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TheaterBlick: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie

Goethes Faust in einer Inszenierung des Staatstheaters Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

Im Vorfeld konnte man in der Märkischen Oderzeitung nebulöse Fragestellungen des inszenierenden Schauspieldirektors Jo Fabian lesen wie: „Ist das Nationaltheater tot? Ist die tradierte Figur des Faust nicht ein Auslaufmodell in einer immer stärker ineinander greifenden Welt? Und wenn es so ist, warum spielen wir ihn nicht so?“ „Das Heiligtum der Weimarer Klassik, seit 250 Jahren Ikone des deutschen Bildungstheaters“ wollte die Inszenierung vom Sockel reißen.
Nun, auf diesem Sockel steht der Faust in der Bildungs- und Theaterlandschaft schon lange nicht mehr. Im Gegenteil, in den letzten 30 Jahren ständiger Lehrplanreformen und –reförmchen in der deutschen Schulkleinstaaterei ist Goethes „Faust“ fast ganz verschwunden. Es ist den Deutschlehrern selbst überlassen, ob sie, die in erster Linie nur noch Kompetenzen, aber kaum noch Inhalte, schon gar keine Ganzlesestoffe, vermitteln sollen, den „Faust“ eventuell streifen. Im Theater gab es auf vielen Bühnen „Faust“-Inszenierungen, die keinesfalls diese Figur des ewig nach Erkenntnis Suchenden auf Sockel gestellt hatten. Erinnert sei nur an die legendäre „Faust“-Inszenierung Christoph Schroths 1979 am Staatstheater Schwerin oder in jüngster Zeit die „Faust“–Interpretation Matthias Brenners an den Bühnen Halle.
Im Gegensatz zu den Ankündigungen konnte das Publikum am Premierenabend einen „Faust“ erleben, der Dank einer straffen Strichfassung des Dramaturgen Jan Kauenhowen mit zweieinhalb Stunden Spieldauer ausgekommen wäre, wenn nicht die typischen Fabianschen inszenatorischen Längen den Abend an einigen Stellen gedehnt hätten. Eigentlich wurde der Goethesche „Faust“ mehr oder weniger vom Blatt gespielt und für die, die wenig oder keine Stückkenntnis haben, schön gegliedert, indem auf zwei Bildschirmen (der Regisseur zeichnet für die Videos wie auch für den Sound verantwortlich) die Szenentitel eingeblendet wurden.
Das Bühnenbild (Pascale Arndtz), dem deutschen Pavillon der Kunst-Biennale in Venedig nachempfunden, zeigt einen hellen Museumsraum mit einer Reihe von Oberlichtern, den schon erwähnten zwei Bildschirmen, die den etwas abgewandelten Spruch aus dem Pakt zwischen Mephisto und Faust „Verweile doch, oh Augenblick, du bist so schön“ einrahmen. Ein zentraler Sockel präsentiert den klassischen Faust (Axel Strothmann) im Renaissance-Kostüm mit Bücherstapel und Totenschädel. Der Prolog im Himmel zwischen Mephisto (Boris Schwiebert) und dem Herrn (als Schattenbild Rolf Jürgen Gebert) eröffnet das Spiel. Die Gegenwart unterbricht immer wieder die Handlung in Form von Biennale-Besuchern, einer Museumsangestellten (Susann Thiede), die im Laufe des Abends über Lautsprecher die Besucher auf die nächsten „interaktiven Kunstaktionen im Faust-Saal“ aufmerksam macht oder Reinigungskräften, die sich dann in Gretchen (als Gast Lara Feith) oder deren Freundin Lieschen (Lucie Thiede) verwandeln. Der Faust-Monolog in der Studierstube verwirrt zunächst, weil der Zuschauer rätseln muss, ob die Figur auf dem Sockel ein Roboter ist, der als menschlicher Klon sich außerordentlich und endlos quälen muss mit den goetheschen Worten, die er unter Stottern und Stöhnen nebst Verszahlen aus sich herauspresst. Der Zuschauer bekommt dabei vom Textzusammenhang nicht unbedingt viel mit.
Dieser Faust, der dann klassisch den Pakt mit dem Teufel eingeht, gibt den Osterspaziergang wieder als Standbild auf dem Sockel, auf dem sein Schüler Valentin (Michael von Benningsen) vor ihm liegt wie weiland der alte Goethe auf Tischbeins Gemälde. Die Zuschauerin neben mir spricht den Text begeistert mit.
Auch das Gretchen ist sehr klassisch besetzt - jung, naiv, unschuldig. Man muss annehmen, dass sie in Faust die fehlende Vaterfigur anhimmelt, denn dieser Faust kommt nicht verjüngt aus der Hexenküche, ist allerdings so pubertär unbeholfen beim ersten Rendezvous mit Gretchen in Marthes Garten, dass man ihn schon bemitleiden möchte, wenn die Situation nicht wieder so gedehnt worden wäre.
Das körperliche Zueinanderfinden Gretchens und Fausts wird in einer sehr langen, von Musik unterlegten Kussszene gezeigt. In deren Verlauf werden die beiden zunächst auf offener Bühne von zwei Bühnenarbeitern jeweils an eine Kette gelegt, in die sie sich erst einwickeln und sich dann in langer, am Boden stattfindender Winderei daraus wieder befreien müssen. Eigentlich ein schönes Bild, wenn nicht auch hier, wie an anderen Stellen der Inszenierung, etwas ungeschickte, nicht zu Ende gedachte Regieeinfälle, wie eben hier die offen agieren müssenden Bühnenarbeiter, störten. Auch der aufsichtführende Museumsangestellte, der gleichzeitig der Souffleur des Abends ist, greift nie ein, selbst wenn noch so viel Chaos in der „Faust“-Halle passiert. Auf einmal ist er ohne Grund verschwunden. Wozu ist er dann überhaupt da? Um zu soufflieren? Faust und Gretchen duschen nach vollzogenem Akt, diskutieren dabei die Frage nach der Religion, und der Faustdarsteller zeigt sich nackt auf der Bühne. Neu und bahnbrechend ist das nicht unbedingt.
Nach der Pause erleben die Zuschauer zunächst vor geschlossenem Vorhang das „Vorspiel auf dem Theater“. Diesen Teil hat Goethe an den Anfang seiner dramatischen Dichtung gestellt. Der Theaterdirektor (Thomas Harms), der Schauspieler (Kai Börner), bei Goethe die lustige Person, und der Dichter (Michael von Benningsen) diskutieren über den Sinn und die Aufgabe des Theaters und den Umgang mit dem Publikum. In Form einer Podiumsdiskussion dargeboten, kann sich der Zuschauer voll auf den Text konzentrieren und feststellen, wie außerordentlich aktuell und zeitlos Goethes Text ist.
Der zweite Teil des Abends bietet ein etwas verändertes Bühnenbild. In den Ausstellungsraum ist ein riesiges Kreuz quer hineingehängt worden, das Dom und Kerker und von Anfang an die Gretchentragödie markiert. Was nun folgt, ist spannend und große Show und endet in langem, lautem, von Punkrockmusik unterlegtem Geschrei der drei Protagonisten Gretchen, Faust und Mephisto, die alle gleichermaßen verzweifelt sind. Gerettet ist hier niemand.
Das Premierenpublikum ist begeistert, aber die Rezensentin bleibt etwas ratlos, weil nach dem Ende weiterhin unklar bleibt, wohin die Inszenierung denn nun eigentlich zielt. Klar wird nur, dass bei diesem bekannten Stoff ein Herangehen an die Inszenierung, in der im Laufe der Arbeit erst die Konzeption entstanden sein soll, vieles unfertig und etwas unausgegoren blieb.
Man kann gespannt auf den „Antifaust“ im Frühjahr sein.

Foto: Marlies Kross
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