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Theater und Kultur in Zeiten von Corona Teil II

von Angelika Koch, Kultur

Vor einem Monat gab ich meiner Hoffnung Ausdruck, dass wir bald wieder Kunst und Kultur genießen können, weil sie zu unserem Leben einfach dazu gehören und es bereichern. Nun, Mitte Mai, gibt es in der Bundesrepublik Deutschland einen Flickenteppich unterschiedlichster allmählicher und nicht ganz so allmählicher Erleichterungen, die aber immer noch nicht den Kulturbetrieb erreicht haben. Jeder Ministerpräsident bzw. jede Ministerpräsidentin kocht trotz gemeinsamer Videokonferenzen mit der Bundeskanzlerin sein oder ihr eigenes Süppchen, aber der Kunst und Kultur schenkte man bis jetzt wenig bis keine Aufmerksamkeit. Dafür preschte der Fußball schon vor einiger Zeit vor und wurde prompt mit Unmengen von Corona-Tests und vielen Ideen und Vorschlägen für die Durchführung belohnt, denn es geht weniger um die Zuschauer, desto mehr um viel Geld. Da wird von Geisterspielen und Fernsehübertragungen geredet, Hauptsache, der Ball und damit die Gewinne rollen.

Ein Besuch im Dieselkraftwerk lohnt sich

Zum Glück durften die Museen im Land Brandenburg seit dem 1. Mai öffnen, und so kamen ins DKW sogar schon wieder Berliner Besucher, die es genossen, sich nicht im Internet anmelden zu müssen, um die momentan drei Ausstellungen in Cottbus‘ Kunstgalerie am Amtsteich zu genießen. Ich kann sie auch nur wärmstens empfehlen und möchte auf zwei Ausstellungen näher eingehen.
„1990- fotografische Positionen aus einem Jahr über ein Jahr“ zeigt vornehmlich Schwarz-Weiß-Fotografien verschiedener Künstler und ruft die Erinnerungen an diese Umbruchzeit wach. Unter anderem sind auch Filmsequenzen des Cottbuser Dokumentarfilmers Donald Saischowa aus dem Jahr 1990 in die Ausstellung integriert.

Plakatkunst war von Anbeginn der Gründung der Cottbuser Kunstsammlung 1977 ein Schwerpunkt, und so ist es nicht verwunderlich, dass ein weiterer Ausstellungsteil dieser Kunstgattung gewidmet ist. Immerhin birgt der Bestand des Museums über 30 000 Werke und nur ein geringer Teil dessen kann immer mal wieder für eine Präsentation ins rechte Licht gerückt werden. Unter dem Titel „Kollektive Signaturen. Komplizenschaft und kooperative Produktion im Plakat“ sind Plakate aus der BRD, Frankreich und der Schweiz, die nicht von einzelnen Künstlern, sondern von Künstlerkollektiven geschaffen wurden, zu sehen. Da gibt es viel Interessantes zu entdecken.

Schwierige Zeiten für die Theater

Viele Theater dagegen haben inzwischen mehr oder weniger die Spielzeit 2019/20 zumindest im Geiste schon beendet. Sicher könnte man die Abstands- und Hygieneregeln für die Zuschauer einhalten, aber auf der Bühne sind sie kaum vorstellbar. Außerdem haben seit März keine Proben mehr stattgefunden. Immerhin trifft sich nun, Anfang Mai, ein Staatssekretär der Ministerin für Kultur, Frau Grütters, mit den Intendanten der Theater, um sich deren Sorgen anzuhören. Man fragt sich bei manchen Ministerien schon, was dort in den letzten zwei Monaten eigentlich gemacht wurde, wenn jetzt erst über Ausstiegsszenarien diskutiert wird. Nichtsdestotrotz wird in den Theatern nach Notlösungen gesucht, auch wenn die Zuschauer inzwischen immer weniger Lust verspüren, die kleinen, netten Videofilmchen aus den Homeoffice-Probebühnen der KünstlerInnen anzuschauen.

Die Neue Bühnen Senftenberg

hat allerdings zwei sehr interessante digitale Projekte gestartet, die es sich lohnt im Netz zu erleben.
Es handelt sich dabei um zwei Uraufführungen, die speziell als theatrale Reaktion auf die momentane gesellschaftliche Situation entstanden sind und mit dem Senftenberger Theaterensemble inszeniert wurden. Am 5. Mai konnte das Publikum die Uraufführung des 1. Teils von „Radio Einsamkeit“ des Schweizer Stückeschreibers Nikola Bremers als Theaterfilm erleben. Der zweite Teil folgte am 12.Mai, ein dritter Teil wiederum eine Woche später. Beide Teile sowie die zweite Uraufführung am 16. und 19. Mai, Tilo Esches „Das Ende der Trockenzeit“, können dauerhaft auf dem YouTube-Kanal der Neuen Bühnen angeschaut werden.

Die Inszenierung von „Radio Einsamkeit“ ist in Zusammenarbeit mit der Akademie für darstellende Künste Baden Württemberg, wo der Regisseur Maximilian Pellert im seinem Abschlussjahr Regie studiert, entstanden. Pellert hat an der Akademie eine multimediale Ausbildung zwischen Theater und Film erfahren und ist somit prädestiniert für diese digitale Theaterarbeit.

