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Solidaritätsnetzwerk Cottbus

Gespräch mit Andrea Westphal

von Redaktion, Cottbus

Andrea, Du baust derzeit in Cottbus mit anderen ein Solidaritätsnetzwerk auf. Was macht ihr?
Wir sind eine bundesweite Organisation und in mehreren Großstädten aktiv. Unser Anliegen ist, Solidarität für Menschen in verschiedenen Lebenssituationen zu schaffen und verschiedene Gruppen der Bevölkerung miteinander zu verbinden, z.B. Arbeiter, Angestellte und Arbeitslose, Migranten, Frauen, Jugendliche und Rentner. Jede dieser Gruppen hat ihre besonderen Nöte, Sorgen und Probleme. Aber in vielen Punkten gibt es Gemeinsamkeiten. Unser Begriff von Solidarität ist, diese aufzugreifen und deutlich zu machen.

Könnt ihr dafür ein Beispiel geben?
Wenn wir uns die Situation in Cottbus anschauen, dann haben wir das Problem, dass viele der alleinerziehenden Mütter in prekären Lebenslagen sind – egal ob sie arbeiten oder nicht. Oder wir können das Beispiel von Leiharbeitern nehmen, deren Löhne stagnieren, aber die immer höhere Mieten zahlen müssen. Sie haben Probleme als Arbeiter, aber auch als Mieter.

Ihr habt die neunköpfige Familie Jahnke unterstützt, deren Wohnung Mitte Februar zwangsgeräumt wurde. Wie habt ihr hier praktische Solidarität organisiert?
Im Rahmen unserer Rede bei der „Leben ohne Hass“-Demonstration hatten wir den Fall Jahnke als ein Beispiel für alltägliche Ungerechtigkeiten erwähnt. Wie der Zufall so will, waren die Eltern selber auf der Demo und haben uns einen Tag später um Unterstützung gebeten. Die Zeit war recht knapp. Wir haben uns zuerst mit der Familie getroffen und die Lage schildern lassen. Einen Teil der Dokumente aus der juristischen Auseinandersetzung konnten wir uns selbst ansehen, und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass in der Öffentlichkeit ein falsches und einseitiges Bild darüber herrscht. Nach intensiver Diskussion haben wir beschlossen, dass wir es wagen sollten, der Familie zu helfen.

Ihr konntet die Zwangsräumung nicht verhindern. Wie waren denn die Reaktionen auf eure Aktion?
Die Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft hat uns schon überrascht, besonders von denen, die Arbeit haben, gegenüber denen, die arbeitslos sind. Wir haben den Eindruck, dass die Leute vergessen, dass heute jeder sehr schnell von Arbeitslosigkeit betroffen sein kann. Wir finden es jedenfalls richtig, solche Auseinandersetzungen zu führen. Die Jahnkes haben Courage gezeigt und sich nicht alles gefallen lassen. Mit unserer Arbeit wollen wir erreichen, dass Menschen wie sie von Zivilgesellschaft und Politik wahrgenommen werden.

In der Frage über den Umgang mit den Geflüchteten ist Cottbus zurzeit gespalten. Ihr wollt Solidarität schaffen zwischen Geflüchteten und Einheimischen. Wie wollt ihr das erreichen?
Wir denken, dass eine Minderheit von gewalttätigen Faschisten und eine Minderheit von durchaus kriminellen Flüchtlingen die Diskussion derzeit beherrscht. Dabei wird vergessen, dass die große Mehrheit von allen Menschen – unabhängig ihrer Nationalität – sich ein friedliches Zusammenleben wünscht. Man muss sich fragen, wie realistisch die Antwort von rechts ist. Wir glauben nicht, dass sich Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind, einfach wieder das Land verlassen werden. Für uns ist klar, auch eine Abschottung wird den Zustrom an Flüchtlingen nicht unterbinden. Sie noch weiter zu schikanieren oder zu terrorisieren wird unweigerlich eine Gegenreaktion hervorrufen. Eine Spirale der Gewalt wäre die Folge. Solidarität zwischen Geflüchteten und Einheimischen muss auf dem gemeinsamen Ziel basieren, diese Gewalt von beiden Seiten zu verhindern. Es ist an uns allen, egal woher wir stammen, zu entscheiden, ob wir in einem gespaltenen Cottbus leben wollen oder in einer Gesellschaft, die heute bestehende Gräben überwindet, indem sie auf gegenseitige Hilfe und Solidarität setzt.

Wie kann euch jemand erreichen, wenn sie oder er Hilfe und Unterstützung braucht?

Wenn jemand Ärger mit dem Jobcenter, mit Behörden, mit dem Vermieter oder anderen Stress hat, kann er oder sie sich über Facebook an uns wenden oder eine E-Mail an cottbus@soli-net.de senden. Ansonsten haben wir auch ein Notfalltelefon: 0152/17568831.

Vielen Dank für das Gespräch und Euch viel Erfolg.

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