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Cottbuser Kultur- und Theaterleben außerhalb des Staatstheaters(II)

Der Theaterjugendclub des Staatstheaters mit E.T.A. Hoffmanns Sandmann

von Angelika Koch, Kultur

An dieser Stelle wurde in der letzten Ausgabe über den Jugendclub des Piccolo Theaters und über die Bühne 8 berichtet. Da es heute zunächst um den Theaterjugendclub des Staatstheaters geht, trifft der Titel so natürlich nicht ganz des Pudels Kern, aber ich bespreche die Inszenierung „Der Sandmann“ trotzdem an dieser Stelle, weil es auch hier um spielfreudige Laien geht, die sich vertrauensvoll unter die Fittiche von Fachleuten begeben, um sich auf den Brettern, die (angeblich) die Welt bedeuten, auszuprobieren.

„Der Sandmann“ ist eines der düsteren Nachtstücke des Schriftstellers E.T.A. Hoffmann, an dem sich Generationen von Gymnasiasten in Interpretationsaufsätzen die Zähne ausgebissen haben, weil ihr Steckenpferd reitende Lehrplanbauer statt z.B. des Goetheschen „Faust“ die Romantik präferierten.
Warum die 13 jungen SpielerInnen und ihre Leiterin Nadine Tiedge gerade diesen Prosatext für ihre diesjährige Arbeit gewählt haben, klärt das verkopfte Programmheft, das der Dramaturg Lukas Pohlmann verfasst hat, nicht gerade. „Verschiedene Spielweisen, theatrale Formen und Annäherungsversuche“ böte der Text, aber was dem Zuschauer erzählt werden soll, was die Geschichte um den überempfindsamen Studenten Nathanael mit seinen Wahnvorstellungen und seiner Blindheit einer Automatenpuppe gegenüber mit jungen Menschen des 21. Jahrhunderts zu tun hat, erklärt es nicht, und leider bringt auch die Aufführung darüber keine Aufklärung.
In der Geschichte geht es um den Studenten Nathanael, dessen Begegnung mit dem Wetterglashändler und Mechaniker Coppola Traumata seiner Kindheit wieder wach werden lässt. Er sieht in ihm den Mörder seines Vaters, der einst bei alchimistischen Experimenten ums Leben kam. Nathanael versinkt in düsteren Träumen und wirren Phantasien. Er beginnt, überall seltsame Dinge zu beobachten: blutende Augen, Roboter und Verschwörungen - Realität und Halluzination verschwimmen. Zunehmend distanziert er sich von der realen Welt und entzieht sich zugunsten einer erotischen Beziehung zu einer Maschine seinen Mitmenschen.
Einzelne Motive der Erzählung, herausgelöst und von den Jugendlichen in das Hier und Heute geholt und bearbeitet, hätte einen interessanten Theaterabend bilden können.
Was war zu erleben: In einem düsteren, perfekten Bühnenbild des Kostüm- und Bühnenbildners H.-H. Schmidt mit Pfeilern, einem kleinen Treppenpodest, einem Spiegelkabinett, transportablen Wänden und zwei Stoffbahnen, Fenstervorhänge andeutend sowie einem rollbaren großen Bett, passiert in den ersten acht Minuten nichts, außer dass Stimmen aus dem off, vermischt und manchmal überlagert von Klavierklängen Fragen stellen. Es sind Fragen, die aus den Themen der Hoffmanschen Erzählung initiiert scheinen, Fragen um die Themen Angst, Augen, Träume. Dazu wandert ein Spot durch den Raum. Dann endlich erscheinen auch 12 SpielerInnen nach und nach als Schattenwesen, Verrückte in Zwangsjacken, Figuren der Erzählung, die der Dichter noch nicht ausgeformt hat und die er/sie dann auch nach seinem Willen agieren lässt?
Wer die düstere Geschichte von E.T.A. Hoffmann gelesen hat, kann vielleicht unter Schwierigkeiten dem Geschehen der nächsten 70 Minuten folgen, denn die SpielerInnen und ihre Leiterin haben sehr fragmentarisch und auch nicht die Chronologie des Erzählplots berücksichtigend gearbeitet. Das ist eine Arbeitsweise, die dann aufgeht, wenn Bilder entstehen, eine künstlerische Absicht deutlich wird. Das passiert allerdings nicht.
