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Sommertheater 2018 in Brandenburg

ein Rückblick

von Angelika Koch, Kultur

Sommertheater heißt für die meisten Theatermacher, etwas Lockeres, Luftiges, Komödienhaftes, nur nicht den Geist des geneigten Zuschauers zu sehr Anstrengendes zu inszenieren, sonst kommt er womöglich nicht? Sommertheater bedeutet auch in den meisten Fällen Freilufttheater und setzt voraus, dass der Wettergott mitspielen möge, denn sonst kommt der Zuschauer vielleicht auch nicht…
Und so wurde in Cottbus, Schwedt und Senftenberg-Großkoschen vielerlei Heiteres geboten.


1. „Theaterernte“ bei den Piccolo-Spielgruppen

Eine Ausnahme war in mehrerer Hinsicht die Präsentation der verschiedenen Spielgruppen des Piccolo-Theaters Cottbus, denn die Aufführungen fanden auf der Bühne im Piccolo-Theater statt, und es ging in erster Linie nicht darum, das Publikum auf Teufel komm raus zu amüsieren.
Am Sonntag, den 17.6.2018 zeigten die verschiedenen Spielgruppen, die mit ihren Leitern, den Schauspielern und Theaterpädagogen des Piccolo, vom Beginn des Schuljahres bis zu diesem Zeitpunkt an ihren Theater-, Puppentheater und Tanzprojekten gearbeitet hatten, stolz die Ergebnisse, und die konnten sich sehen lassen. Es war eine Freude, den Spielspaß der Teens und Kids zu erleben und auch zu staunen, mit welcher Ernsthaftigkeit sie sich mit Problemen ihres Alltags und vor allem mit dem Thema Liebe auseinandersetzten. Man darf schon auf das nächste Jahr gespannt sein.

2. Staatstheater Cottbus „König Kasper kann immer“ im Hof der ehemaligen Alvensleben- Kaserne, gesehen am 28.6.2018

In der Vorankündigung sorgte sich der Autor, Regisseur, Bühnenbildner und Ausstatter in einer Person, Albrecht Hirche, mehr um das Wetter, als darum, ob sein Publikum etwas zu lachen hat. Sein Bühnenbild hatte er aus den Umrissen eines Eierbechers und eines Whiskyglases hochgerechnet (s. Interview in der LR vom 11.6.2018), seinen Jahrmarktbudenzauber „bewusst in Cottbus angesiedelt“?
Nun, in dieser Uraufführung gab es einen verzweifelten Zirkusdirektor Hermann von Eiscreme, vier durchgeknallte, ausgebüxte Kasper, eine verliebte Trapezkünstlerin, die dann doch ob des nicht funktionierenden Trapezes Einrad fuhr. Herr Hirche ließ Napoleon Bonaparte auftreten sowie einen Clown Eddy, den er höchstselbst verkörperte. Außerdem sorgte eine Vier-Mann-Band für meist nicht sonderlich eingängige Musik und eine Vielzahl von engagierten Laien in verschiedenen Verkleidungen mühten sich redlich, vor allem in den Beiprogrammen für Stimmung zu sorgen. Auch die im zweiten Teil auftretende singende stärkste Frau der Welt sowie Mister Grog und Madame Coqauvin brachten bei allen Bemühungen der besetzten Schauspieler nicht allzu viel Zugewinn.
Alle Mimen mussten weite Wege auf dem Kasernenhof zurücklegen, powerten sich mehr als aus, das Publikum war willig, aber der Funke sprang den ganzen Abend nicht über. Im Gegenteil, allmählich legte sich große Müdigkeit über die drei Zuschauertraversen. Von einem Vor- und Pausenprogramm war auch nicht allzu viel zu sehen und zu hören, ganz zu schweigen von ausgelassener Zirkus- oder Jahrmarktstimmung. Und so hatten sich die Zuschauertraversen nach der Pause beträchtlich geleert. Eine Geschichte, ein roter Faden, eine Erzählabsicht wurde den ganzen Abend nicht deutlich, vielleicht lag es manchmal auch an der nicht immer gegebenen Textverständlichkeit, eher wohl aber daran, dass der Autor „etwas in den Laptop getippt hat, was auch noch gespielt wurde“ (s. LR- Interview). Dass das Publikum mitmachen, -singen und –tanzen kann, ist auch eher eine Mogelpackung, denn das „singende Publikum“ setzt sich aus Damen und Herren des Extrachores zusammen, und das Mitmachen beschränkte sich auf ein Tauziehen mit den vier Kaspern. Ob das alles ausreicht, die Zuschauer intelligent zu unterhalten, kann jeder selber überprüfen. Weitere Vorstellungen finden an vier Tagen im September statt.

