Home Artikel Heft Suche Termine

TheaterBlick: FROM UKRAINE WITH LOVE

Ein spannender Theaterabend an der Neuen Bühne Senftenberg und ganz ohne Schauspieler

von Angelika Koch, Kultur

Am 22.2.2020 hatte in der Studiobühne 3 der Neuen Bühne ein interessantes Projekt Uraufführung. Das Kölner Künstlerteam Futur3, das 2003 von André Erlen, Stefan H. Kraft und Klaus Maria Zehe gegründet wurde, sucht ständig nach neuen Formen des Theaters, stellt es in seiner herkömmlich Art in Frage und gestaltet seine Projekte als theatrale Happenings und Performances mit den Zuschauern. Themen ihrer Arbeiten sind unter anderem: Krieg, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Gentrifizierung oder z.B. auch die Frage: „Wie wollen wir leben?“

Für die Senftenberger Inszenierung haben die Kölner Künstler die entsprechenden Mittel von einer Kulturstiftung des Bundes, die das internationale Projekt Borderlands fördert, genommen und ein Partnertheater in der ukrainischen Stadt Lemberg/Lviv gefunden, um eine theatrale Begegnung zwischen Bürgern beider Städte zu organisieren. Die beiden Orte haben Gemeinsamkeiten, u.a. ehemals Bergbau, starke politische Umbruchszeiten, Grenzlandsituation. Stefan Kraft hat in Senftenberg mit Bürgerinnen und Bürgern gesprochen und deren persönliche Geschichten und Erinnerungsgegenstände gesammelt, die etwas über die eigene Identität im Hier und Jetzt oder auch in der jüngeren Vergangenheit erzählen. Das gleiche hatte André Erlen in Lemberg getan.

Am Samstagabend fanden sich in der Probebühne 3 ungefähr 40 Zuschauende ein, um gemeinsam eine große Kiste mit vielen kleineren Paketen aus Lemberg auszupacken. Im fast quadratischen schwarzen Raum standen die Stühle an den Wänden aufgereiht. Ein in die Mitte gelegter Teppich und mehrere Stehlampen verbreiteten fast Wohnzimmeratmosphäre. Auf dem Teppich fanden sechs große schwarze Würfel und drei Mikrophone Platz. Die große Holzkiste und ein CD-Player komplettierten die Ausstattung (Bühnenbild Petra-Maria Wirth). Einen Spielleiter oder ähnliches gab es nicht. Die ersten Anweisungen kamen über Ton mit der freundlichen Aufforderung, wenn man neugierig sei, nun die Kiste zu öffnen. Zum Glück gab es zwei Jungen im Publikum, die im Gegensatz zu den Erwachsenen im Raum keine Hemmungen hatten und sich beherzt ans Werk machten. Drei Pappköpfe wurden stellvertretend für die Lemberger Absender zwischen den Würfeln aufgestellt, und das Publikum war durch einen Brief aufgefordert, an die Mikrophone zu treten und ihre Assoziationen zum Begriff „Ukraine“ mitzuteilen. Dabei stellte sich auch heraus, dass unter den Zuschauenden gebürtige Ukrainerinnen waren. Gut 20 interessante Fakten kamen zusammen. In einem zweiten Brief stellten drei Lemberger Jungen ihre Stadt vor und tauschten ihre Vorstellungen über das Leben in Deutschland aus. Stellvertretend für die Abwesenden lasen drei Zuschauende die Texte an den Mikrophonen.

Nach und nach wurden im Laufe der 90 Minuten 11 Päckchen mit den dazugehörenden Briefen ausgepackt. Mal war das Senftenberger Publikum von einer Lemberger Kulturwissenschaftlerin aufgefordert, sich 10 Minuten Zeit zu nehmen, über ihre Übergangszeit (in der Ukraine spricht man nicht von einer Wende) zu reden. Die Zuschauenden nutzten die Zeit reichlich zum Austausch an den Mikrophonen aus. Mal wurde die Lemberger Oper vorgestellt und Musik mittels einer mitgeschickten CD erklang. Gleichzeitig erfuhren die Senftenberger, dass der jüngste Sohn Wolfgang Amadeus Mozarts, Franz Xaver Wolfgang Mozart, lange Zeit in Lemberg als Musiklehrer und Komponist gearbeitet hatte. Dann wieder wurden die Senftenberger in einem Ja-Nein-Spiel aufgefordert, sich zu verschiedenen politischen Fragen des Russland- Ukraine-Konflikts klar im Raum zu positionieren, was nicht immer einfach oder manchmal unlösbar schien oder wüssten Sie eine Ja-oder-Nein-Antwort auf die Frage, ob sich Russen und Ukrainer unterscheiden oder ob die Krim russisch oder ukrainisch ist? Hierbei waren die Zuschauenden nicht nur geistig ständig in Bewegung. Später wurden sie aufgefordert, ihren bisherigen Platz im Raum zu wechseln und fünf Minuten mit einem seiner oder ihrer Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam wurden mitgeschickte Spezialitäten aus Lemberg gekostet. Die Senftenberger Zuschauenden erfuhren im Laufe des Abends sehr unmittelbar und oft anrührend von der wechselhaften Geschichte der rund 850 km entfernten ukrainischen Stadt und ihrer Bewohner. Ein Krimtatare, der in der Stalinzeit aus seiner Heimat deportiert wurde, erzählt in seinem Brief, dass er in den 90er Jahren zurück auf die Krim gezogen war und nun seit 2014 wieder als Geflüchteter in Lviv lebt. Die Auswirkungen der kriegerischen Auseinandersetzungen um die Krim kommen den Zuschauenden noch näher, als Fotos von Kindern und deren Vätern, die momentan in russischen Gefängnissen sitzen, von Hand zu Hand gereicht werden.

Im Laufe der 90 Minuten war zu erleben, dass eine ganz besondere Atmosphäre im Raum entstand. Nicht nur die Zuschauenden kamen sich näher und diskutierten miteinander, sondern man bekam das Gefühl, dass die fernen neuen Bekannten ebenfalls anwesend waren. Am Ende des interessanten, bewegenden Abends stellten sich alle Zuschauenden zum Foto auf, denn die Lemberger, die 14 Tage vorher die Parallelveranstaltung erlebten, haben um ein Feedback gebeten und jede/r kann sich in einer eingerichteten Facebook- Gruppe weiter informieren oder in Kontakt mit den Lembergern treten.

Foto: © Tetiana Dzhapharova
pictures/artikel/IMG_88234511.jpg
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus