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In Sandow sind viele sauer

Gespräch mit Elisabeth und Tom von der „Initiative Jugend und Kultur“

von Bernd Müller, Cottbus

Der Verein „Initiative Jugend und Kultur“ hat sich neu gegründet. Vielleicht kannst Du euch kurz vorstellen?

Das ist nicht ganz richtig: Der Verein hat sich jetzt nicht neu gegründet. Ihn gibt es mittlerweile schon acht Jahre, aber weil die meisten der ehemaligen Mitglieder aus Cottbus weggezogen sind, lag er mehr oder weniger brach und war untätig. Wir haben ihn wieder zum Leben erweckt und neue Ausrichtung gegeben.
Wir, das sind mit unserem aktiven Umfeld etwa 20 junge Cottbuserinnen und Cottbuser, die in der Stadt und mit den Bewohnern im Stadtteil Sandow etwas bewegen wollen. Unter uns befinden sich Auszubildende, Studenten, Arbeitsuchende, Berufstätige, Sozialarbeiter und Psychologen. Viele von uns kommen selbst aus Sandow, kennen den Stadtteil und die Situation junger Menschen.

Ihr habt etwas in meinen Augen Ungewöhnliches gemacht: Ihr seid vier Wochen durch Sandow gegangen und habt die Einwohner befragt. Wieso? Und habt ihr das auf Gut-Glück gemacht oder habt ihr dafür Unterstützung bekommen?


Sandow ist ein Stadtteil mit vielen Problemen: Insbesondere eine hohe Arbeitslosigkeit und die Überalterung. Was die Angebote für die Menschen angeht, ist Sandow relativ strukturschwach. Obwohl es der größte Cottbusser Stadtteil ist, gibt es dort nur einen Jugendklub und keine anderen Begegnungsstätten für Jugendliche, während beispielsweise in Sachsendorf drei bestehen. Die wenigen Angebote die es gibt, sind nach unserem Eindruck nicht auf die Bedürfnisse der Sandower angepasst oder werden nur von einem begrenzten Personenkreis wahrgenommen.
Unsere Erfahrung ist, dass zwar andere Träger Angebote machen, aber nicht in der erforderlichen Weise auf die Menschen zu gehen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass erwartet wird, dass die Menschen von allein zu den Vereinen kommen – von denen sie wahrscheinlich noch nicht einmal wissen, dass die Vereine etwas anbieten.
Wir wollen den Sandowern keine vorgefertigten Angebote vorsetzen, die dann vielleicht gar nicht angenommen werden. Wir wollten wissen, wo wir ansetzen müssen, was gebraucht wird. Deshalb haben wir die Befragung durchgeführt, um mit den Menschen gemeinsam etwas zu entwickeln. Wir haben uns vor allem auf jüngere Menschen konzentriert im Alter zwischen 14 und 30 Jahren. Gefragt haben wir, was sie im Stadtteil stört, was getan werden müsste und wobei sie mitmachen würden. Dabei haben wir viele Kontakte knüpfen können, die bei der Umsetzung hilfreich sein können. Einige der Sandower beteiligen sich dadurch mittlerweile aktiv im Stadtteil.
Bevor wir in den Stadtteil gezogen sind, haben wir uns intensiv mit bereits bestehendem Datenmaterial beschäftigt, um einen Überblick zu bekommen, was auf uns zukommen könnte. Dadurch sind wir übrigens nochmal bestärkt worden, die Bewohner von Sandow zu befragen. Uns lag viel daran, dass die Ergebnisse Hand und Fuß haben. Deshalb haben wir uns an Professoren der BTU gewandt, die uns bei der Erhebung und Auswertung der Daten unterstützt haben.

Was brennt den Menschen in Sandow besonders unter den Nägeln?