3. Uckermärkische Bühnen Schwedt “Die Schatzinsel“ auf der Odertalbühne, gesehen am 29.6.2018

Hier war in der Regie des zukünftigen Intendanten André Nicke ein alle Zuschaueraltersgruppen fröhlich machendes Familienmusical nach dem Klassiker von Robert Luis Stevenson zu erleben. Der Musiker Jan Kirsten aus der Hausband Takayo & Freunde schrieb den schmissigen, witzigen Text. Die eingängige, poppige Musik wurde ebenfalls von Mitgliedern der Band selbst komponiert und lud zum Mitwippen und –singen ein und das Ensemble, z.T. polnischer Herkunft kann singen, tanzen und spielen, dass es eine Freude ist zuzuschauen. Gerade hier macht sich die jahrelange Zusammenarbeit des Theaters Schwedt mit der Musikakademie Gdańsk bezahlt, denn die ausgewählten Studierenden aus dem Nachbarland bereichern neben den nicht weniger Musical erfahrenen festen Mitgliedern des Ensembles die professionelle Musicalaufführung.
Und so nimmt die Geschichte um den Jungen Jim, der in der Schwedter Inszenierung zu Joanna wird, ihrem väterlichen Freund, dem Arzt Doktor Livesey, dem Gutsherrn und Friedensrichter John Trelawney und der Karte der Schatzinsel, mit der die drei den Piratenschatz bergen wollen, ihren Lauf. Vor der malerischen Kulisse des alten Oderkanals, der ab und zu einen Lastendampfer im Hintergrund vorbeifahren lässt, erleben die gutgelaunten erwachsenen Zuschauer und die gebannt das Geschehen verfolgenden Kinder im Publikum einen fast dreistündigen Abend, der alle auf ihre Kosten kommen lässt. Ende August und am 1.9.2018 finden weitere Vorstellungen statt.

4. Neue Bühne Senftenberg „MS Madagaskar II - Auf zu neuen Ufern“ auf der Bühne des Amphitheaters Großkoschen, gesehen am 5.7.2018

Kreuzfahrtreisen haben Hochkonjunktur, Traumschiff-Serien im Fernsehen ebenfalls, also liegt es nahe, darauf zu hoffen, dass das Sommertheaterpublikum auch darauf abfährt. Die neue Bühne Senftenberg setzte auf Bewährtes, kam mit einer Fortsetzung ihrer Schlagerette aus dem Vorjahr und ließ mit der Begleitung der Berliner Damenkapelle on the Rocks und unter der Regie von Winfried Schneider ihre Mimen singen, tanzen und schauspielern. Dass die Geschichte um die Besatzung des Kreuzfahrtschiffes und ihrer sieben Passagiere ziemlich albern daher kommt (Text Susanne Ockert), die Musik oft zu laut in den Ohren dröhnt und die Gesangs- und Tanzeinlagen nicht unbedingt immer professionell dargeboten werden, tat der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch. Man sang zum Abschluss selig gemeinsam noch eine Ostrockzugabe, bevor der Heimweg entlang des unter der Abendsonne schimmernden Senftenberger See angetreten wurde.

5. Piccolo Theater „Reinecke Fuchs“, gesehen am 13.7.2018

Der Chef des Piccolo Theaters, Reinhard Drogla, nahm sich eine Versdichtung unseres Altmeisters Goethe zur Vorlage, um daraus das Sommertheaterstück für die Saison 2018 zu basteln. Die kleine Open-Air-Bühne liegt lauschig zwischen einem Parkhaus, dem Arbeitsamt und dem Piccolotheater und ihre Zuschauertraverse bieten rund 100 Zuschauern Platz. An diesem Abend waren die Plätze restlos ausverkauft, und das aufmerksame Publikum folgte der Geschichte um den schlauen Fuchs, der vor dem Thron des Königs der Tiere erscheinen soll, weil die anderen Tiere ihn zahlreicher Vergehen angeklagt haben. Letztlich kann Reinecke Fuchs wieder einmal seinen Kopf aus der Schlinge ziehen und triumphiert über seine Ankläger.
Die Piccolo-Mannschaft spielte z.T. sehr körperbetont, sang viel und meist gekonnt, aber immer auf Englisch oder Französisch. Warum selbst der NDW-Titel „Da,da,da“ angelsächsisch dargeboten wird, bleibt ein Geheimnis des Regisseurs, der den Goetheschen Text deftig ins Hier und Heute geholt hat.
Einige Musiktitel weniger, zumal sie meist nicht unmittelbar etwas mit der Handlung zu tun hatten, hätten den Spielfluss gut getan, aber letztlich ging das Publikum heiter gestimmt und beschwingt nach Hause.

Fazit

Sommertheater 2018 in Brandenburg hat meist gehalten, was sich das Publikum versprochen hatte. Die Reihenfolge der Besprechungen ist keine Rangfolge, im Gegenteil. Wenn man ein Ranking vornehmen wollte, hätten in diesem Jahr mit Abstand die Uckermärkischen Bühnen Schwedt gewonnen, aber natürlich ist das die subjektive Sicht der Rezensentin, und die ist sich bewusst, dass es natürlich noch mehr Sommertheater in unserem Bundesland zu erleben gab. Vielleicht im nächsten Jahr dann Sommertheater in Frankfurt/Oder, Potsdam oder Netzeband.


pictures/artikel/IMG_36925151.jpgDie Schatzinsel, Premiere, Foto: Udo Krause
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