Home Artikel Heft Suche Termine

Stoppt endlich diese Stasi-Filme!

Filmfestival Cottbus

von Bernd Müller, Film

Es sind jetzt 30 Jahre nach dem „Mauerfall“. 30 Jahre… Und auch nach dieser Zeit gibt es noch immer keine Ruhe. Die DDR war böse, die Stasi satanisch… Ja, wir haben das oft genug in den letzten 30 Jahren gehört, gelesen und gesehen. Es reicht doch nun mal langsam. Wenn nach 30 Jahren diese Geschichten immer wieder aufgetischt werden müssen, dann scheinen sie nicht besonders viel Überzeugungskraft in sich zu haben.
In diesem Jahr zeigte das Filmfestival Cottbus den Dokumentarfilm „Die Stasi im Kinderzimmer“. Der Titel klingt schon furchterregend: War das Ministerium für Staatssicherheit wirklich in den Kinderzimmern und hat Teddybären und Puppen verwanzt? Wurden schon kleine Kinder ausspioniert? Wurden kleine Kinder angeheuert, um ihre Eltern und Geschwister auszuhorchen?
Nein, ganz so, wie der Titel suggeriert, will es der Film dann doch vermitteln. Es geht um Jugendliche, die irgendwann einmal von Mitarbeitern des Ministeriums angesprochen wurden.
Zum Beispiel der Rostocker Christian Ahnsehl. Als er 1985 angesprochen wurde, war er 15 Jahre alt und hatte einen Spruch an eine Wand gesprüht. „Steht auf. Wacht auf. Befreit Euch. Ich will leben.“ Weil seine Mutter in der Kirche aktiv war und Kontakte zu Oppositionellen hatte, sei er schon lange im Visier der Stasi gewesen. Seine Mutter soll er aber nicht ausforschen. stattdessen wird er, nachdem er sich zu Kooperation mit der Stasi entschlossen hatte, aufgefordert, über Personen aus einer Kirchgemeinde zu berichten.
Hätte er NEIN sagen können? Das hätte er. Sascha Kriese hat es ja auch getan. Er war damals 16 Jahre alt, als er wegen eines ähnlichen Delikts angeworben werden sollte. Sascha Kriese hatte aber Rückgrat. Erst hat er NEIN gesagt, dann hat er sich seinen Eltern anvertraut. Diese haben sich dann mit einer Eingabe an den Staatsrat der DDR gewandt, was damals für großen Wirbel sorgte. Das Ministerium für Staatssicherheit hat ihn dann in Ruhe gelassen, negative Folgen hat die Ablehnung nicht mit sich gebracht.
Der Film, der schon vor dem Filmfestival im Fernsehen gezeigt wurde, will skandalisieren. Aber der angebliche Skandal wird nicht deutlich gemacht. Selbst wenn die Stasi damals Puppen und Teddys verwanzt hätte, wer könnte sich heute noch ernsthaft darüber echauffieren? Holen wir nicht Alexa in unsere Wohnungen, nutzen wir nicht Google, legen wir nicht Puppen mit eingebauten Mikrofonen neben unsere schlafenden Kinder?
Sagen wir es ganz einfach: Filme wie "Die Stasi im Kinderzimmer" sind Propagandafilme, sie sollen nicht aufklären, sondern eine bestimmte politische Agenda vertreten. Das mag beim ersten Lesen ungewohnt klingen, vielleicht sogar anstößig, aber beim weiteren Lesen wird es verständlich.
Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker und hat an dem Film mitgearbeitet. Allein die Tatsache, dass er so ausführlich in dem Film zu Wort kommt, verleiht dem ganzen Machwerk Schlagseite. In der letzten Ausgabe von "Blicklicht" wurde dessen Buch "Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde". Darin schreibt er, er sei seit 1990 bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte dabei, war eine Zeitlang Mitarbeiter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Er schreibt: "Aufarbeitung von Geschichte ist – anders als im Idealfall die geschichtswissenschaftliche Analyse der Vergangenheit – ein politischer Vorgang". (S. 207) Sie wolle geschichtspolitische Interessen vertreten. Es gehe nicht um Differenzierung, sondern um Anklage, Entblößung, etwas zu legitimieren und im Umkehrschluss auch darum, etwas zu delegitimieren. Mit anderen Worten: Geschichtsaufarbeitung ist Propaganda.
Kowalczuk ist aber im Vergleich mit anderen seines Berufsstandes ehrlich. Er gibt offen zu und zeigt es am Beispiel der sogenannten Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, wie das Spiel mit Emotionen und Überrumpelung den Menschen die vorgegebene Sichtweise aufgedrückt wird. Seriöse Geschichtswissenschaft ist das nicht. So schreibt Kowalczuk, wenn die Geschichtswissenschaft "etwa Alltag und Gesellschaft in ihren vielschichtigen Erscheinungen differenziert analysieren will", so würden ihr die Geschichtsaufarbeiter Verharmlosung und Schönfärberei vorwerfen. Interessanterweise sitzen in den allermeisten Fällen Westdeutsche an den Schalthebeln der Geschichtspropaganda.
Es sind nun 30 Jahre. Die Mauer ist längst weg, aber der bundesdeutsche Staat gibt immer noch Unsummen dafür aus, die DDR und ihre Staatsorgane in schwärzesten Farben zu malen. Selbst Grautöne sind hier schon zu viel Differenzierung. Wieso eigentlich? Ist es nicht langsam Zeit, die Erforschung der DDR den Profis zu überlassen und wissenschaftliche Standards anzulegen?
Dass man mit Werken wie "Die Stasi im Kinderzimmer" kaum noch Leute hinterm Ofen vor locken kann, hat die Vorstellung während des Filmfestivals im Gladhouse gezeigt. Zum Glück für die Initiatoren wurden viele polnische Schüler in die Vorstellung geschickt. Der Saal wäre sonst so gut wie leer gewesen.
Wieso, liebes Team des Cottbuser Filmfestivals, streicht ihr solche Filme nicht einfach aus dem Programm? Niemand braucht sie und niemand wird sie vermissen. Den Schülern könnte man auch ein Buch von einem Historiker über das Thema zum Lesen geben. Vielleicht gibt es dann nicht nur Schwarz und Grau, vielleicht wird dann die Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit dargestellt, die sie normalerweise aufweist.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus