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TheaterBlick: Greta

Uraufführung im Piccolotheater Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

Natürlich hat man bei dem Titel sofort die Ikone der Fridays for Future –Bewegung vor Augen und denkt vielleicht: Sogar Stücke machen sie nun schon über dieses Mädchen, das da seit einem Jahr freitags mit ihrem kleinen Plakat „Schulstreik für das Klima“ vor dem schwedischen Parlamentsgebäude steht. Aber das stimmt nur bedingt.
Autor Daniel Ratthei hat einen klugen Text für das Jugendtheater geschrieben und am Cottbuser Piccolo mit den jungen Schauspielern Tracy Neumann und Konstantin Walter inszeniert, in dem es nicht nur um die Klimarettung geht, sondern um viele angrenzende Themen und vor allem über das „Einfache, das schwer zu machen ist“.
Mit der Figur der Annegret beschreibt der Autor, welche Ängste und Schwierigkeiten die Sechzehnjährige überwinden muss, als sie einfach mal so eine WhatsApp-Gruppe gründet, um mit Freunden bei der ersten Klimademo der Stadt dabei zu sein. Zunächst ungewollt steht sie im Rampenlicht, weil der charismatische Hannes, ebenfalls 16, sie zu einer Rede auffordert. Annegret, von Hannes forsch Greta genannt, erlebt nicht nur, wie schwer es ist, sich umweltbewusst zu verhalten, sondern auch, wie schwerfällig, zwiespältig, zögerlich und oft ablehnend sich die Erwachsenenwelt in Person ihres Vaters, Ihres Sportlehrers oder einer Caféhausangestellten verhält. Zwischen Hannes und Annegret besteht nicht nur Einigkeit darüber, dass sie weiter gegen die Widerstände der Erwachsenen für die Zukunft ihrer Generation kämpfen wollen, sondern es entwickelt sich auch eine Liebesbeziehung, die Hannes allerdings nicht so recht ernst zu nehmen scheint. Ratthei schafft es, in 75 Minuten eine kleine Geschichte zu erzählen, die gleichermaßen jugendliche und erwachsene Zuschauer anspricht, weil viele, allseits bekannte Argumente der Klimawandelgegner, als auch vor allem die der Gegenseite ins Feld geführt werden, ohne dass das Theatererlebnis mit erhobenem Zeigefinger daher kommt. Die Nebenfiguren sind nicht schwarz-weiß gezeichnet und manch ein Erwachsener kann sich in ihnen wiederfinden.
Die Greta –Figur (Tracy Neumann als Gast) wechselt geschickt zwischen erzählenden Passagen und dialogischem Spiel mit den anderen Figuren, die allesamt von Konstantin Walter gespielt werden, der gekonnt zwischen den verschiedenen Rollen hin und her switcht. Auf einem niedrigen Laufsteg, der um einen runden Kunststoffrasen errichtet wurde, und an deren rechten hinteren Ende eine kleine Treppe mit Mikrophonständer die Demobühne andeutet, wird mit wenigen Requisiten und Kostümteilen und einem Mikrophon agiert. Ein dicker Schornstein im Hintergrund stößt von Zeit zu Zeit weißen Qualm aus und gibt damit kurze Zäsuren, die den Zuschauenden nötige Denkpausen verschafft und die Geschichte gliedert. Teilweise wird Musik unterlegt, die manchmal etwas zu laut ist und dann die Textverständlichkeit einschränkt. Die Inszenierung ist rhythmisch dicht und abwechslungsreich und schafft es, vor allem auch durch die sehr überzeugenden schauspielerischen Leistungen von Tracy Neumann und Konstantin Walter, die durch die Schule auf 45 Minuten getakteten SchülerInnen bis zum Schluss zu fesseln.
In die Vormittagsvorstellung am 13.11. 19 kamen zwei 9. Klassen aus der Fontaneschule und aus dem Pückler-Gymnasium mit ihren LehrernInnen. Die Schüler aus der Fontaneschule hatten vorher schon eine Probe zum Stück besucht, und die Jungs, die ich vorher befragte, waren etwas skeptisch und meinten, diese schwedische Greta wäre ihnen zu öko. Ich hörte auch etliche altbekannte Antiklimawandelargumente, die später im Stück zur Sprache kamen.
Die Deutschlehrerin der 9. Klasse aus dem Pückler-Gymnasium, Frau Wach, von mir nach der Aufführung befragt, gestand, dass all die angesprochenen Themen in ihr schon seit längerem arbeiten. Die Lehrer und Lehrerinnen stehen zwischen allen Stühlen. Eine Dienstanweisung verlangt, dass die Lehrer das Fehlen der Schüler als unentschuldigt einzutragen haben. Wie verhalte ich mich, wenn ich meine Schüler unterstützen will? Sie kam bis jetzt noch nicht in die Verlegenheit... Frau Wach gefiel vor allem, dass die Lehrerfigur des Stückes eine Wandlung von totaler Ablehnung gegenüber Annegrets Verhalten zum Nachdenken und Einlenken durchläuft, ohne dabei unglaubwürdig zu werden.
Das Gespräch nach der Aufführung zwischen dem Regisseur und den zuschauenden Schülern verlief etwas zäh, die beiden Mimen kamen gar nicht zu Wort, da ist noch Luft nach oben und wird sicher von Vorstellung zu Vorstellung unterschiedlich sein. Ich wünsche der Inszenierung, dass die folgenden Abendvorstellungen viele Jugendliche mit ihren Eltern und Großeltern besuchen und danach ins Gespräch kommen.
Wir wissen es alle: Es ist 5 vor 12 für die Menschheit, und jeder von uns sollte im Bereich seiner Möglichkeiten Grundlegendes für die Zukunft unseres Planeten tun.

Foto: Michael Helbig
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