Theaterfilm „Radio Einsamkeit“

Das Stück ist zwar als unmittelbare Reaktion auf die Corona-Pandemie entstanden, greift aber weiter. Erzählt wird eine Ausnahmesituation in einer fiktiven Stadt Adelma, die seit Tagen von einem furchtbaren Schneesturm heimgesucht wird. Die Bevölkerung ist von den Behörden aufgerufen, ihre Wohnungen möglichst nicht zu verlassen. Einzige Verbindung für die in ihrer Einsamkeit Verharrenden ist der lokale Radiosender„Radio123 – Der Fels in der Brandung“, der von drei jungen Leuten betrieben wird. Im Zentrum steht die Moderatorin Maria Abendroth (Lena Conrad). In Adelma ist sonst schon nicht viel los, nun aber ist alles lahmgelegt. Marias Chefin Ida (Anja Kunzmann) kann sich keine „Sendelöcher“ leisten, und so philosophiert Maria über den Sinn und Unsinn von Schneeflocken, sie redet mit Wetter-Experte Ben über das Wetter, sie schimpft gegen die engstirnige Kleinstadt, sie schmeißt mit Zitaten geistiger Größen um sich. Ihr größter Bewunderer ist Tontechniker Peter (Leon Haller), der von den Dreien auch am meisten unter der sozialen Distanz, die der Ausnahmezustand mit sich bringt, leidet. Highlight der heutigen Sendung soll ein Auftritt von Ralf (Tom Bartels), dem örtlichen Double von Eros Ramazotti, werden. Die Verbindung zwischen allen passiert über Laptops, denn jede/r ist bei sich zu Hause „eingeschlossen“. Wettermann Ben ist nur per Stimme aus seinem „Sonnenheli“ zugeschaltet, und die Zuschauenden blicken, wenn er zu hören ist, auf den schwarzen Bildschirm. Er entdeckt von oben auch die langsam anrollende Katastrophe: Menschen, die sich vor einer Schule zusammenrotten, gewaltsam eindringen, sich gegenseitig anfallen. Militär marschiert auf, Leichen werden, nur in Leinentücher eingehüllt, weggebracht. Es gibt keine Särge mehr, weil es einfach zu viele Tote sind.

In kleineren Rollen sind weitere SchauspielerInnen der Neuen Bühne zu erleben, die ZuhörerInnen von Aldelma, den örtlichen Polizeichef und anderen Personen spielen. Der Theaterfilm ist in Schwarz-Weiß gedreht, es gibt harte Schnitte zwischen den einzelnen Zimmern, Nahaufnahmen auf die Gesichter der AkteurInnen oder die Finger des Tontechnikers an den Reglern und immer wieder Bilder von tiefverschneiten Landschaften sowie einen dunklen, die immer näher rückende Katastrophe untermalenden, Sound. Die drei jungen SchauspielerInnen, die die Hauptfiguren spielen, gestalten interessante Typen. Lena Conrads Maria mit markanter Wollmütze wirkt ehrgeizig, cool und bemüht, besonders korrekt zu sprechen, und es klingt nach kurzer Zeit nervig, wenn sie das Sternchen bei Hörer*innen immer genauestens mit einer kleinen Sprechpause artikuliert. Anja Kunzmann gestaltet die Radioproduzentin Ida nervös bis überängstlich. Sie muss die Fäden des Senders zusammenhalten, Maria immer wieder zügeln, wenn die ihre intellektuellen Geistesblitze zu sehr überborden lässt oder losgehen will, um selber draußen zu schauen, was Sache ist. Leon Hallers Tontechniker Peter mit ungekämmtem Struwwelkopf und vor dem ungemachten Bett in seinem Zimmer wird im Laufe des zweiten Teils langsam wahnsinnig, weil er glaubt, dass die von ihm angehimmelte Maria vermisst ist. Oder ist das bei ihm auch schon eine Auswirkung dessen, was da an Unheimlichen auf die Stadt zukommt?

Als Zuschauende, die ebenfalls an ihrem Laptop sitzt, fühlte ich mich während des Schauens immer mehr in den Bann des Geschehens gezogen. Deshalb ist es ein bisschen schade, dass die einzelnen Teile immer nur 20 Minuten dauern, aber vielleicht ist das der komplizierten Produktion, bei der die Beteiligten in zwei Ländern, vier Bundesländern und sieben Städten sitzen, geschuldet. Die Proben finden in Videokonferenzen statt, bei dem das gesamte Team im Homeoffice arbeitet. Bei Erscheinen dieser Ausgabe können Sie dann schon alle Teile hintereinander anschauen.

Der Autor des Stückes erhielt 2018 von der Zeitschrift „Theater Heute“ für sein Stück „Selfies einer Utopie“ eine Nominierung als bester Nachwuchskünstler. Die Neue Bühne Senftenberg wird dieses Bühnenwerk in der nächsten Spielzeit inszenieren, und man kann jetzt schon auf das Ergebnis gespannt sein.
Nach wie vor müssen wir zu diesem Zeitpunkt auf ein Später vertrösten und hoffen, dass die Politik so schnell wie möglich Lösungen für die Existenzerhaltung der in Kunst und Kultur Arbeitenden findet, damit wir nach dieser alles erschütternden Krise nicht in eine stark ausgedünnte Kulturlandschaft schauen und dann schmerzlich merken, wie leer unser Leben ohne Kunst ist.

Foto: Videostills „Radio Einsamkeit“ © Neue Bühne Senftenberg
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