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TheaterBlick: The Black Rider- The Casting Of The Magic Bulletts

Ein teuflischer Ritt durch den deutschen Wald

von Angelika Koch, Kultur

Premiere von „The Black Rider- The Casting Of The Magic Bulletts“ im Staatstheater Cottbus am 14.9.2019

Nach dem Besuch einer ziemlich chaotischen offenen Probe eine Woche vor der Premiere, bei der Regisseur Malte Kreutzfeld dem neugierigen Zuschauer offensichtlich zeigen wollte, was der Chef solch einer Produktion alles machen und verändern und ausprobieren kann, war man dann am Premierenabend doch sehr froh, dass aus dem Durcheinander tatsächlich noch eine geschlossene Inszenierung mit tollen Schauspielerleistungen, einer perfekt funktionierenden Crew hinter der Bühne und der souveränen Band im Orchestergraben (Leitung: Hans Petith) wurde. Ein bisschen Show vorher gehört eben auch dazu.
Die Lausitzer Theaterfreunde und –freundinnen können sich vielleicht an die wunderbare „Black Rider“- Inszenierung der Neuen Bühne Senftenberg im Jahr 2000 erinnern. 10 Jahre nach der Uraufführung dieses Schauspielmusicals der drei Amerikaner William S. Burroughs (Texte), Robert Wilson (Texte und Regie) und Tom Waits (Musik) im Hamburger Thalia Theater schlug uns diese Aufführung in der Regie von Frank Lienert-Mondanelli total in den Bann. Vor allem die Musik der Rocklegende Tom Waits ließ uns nicht mehr los. Seine eigenen Interpretationen der Songs sind nach wie vor unübertroffen.
Die drei Künstler nahmen die deutsche Gespenstergeschichte vom schwarzen Jäger, die schon der Librettist von Carl Maria von Weber für dessen Oper „Der Freischütz“ verwandte, als Grundlage für ihr Musical. Der Erbförster Bertram hat für seine Tochter Käthchen einen Mann, der natürlich ein guter Schütze sein muss, ausgesucht. Jägerbursche Robert ist genau der Typ Mann, treffsicher, grob, ganz Macho, so wie der Vater selbst. Käthchen ist allerding in Wilhelm verliebt und der in sie, aber er ist leider ein erbärmliche Schütze, denn sein Metier ist das Schreiben. Käthchen fleht Wilhelm an: „Lern` jagen!“ In seiner Verzweiflung geht Wilhelm einen Pakt mit Stelzfuß ein, der ihm treffsichere Kugeln verspricht. Die erste Lieferung ist kostenlos, aber bei der nächsten stellt der Teufel Bedingungen. Eine der Freikugeln wird er in ein von ihm ausgesuchtes Ziel lenken. Was in der Romantik bei Carl Maria von Weber letztlich glücklich ausgeht, endet in „The Black Rider“ tragisch mit dem Tod der Protagonistin. Bei Burroghs, Wilson und Waits werden zeitgemäß die Freikugeln, die ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten bei demjenigen wecken, der sie erhält, zu Drogen, von denen er nicht mehr lassen kann und die ihn und sein Umfeld unweigerlich zerstören.
Das Regieteam um Malte Kreutzfeld, der 2018 am Staatstheater Brechts „Arturo Ui“ inszeniert hatte, fährt für „The Black Rider“ so ziemlich alles auf, was das Theater an „magic“ bieten kann. Das praktikable Bühnenbild, das der Regisseur wieder selbst entwarf oder seiner Kieler „Black Rider“- Inszenierung entlehnte, braucht Dank einer perfekt funktionierenden Technik fast keine sichtbaren Umbauten und gibt dadurch der gesamten Inszenierung einen dichten Rhythmus, zumindest bis zur Pause. In einer überdimensionalen Kuckucksuhr über dem Bühnenportal sitzt während des 1. Teils des Abends Kuno (Thomas Harms) - Ansager, Kommentator des Geschehens, der Landesfürst, Autor Burroughs?
Was Thomas Harms da variantenreich stimmlich, auch sängerisch, produziert, ist sehr beachtlich. Er beherrscht das „Denglisch“, greift lakonisch in das Spiel seiner Schauspielkollegen ein, hat eben den Überblick. Die insgesamt sieben SchauspielerInnen spielen sich an diesem Abend die Seele aus dem Leib, singen, zum größten Teil sehr gut bis hervorragend, fliegen kopfüber oder im Kinderbettchen über die Bühne. Sogar ein lebender Uhu muss , gehalten, getragen und dabei immer wieder beruhigt werden, denn dem verängstigten Tier gefällt das Knallen der Büchsen, der viele Bühnennebel, das unfreiwillige Hin- und Hergetrage sichtlich nicht. Mehr als einen weiteren und unnötigen Effekt brachte diese fragwürdige „Benutzung“ eines wilden Tieres nicht.
Die Kostüme (Katharina Beth) und auch der riesige, abgestorbene Baum im Zentrum der Bühne belassen die Handlung irgendwie in der Nähe des romantischen „Freischütz“. Der Neuzugang im Schauspielensemble, Markus Paul, frisch von der Schauspielschule Rostock, gibt einen sehr überzeugenden Einstand mit der Gestaltung der Rolle des Wilhelm, und er singt beachtlich gut. Dass Musikmachen sein zweites Standbein ist, glaubt man ihm jeden Ton. Das Käthchen kommt aus Kiel. Maxine Kazis gastiert, spielt es zart, ängstlich, verwundbar, ganz der Macho-Männerwelt unterworfen. Dieses Käthchen hat nichts entgegenzusetzen, als auch ihr Wilhelm dank der magischen Kugeln zum rüden Kraftprotz wird.
Sigrun Fischer, schon im „Arturo Ui“ mit einer Männerrolle besetzt, spielt den teuflischen Jäger Stelzfuß bravourös. Hier muss sie auch nicht krampfhaft einen Mann imitieren, sondern setzt genau auf das Ambivalente, was die Rolle bietet und füllt es mimisch, gestisch und körperlich aus, singt und steppt gewohnt meisterlich.
Der zweite Teil der Inszenierung nach der Pause wirkt merkwürdig angehängt, auch wenn es noch einmal Bühnenzauber mit Feuer und Licht beim Freikugeln gießen und hektisches Schattenspiel zu bestaunen gibt. Das geneigte Publikum erkennt eventuell den bisherigen Verlauf dessen, was sich abgespielt hat und was durch das zugedröhnte Hirn Wilhelms jagt. Die Brüche zwischen schönen metaphorischen Bildern und purem naturalistischem Spiel beim Drogenkonsum und seinen Nachwirkungen sind vielleicht gewollt, aber wären aus meiner Sicht nicht nötig gewesen. Tom Waits Musik ist nach wie vor einmalig, aber sie reißt in dieser Inszenierung nicht wirklich mit. Es ist doch alles ein kleines bisschen zu wenig versoffen und schmuddelig, etwas zu brav. Lediglich Harms und Golkowski kommen den Waitschen Interpretationen nahe.
Das Premierenpublikum in Cottbus war trotzdem begeistert, feierte zu Recht die Akteure und immerhin: Die Inszenierung steht bis zum Jahresende noch fünfmal auf dem Plan. Im Übrigen ist das sehr informative Programmheft (Dramaturgie Wiebke Rüter) unbedingt zu empfehlen.

Szenenfoto mit: (im Vordergrund) Thomas Harms (Kuno) und (im Hintergrund) Maxine Kazis (Käthchen)
Foto: Marlies Kross

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