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TheaterBlick: Es ist ein zu weites Feld

Uraufführung der Oper „Effi Briest“ von Siegfried Matthus im Staatstheater Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

„Der Apotheker im Wandel der Zeiten“, „Fontane en passant“, „fontane.kulinarik“, „99 Worte Fontane- Ein Blätterwald“, „Fontane.Rad“, „Fontaneana“… Was man sich alles so im Fontane-Jahr 2019 in Brandenburg einfallen ließ, um ein möglichst breites Interessentenfeld zu erreichen. Der 200. Geburtstag des brandenburgischen Schriftstellers, Journalisten, Dichters und Apothekers war Anlass genug, ihn uns wieder einmal stärker ins Gedächtnis zu rufen.
Das Cottbuser Staatstheater hatte noch unter der Leitung des vorigen Intendanten, Martin Schüler, zum Fontanejahr 2019 eine Oper nach dem wahrscheinlich bekanntesten Roman Fontanes, „Effi Briest“, beim Altmeister Siegfried Matthus, ebenfalls ein Brandenburger Künstler, in Auftrag gegeben. Im DDR- Literaturunterricht wurde der Roman über die 17 jährige Tochter brandenburgischer Adliger, die mit dem doppelt so alten von Instetten standesgemäß verheiratet wird, gelangweilt und unglücklich im pommerschen Kessin eine kurze Liaison mit dem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Major a.D. Crampas eingeht und dann verstoßen von Mann und Eltern an gebrochenem Herzen stirbt, behandelt. Es gab sowohl in Ost als auch in West Verfilmungen mit den großen Schauspielerinnen Angelica Domröse und Hanna Schygulla, und im Musikunterricht in der damaligen DDR wurden Ausschnitte Matthusscher Musik behandelt. Nun also eine musikalische Bearbeitung des Romanklassikers.
Das Libretto der Oper schrieb der Sohn des Komponisten, Frank Matthus, und wie das meist so ist bei der Umsetzung von Romanen auf die Theaterbühne ist, muss gestrafft und vergröbert werden, weil in zweieinhalb Stunden in mehr als 30 Einzelszenen erzählt werden soll, was sich dem Leser erst in zahlreichen Lesestunden erschließt. Die Oper fokussiert in Text und Musik die Titelfigur, die auf Wunsch des Komponisten zur Uraufführung mit Ljudmilla Lokaischuk besetzt wurde, die von 2016 bis 2018 zum Opernensemble des Staatstheaters gehörte. Alle anderen Figuren sind mehr oder weniger Randfiguren und bleiben dabei eher blasse Charaktere.
Die Musik lässt von Anfang an keinen Zweifel am tragischen Schicksal der Protagonistin. Elegisch- zarte Passagen überwiegen, unterbrochen von düsteren Klangballungen und dissonanten Reibungen, die die tragischen Momente der Handlung untermalen, vorwegnehmen oder kommentieren. Die Musik fließt ohne Unterbrechungen durch die zweieinhalb Stunden, lediglich beim Duell von Ehemann und Liebhaber der Hauptfigur schweigt das Orchester (Leitung Alexander Merzyn), um dann umso mehr nach dem tödlichen Schuss mit ganzer Wucht aufzuschreien.
Für die Hauptfigur hat der Komponist mehrere Arien geschrieben, in der die Lukaitschuk mit ihrem wunderschönen leichten Koloratursopran brilliert. Sie singt nicht nur die Effi, sie ist sie an diesen Abend.
Der Regisseur J. Peters-Messner hat sich ein praktikables Bühnenbild (Guido Petzold) auf die Drehbühne bauen lassen, das aus einer halbrunden weißen Mauer mit in „Stein“ gemeißelten Textpassagen des Romans besteht. Deren schwarze Rückwand öffnet sich dann zum Beispiel für ein Gebet der Effi, das irgendwie an Goethes Gretchen bei deren Gebet im Dom erinnert. Überhaupt hatte der Librettist wohl mehrfach den „Faust“ vor Augen, z.B. wenn er Crampas sich Effi erstmals nähern lässt, wie dazumal Faust sich dem Gretchen.
Das Bühnenbild wird ab und an ergänzt durch Tisch und Stühle am rechten Rand, mal das elterliche Haus andeutend, mal Zimmer im ehelichen Haus in Kessin. Graue Schleier aus dem Schnürboden deuten Effis Angstanwandlungen an, sparsame Videoeinspielungen erinnern mit der berühmten Schaukel an die Kindheit oder untermalen die Albträume, die durch die Spukgeschichten, die der Ehemann der kindlichen und sehr empfindsamen Effi erzählt, angefacht werden.
Der Opernchor (Leitung Christian Möbius) wird vom Regisseur mit vielfachen Aufgaben betraut. Mit netten Einfälle, wie die Andeutung der Hochzeitsreise des ungleichen Paares nach Italien, indem die Herren des Opernchores als Gondoliere in verschiedenen Positionen auf der Bühne stehen und zusammen mit den unsichtbaren Opernchordamen das „Santa Lucia“ singen, gelingt Peters-Messner eine dichte Abfolge der Szenen. Die kleinen Rollen, die die bürgerlich- landadelige Gesellschaft im pommerschen Kessin vertreten, werden größtenteils mit Mitgliedern des Chores besetzt, die diese Aufgaben sowohl sängerisch als auch schauspielerisch überzeugend lösen. Angenehm aufgefallen ist auch die Darstellung der Kinderfrau Roswitha durch Carola Fischer.
Musikalisch gab es außer den Arien der Effi wenig Herausragendes, was im Ohr blieb. Lediglich ein Quartett, das Effi, Crampas (Martin Shalita), Instetten (Andreas Jäpel) und Roswitha singen, ließ aufhorchen, weil es harmonisch und leicht, sogar ein bisschen witzig war. Das große Liebesduett zwischen Effi und Crampas bietet beiden Sängern die Möglichkeit, ihr Können zu zeigen. Aber Martin Shalita gestaltet einen Crampas, der spielerisch wenig überzeugt. Viele Möglichkeiten geben ihm Libretto und Regie allerdings auch nicht. In dieser Inszenierung mit einem fröhlichen, jungen Apotheker Gießhübler (Christian Henneberg) hätte man sich eher eine Liaison zwischen ihm und Effi vorstellen können. Auch Andreas Jäpels Instetten muss sich reduzieren auf das steif Väterliche und hat nur nach Entdecken der Untreue seiner jungen Gattin einen großen gesanglichen Ausbruch. Er beeindruckt trotz aller Reduzierung durch die Gestaltung der Rolle.
Die geliebten Kindertage in Hohenkremmen, in denen Effi mit ihren Freundinnen (als 17jährige!) spielte, klingen kurz vor dem Tod der Protagonistin nochmals an, wenn Hulda (Zela Corina Calita), Johanna (Katharina Kopetzki) und Berta (Debra Stanley) ihr melancholisches Terzett singen.
Man mag zur Geschichte um die etwas überspannte Tochter aus adeligem Hause, die ihre Lebenszeit nicht so recht auszufüllen weiß und sich offensichtlich auch als Mutter wenig um ihr Kind kümmert, stehen, wie man will, das Cottbuser Publikum war nicht nur in der Premiere, sondern auch in den beiden folgenden Vorstellungen überaus begeistert und spendete dem Ensemble zurecht viel Beifall.

Szenenfoto mit Andreas Jäpel (Innstetten) und Liudmila Lokaichuk (Effi) sowie Herren des Opernchores
Foto: Marlies Kross

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