848 die zweite demokratische Revolution in der deutschen Geschichte. Sie wurde von einer Koalition aus Sozialdemokratie und Rechtsextremisten blutig niedergeschlagen. Folgenlos blieb sie allerdings nicht.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hebt in seiner Zeitschrift „Einblick“ hervor, dass die bis heute praktizierte Sozialpartnerschaft ihren Ursprung in der Novemberrevolution hat. Bis dahin hatten die Unternehmer die Gewerkschaften nicht als den Partner anerkannt, der für die Arbeiter sprach und handelte. Sie bestanden bis 1918 darauf, dass allein sie „das Sagen in den Betrieben haben (‚Herr im Hause‘) und weder Gewerkschaften noch der Staat dort etwas zu suchen hätten“.

Diese Einstellung änderte sich erst gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als der Kaiser seinen Thron räumen musste und Arbeiter und Soldaten eine Rätedemokratie nach sowjetischem Vorbild und den Frieden forderten. In dieser Stunde, als die Forderung nach Vergesellschaftung von Banken und Konzernen in der Bevölkerung populär war, besannen sich die Unternehmer und suchten Kontakt zu den Gewerkschaften. Mit der Unterzeichnung des Stinnes-Legien-Abkommens am 15. November 1918, benannt nach den beiden Vertragsführern – einerseits dem Ruhrindustriellen Hugo Stinnes und andererseits dem Gewerkschaftsvorsitzenden Carl Legien –, erkannten die Unternehmer die Gewerkschaften als gleichberechtigten Partner an. Der Historiker Eberhard Kolb bezeichnete den Kern des Bündnisses gegenüber „Einblick“ als „Sozialpolitik gegen Verzicht auf Sozialisierung“. Mit anderen Worten: Die Unternehmer durften ihre Profite behalten, im Gegenzug durften die Gewerkschaften in einigen Bereichen mitreden.

Dieser Pakt wird von den Gewerkschaften heute noch als Meilenstein gesehen, denn mit ihm wurde die Tarifautonomie eingeführt. Sie ist das Recht von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, Arbeitsbedingungen wie Lohn und Arbeitszeit eigenständig und ohne staatliche Einmischung auszuhandeln. Heute ist dieses Recht fest im Grundgesetz verankert. (Artikel 9, Absatz 3)

In der Politik kam es zu einem ähnlichen Bündnis. Als es darum ging, die revolutionären Massen niederzuhalten, fanden die SPD, der Generalstab der Armee, kaisertreue Beamte und Politiker sowie rechtsextreme Freikorps zusammen. Es wurde in friedliche Demonstrationen geschossen, und Politiker wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden ermordet. Der frühere SPD-Politiker Gustav Noske sagte damals: „Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“

Bernd Langers Buch „Die Flamme der Revolution. Deutschland 1918/19“ zeichnet die damaligen Ereignisse sehr detailliert nach und schildert sie sehr lebendig. Er trägt dazu die Aufzeichnungen von vielen damals Beteiligten zusammen. Sehr anschaulich entsteht ein Bild von den Hoffnungen der Revolutionäre, aber auch von ihrem Scheitern.

Zunächst verlief die Revolution friedlich, wurde aber bald von blutigen Konfrontationen überschattet. Während die konsequenten Kräfte die Sozialisierung der Industrie und die Räte-Republik forderten, verteidigten die SPD und andere bürgerliche Parteien die kapitalistischen Besitzverhältnisse und bedienten sich dafür unter anderem der Freikorps.

Was den Revolutionären schlussendlich am meisten fehlte, war das strategische Zentrum, eine revolutionäre Organisation. In Berlin wurden Häuser nicht nach einem bestimmten Plan besetzt, sondern spontan. „Die Revolutionäre sind intuitiv vorgegangen und nur die Besetzung der Bahnhöfe und einiger Kreuzungen haben strategischen Wert“, schreibt Langer. „Hingegen bleiben das gesamte Regierungsviertel und die Kasernen in der Hand der Regierung, was von ausschlaggebender Bedeutung ist.“

Die Revolutionäre unterstanden keinem militärischen Kommando, und oftmals wollten sie Befehle erst noch diskutieren. Auf diese Weise lässt sich keine Revolution gewinnen. „So zeigt sich schnell, dass die Revolutionäre, ausgerüstet mit Gewehren und einigen Maschinengewehren, lediglich in der Lage sind, eine Revolution anzufachen, aber nicht, sie militärisch durchzukämpfen“, so Langer weiter.

Stefan Bollinger wählt dagegen in seinem Buch „November ´18. Als die Revolution nach Deutschland kam“ eine andere Art der Darstellung. Ihm geht es um die historische Einordnung der damaligen Ereignisse. Die Geschichtsschreibung in BRD und DDR hinterfragt er kritisch und versucht sie, von den Mythen des Kalten Krieges zu befreien.

Mit der Revolution entstand die Weimarer Republik. Auch sie scheiterte. Für Bollinger hing das nur bedingt damit zusammen, „dass es sich um eine ‚Demokratie ohne Demokraten‘ handelte, was einst wie heute gern kolportiert wird“. Demokraten habe es viele gegeben, im bürgerlichen Lager „und noch mehr unter den Arbeitern, Soldaten, auch Bauern“. Viele seien bereit gewesen, die Demokratie in die eigene Hand zu nehmen. Doch: „Die anderthalb Jahrzehnte der Weimarer Republik zeigen, was passiert, wenn eine Revolution ‚vergisst‘, mit ihren Feinden abzurechnen, wenn sie Militär, Justiz, Staatsapparat und kapitalistisches wie agrarisches Großeigentum in den Händen der bisher und nun weiterhin Mächtigen belässt“. Die Machtübertragung an Adolf Hitler im Jahre 1933 war demnach kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern Konsequenz der halben Revolution von 1918.
Stefan Bollinger (2018):
„November ´18. Als die Revolution nach Deutschland kam“

Berlin: Eulenspiegel Verlagsgruppe
256 Seiten
Preis: 14,99€
ISBN: 978-3-360-01884-7
Bei Amazon kaufen

Bernd Langer (2018):
„Die Flamme der Revolution. Deutschland 1918/19“

Münster: Unrast-Verlag
444 Seiten
Preis: 24,80€
ISBN: 978-3-89771-234-8
Bei Amazon kaufen

Hinweis: kultur-cottbus.de benutzt Amazon Affiliate Links. Eine Bestellung über einen solchen Link bringt euch keine Nachteile, der Blattwerk e.V. wird aber mit einen geringen Prozentsatz am Umsatz beteiligt.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus