Home Artikel Heft Suche Termine

TheaterBlick: KaraWa(h)n

Premiere der JugendTanzCompany des PiccoloTheaters am 15.2.2020

von Angelika Koch, Kultur

Das Wort Karawane ist in vielen Sprachen der Welt gleich und bezeichnete ursprünglich eine Reisegesellschaft von Kaufleuten mit Kamelen, die sich zusammengetan hatten, um sich auf den jahrhundertealten Handelswegen durch unwirtliche Gegenden gegenseitig Schutz zu geben. Das Reisen ist inzwischen einfacher geworden. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem eigenen Caravan oder der ist der einzige Besitz, das Dach über dem Kopf. Die letzten Naturrefugien werden von Reisewütigen gestört im „Eroberungswahn“ und hinterlassen wird Wohlstandmüll. Aber es sind auch viele Tausende in langen Karawanen zu Fuß, zu Wasser und zu Lande auf der Flucht vor Krieg, Hunger und klimatisch unerträglicher Umwelt.
Die JugendTanzCompany unter der Leitung ihrer wunderbaren Tanzpädagogin Zaida Ballesteros-Parejo, die im letzten Jahr mit „Unter der Dusche war ich das Wasser“ die Zuschauer begeisterte, nahm sich in diesem Jahr das „Unterwegsseins“ als Ausgangsthema und entwickelte eine 60minütige Tanzperformance. Kurz vor dem Einlass erscheinen schon zwei Tanzpaare im Foyer, bewegen sich als exotisches Vogelpaar und als südamerikanische Gauchos in Zeitlupe zwischen den Zuschauenden und stimmen sie auf den Abend ein.
Der große Zuschauerraum ist gänzlich umgebaut. Die Sitzreihentraversen fehlen, dafür gibt es eine ebenerdige Arenabühne, die von zwei Stuhlreihen teilweise umsäumt und nach vorne offen ist, so dass sich vielfältige Auf- und Abgangsmöglichkeiten bzw. Tanzorte ergeben. Eine runde Videoleinwand unterhalb des Beleuchterplatzes ermöglicht den meisten Zuschauenden, das Geschehen gedoppelt und doch anders, wie in einem Kaleidoskop, zu sehen. Zu Beginn liegen sieben der neun Tänzerinnen und drei Tänzer, dieses Mal alle in unterschiedliche schwarz- rote Kostümteile gekleidet, verteilt im Raum, kriechen in die Mitte des Kreises, bewegen sich wie ein Organismus, der sich nach links und nach rechts drehend langsam in die Höhe schraubt.
Im Laufe der 60 Minuten erleben die Zuschauenden eine Kaskade von unterschiedlichsten choreografischen Einfällen in der Gruppe, in Paaren, allein zu verschiedenster internationaler Musik. Das Meer rauscht, die Gruppe steht zusammen, bewegt sich im schaukelnden Rhythmus der Wellen, wenn eine/r fällt, wird er bzw. sie von der Gruppe wieder aufgerichtet. Nicht nur Menschen sind unterwegs, auch Krabben laufen über den Strand? Das Verzaubernde am Tanztheater, wenn es so wunderbar gemacht wird, ist, dass den Zuschauenden viel Raum zur Deutung des Geschehens bleibt. Eine Stange, die zu Anfang den Kreis geteilt hatte, wird später zu drei Teilen und von den TänzerInnen vielfältig genutzt. Wenn trotz hoher Konzentration mal eine Stange gegen eine andere oder an einen Tänzerkopf stößt, tut das dem fesselnden Eindruck des Ganzen keinerlei Abbruch. Immer wieder werden in dieser Phase in drei Gruppen neue Standbilder gebaut. Eine der Tänzerinnen geht manchmal zu ihrem Cello und begleitet die Gruppe live. Die Gruppe tanzt nicht nur, sondern singt zur Cellobegleitung zweistimmig eine slawische Melodie, klopft Rhythmen, Wortfetzen schwirren durch den Raum. Verschiedene Schrittfolgen internationaler Volkstänze werden angedeutet. Paarweise wird nacheinander ein Kampftanz zelebriert, der an den brasilianischer Capoeira erinnert, während die anderen TänzerInnen beobachtend an verschiedenen Positionen zwischen den Zuschauern verharren. Der Rückzug aus der Gruppe, nur mit sich und dem Teddybär in Zwiesprache bedeutet vielleicht die Reise zum eigenen Ich. Wie im Zirkus bewirft ein Cowgirl den Gaucho vom Anfang mit Schallplatten, die der geschickt mit einem Brett abwehrt, auch wenn den in der Nähe sitzenden Zuschauern angst und bange wird. Einer der Tänzer singt eindrucksvoll zur Cellobegleitung zwei Strophen eines jahrhundertealten Liedes, zu dem die Gruppe paarweise tanzt. Ruhige, auch unbegleitete Phasen wechseln mit rasanten Tempi, synchrone Bewegungen mit scheinbar sich gerade entwickelnden individuellen. Körper rollen am Boden, wälzen sich übereinander. Die Gruppe trägt einzelne Mitglieder durch den Raum. In der Bewegung ziehen sich die Mitlieder der Company ein Kleidungsstück aus, spielen damit, werfen es in die Mitte des Kreises, später werden sie eines wieder anziehen. Alle beherrschen, wenn auch in unterschiedlicher Qualität, ihre tänzerischen Mittel. Zwischendurch kommt der gebannt Zuschauenden immer mal wieder die Frage: Wie behält man die vielen Schrittfolgen und Abläufe?
Am Ende beginnt ein großes Fest zu temperamentvoller Balkanmusik. Es wird durcheinander geredet, Leinen mit bunten Socken und Unterwäsche zwischen die aufgerichteten Stangen gespannt, aus den Zuschauerreihen werden MittänzerInnen gewonnen und so geführt, dass diese die Bewegung der Partnerin oder des Partners aus der Tanzcompany mitmachen können. Und die mit großem Spaß Zuschauenden werden an ein Sommerfest am Mittelmeer erinnert.
Schließlich kommt die Gruppe im Anfangsbild des Abends zusammen, und das Licht erlischt. Die Zuschauenden lösen sich langsam aus dem Bann des Erlebten und spenden überaus begeistert Beifall.

Foto: Michael Helbig
pictures/artikel/IMG_87206955.jpg
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus