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David Graeber

Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus?

von Christiane Freitag-Pittasch, Buch

Im Kreis der Schüler des Sokrates entstanden, von Platon als platonischer Dialog zu Eigen gemacht: der philosophische Dialog hat eine lange Tradition. Ein Vorteil dieser literarischen Gattung liegt darin ohne große Umschweife, das Für und Wider eines Problems zu betrachten. Ein Vorteil, den auch das vorliegende Buch ausmacht. Denn in ähnlicher Form treffen in „Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus?“ die Stars der Kapitalismuskritik – Tomáš Sedláček und David Graeber aufeinander.
Die Stars?
Tomáš Sedláček lehrt an der Prager Karls-Universität, ist Chefökonom der größten tschechischen Bank und Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats in Prag. Für seinen internationalen Bestseller „Die Ökonomie von Gut und Böse“ erhielt er den deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2012.
David Graeber ist ein US-amerikanischer Ethnologe und politischer Aktivist. Er lehrte bis 2007 als Professor in Yale, seitdem an der London School of Economics and Political Science. Graeber ist einer der Initiatoren der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Sein Bestseller “Schulden. Die ersten 5000 Jahre” machte ihn in einer breiten Leserschaft bekannt.

Kapitalismuskritik in dialogischer Form, also?!
Die Fassade des Kapitalismus hat in den letzten Jahren erhebliche Risse bekommen. So viel Fortschritt er uns (also zum überwiegenden Teil „das Abendland“) seit Beginn des 20. Jahrhunderts bzw. seit Ende des zweiten Weltkriegs gebracht hat, so sehr hat er anderen Schaden zugefügt. Das vor allem auf globaler Ebene: Ungleichverteilung monetärer und materieller Güter, Unsicherheiten, Umweltzerstörung, Kriege und Krisen… um nur einige zu nennen. Überspitzt und kurz könnten man auch sagen: die westlichen Industrienationen sind reich, weil andere arm sind - also, wir sind reich, weil andere arm sind.
Der Kapitalismus ist längst nicht mehr der schillernde Heilsbringer, der Wohlstand und Glück zur Folge hat, er ist eher wie eine psychotisch-pathologische Zwangshandlung.
Angesichts dieser immer deutlicher werdenden Pathologien werden auch die Stimmen, die Reform oder Abschaffung fordern, immer deutlicher – Revolution oder Evolution also?
Eine Antonymie, die sich auch im Buch wiederfindet und der sich die beiden Protagonisten Tomáš Sedláček und David Graeber – je für eine Position stellvertretend – in einem Streitgespräch widmen. Mit brennend-interessanten (Nach-)Fragen. Moderiert wird dies vom Journalisten Roman Chuplatý.
Tomáš Sedláček – der Evolutionär. Er sieht den Kapitalismus als Zombie: „Bringen wir den menschlichen Aspekt und andere Aspekte wieder auf den Tisch und verbinden wir sie mit der technischen, mathematischen Seite der Wirtschaftswissenschaften, da nun mal die Ökonomie so wichtig geworden ist.“ Der Kapitalismus ist das beste Wirtschaftssystem, das wir kennen, aber er muss von Grund auf reformiert werden
David Graeber hingegen ist der Revolutionär, der keine Möglichkeit sieht dem Zombie wieder Leben einzuhauchen. „Sich am politischen System zu beteiligen und zu versuchen, es zu verändern, wäre unsinnig. Das ist nicht möglich. Wenn man von Leuten verlangt, sie sollten aufhören zu sein, wie sie sind, wird man nicht das Geringste erreichen. Der einzig gangbare Weg besteht deshalb darin, eine Art radikale Gegenposition zu beziehen[…] Gerecht und fair kann es im Kapitalismus nicht zugehen, daher ist er auch nicht reformierbar und muss abgeschafft werden.“
Ein intelligentes und pointiertes Streitgespräch, dass die Positionen keinesfalls aufs Nötigste reduziert sondern ganzheitlich-logisch dargestellt und sich mit hervorragend-begründeten, inhaltsstark-sachlichen Argumenten über 144 Seiten erstreckt. Ein Genuss für jeden (kapitalimus)kritischen Leser und die beste Möglichkeit einen Sonntagnachmittag zu verbringen, denn länger Dauert die Lektüre schlichtweg nicht.

Sedláček, David Graeber - Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus?

Aus dem Englischen von Hands Freundl
Im Februar 2015 veröffentlicht
Gebunden, 144 Seiten
ISBN: 978-3-446-44304-4

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