Die Menschen sind sauer auf die Entwicklung im Stadtteil. Beispielsweise hat die Stadtverwaltung für die Innenstadt ein Alkoholverbot ausgesprochen. Wie zu erwarten war, hat das nichts anderes bewirkt, als das sich das Problem unter anderem nach Sandow verlagert. Spielplätze und Treffpunkte in Sandow sind nun zum Aufenthaltsort von sich betrinkenden Leuten geworden, ohne dass die Ursachen angegangen werden. Das stößt auf großes Unverständnis im Stadtteil. Dann gibt es ein offenkundiges Drogenproblem. Aber auch rechte Gruppen, teilweise aus der Fußballfan-Szene, sowie rechte Schmierereien wie beispielsweise Hakenkreuze und andere werden negativ wahrgenommen – auch von jungen Leuten, die nicht mit der vorherrschenden Asylpolitik einverstanden sind.
Es wird verstärkt deutlich, dass in Sandow vor allem Treffpunkte, Angebote und Anlaufstellen zum gegenseitigen Austausch fehlen. Im Allgemeinen macht sich das Gefühl breit, dass im Stadtteil Perspektivlosigkeit herrscht – diese wiederum bietet rechtem Gedankengut und anderen Problematiken den Nährboden.

Wie können die Probleme nun angepackt werden?

Viele der Befragten haben konkrete Ideen, was im Stadtteil gemacht werden könnte, damit es lebenswerter wird. Andere sagten, dass es etwas geben müsste, wo man hingehen könne. Wir denken, ein zentraler Anlaufpunkt wie beispielsweise ein Begegnungszentrum, Jugendklubs oder andere Treffpunkte sind notwendig. Die Menschen brauchen einen Ort des Austausches, der Verständigung und der gegenseitigen Vernetzung sowie der sinnvollen Freizeitgestaltung.

Jeden Mittwoch seid ihr im SandowKahn mit eurem Angebot anzutreffen. Ist das ausreichend?

Was das angeht, gibt es gleich mehrere Probleme. Auf der einen Seite gibt es im Stadtteil zu wenig Angebote. Bietet man etwas an, dann kommen immer mehr Leute als die angesprochene Zielgruppe. Aus sozialpädagogischer Sicht wird es dann schwierig, weil man das Angebot nicht mehr in der Qualität umsetzen kann. Auf der anderen Seite haben wir das Problem, dass wir uns die Räumlichkeiten des SandowKahn mit anderen Vereinen teilen müssen, dadurch nur einmal wöchentlich die Möglichkeit haben vor Ort zu sein – und somit die gewünschte Kontinuität nicht gegeben ist. Außerdem fehlen uns beispielsweise die Lagermöglichkeiten. Wenn wir z.B. ein Sportangebot machen wollen, brauchen wir Matten, die wir irgendwo lagern müssen. Im Moment geht das nur bedingt. Darum haben wir weitere Aktivitäten mit Sandowern initiiert, beispielsweise ein Projekt mit alleinerziehenden Eltern und deren Kindern, sowie Quartiersläufer, die im Stadtteil unterwegs sind und den Kontakt zu den Bewohnern aufnehmen. Allerdings unterliegen diese Angebote den Witterungsbedingungen vor allem im Winter, perspektivisch bräuchten wir also eigene Räumlichkeiten.

Bekommt ihr in dieser Angelegenheit Unterstützung von der Stadt?

In Sandow gibt es durchaus Immobilien. Diese entsprechend herzurichten würde Arbeit machen und Geld kosten. Wir denken, dass es nicht so schwierig wäre, Jugendliche zu finden, die mit anpacken. Das ist auch Bestandteil unseres Konzepts: Wenn ein Jugendlicher sich einbringt und, sagen wir, eine Wand weiß anstreicht, wird er den Klub am Ende als seinen anerkennen und schätzen. In der Stadt gibt es ja auch andere Beispiele von selbstorganisierten Klubs mit reichlich positiver Erfahrung.
Die Geldfrage gestaltet sich dagegen etwas schwieriger. Unser Verein kann keine großen Finanzierungen stemmen. Wir arbeiten ausnahmslos ehrenamtlich und bringen daher alle anfallenden Kosten selbst auf. Das hat natürlich seine Grenzen – sowohl im zeitlichen Rahmen als auch finanziell.
Die Stadt zeigt mehr und mehr Interesse an unserem Projekt, eine konkrete Unterstützung hat sich aber noch nicht ergeben. Die Hoffnung auf Hilfe von Seiten der Stadt besteht dennoch.
Darüber hinaus arbeiten wir daran, auch durch andere Förderprogramme unterstützt zu werden.

Euer Vorhaben klingt auf jeden Fall sehr interessant. Ich wünsche euch viel Erfolg mit eurem Projekt und bedanke mich für das Gespräch.

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