Wie Teile eines Puzzles bringen die SpielerInnen ihre Figuren nach und nach ein: Wir lernen Coppola, Cornelius und Spalanzani, drei Klaras, ihren Bruder Lothar, die Amme mit ihrer furchtbaren, auch Erwachsenen Angst einflößenden Geschichte vom Sandmann, die Puppe Olimpia, das Kind und den erwachsenen Nathanael, dessen Vater und seine Mutter kennen.
Verbunden werden die Kaleidoskopteile mit vielen verschiedenen Musikausschnitten, Spalanzani tritt sogar mit einer Geige auf und spielt eine Tonleiterfolge zu seinem/ihrem Text, die Spielerin der Olimpia singt live recht hübsch und leicht schief eine kleine Barockarie.
Die Kostüme der Kostümbildnerin Katrin Ax sind, nach Wünschen und Vorstellungen der SpielerInnen, perfekt im Stile des 19. Jahrhunderts zusammengestellt worden.
Alle SpielerInnen sind immer auf der Bühne, wenn sie nicht gerade im Vordergrund agieren, sind sie im Hintergrund meist in Aktion, auch wenn der Zuschauer nicht unbedingt erkennen kann, was sie tun. Teilweise stört die ständige Bewegung auch die Konzentration auf das Spielgeschehen im Bühnenvordergrund. Körperlich bleibt vieles spannungslos, wie auch die mangelnde Sprachbehandlung die Textverständlichkeit öfter beeinträchtigt, und hier meine ich nicht unbedingt nur die ausländischen Theatergruppenmitglieder.
Leider gibt es zwei Protagonistinnen. Die eine muss sowohl die Rollen des Nathanaels, als auch die seines Vaters spielen. Aber wenn ein Figurenwechsel lediglich durch das Benutzen einer Tabakspfeife gezeigt wird, ist das zu wenig. Die zweite Spielerin gibt den Erzähler mit z.T. unmotivierten, schleichenden Gängen und monoton gesprochenen Texten. Beide Darstellerinnen sind von dieser Aufgabe überfordert. Die Gruppe selbst hat eigentlich großes Spielerpotential, wie z.B. die kleinste der drei Klara-Darstellerinnen, der Darsteller des Bruders Lothar bzw. des Fechtmeisters und die Darstellerin des kleinen Nathanaels. Aber man hätte sich mehr ein miteinander Agieren gewünscht, als ein Nebeneinander von vielen Monologen.
Zwei Videos durften auch nicht fehlen, sodass ich als Zuschauerin doch des Öfteren an die Inszenierungen von Jo Fabian erinnert wurde.
Aus den vielen Splittern des Kaleidoskops ist leider keine überzeugende Gesamtleistung erwachsen.
Ganz im Gegenteil, hier will man „die Großen“ des Schauspieltheaters nachahmen, und das geht bekanntermaßen im Laientheater meistens schief.
Was ich am Abend der Aufführung nicht sehen, vielleicht nur erahnen konnte, erfuhr ich auf Nachfrage von Theaterpädagogin Nadine Tiedge, die den Theaterjugendclub des Staatstheaters seit 1 ½ Jahren leitet. Die Gruppe setzt sich aus 13 jungen Menschen zwischen 14 und 23 Jahren zusammen, die nicht nur aus Cottbus, sondern auch aus Weißwasser, Spremberg, Peitz und auch aus Syrien und Tschetschenien kommen. Die SpielerInnen haben in der Erarbeitungsphase viel improvisiert, eine ganze Reihe von Fragen zu der von der Theaterpädagogin ausgewählten Textvorlage formuliert und für ihre Figuren Monologe geschrieben, die am Abend auch vorgetragen wurden. Leider wurde auch das dem Zuschauer während der Vorstellung nicht unbedingt klar.
Man wünscht dieser Truppe eine längere Findungszeit ohne den Druck einer Aufführung. Zumindest kann man hoffnungsvoll auf eine kontinuierlichere Arbeit mit den Jugendlichen im Staatstheater blicken, denn endlich gibt es nach jahrelang wechselnden Leitern des Staatstheaterjugendclubs, die freischaffend arbeiteten, jetzt zwei fest angestellte Theaterpädagoginnen, die im Schauspiel- und im Musiktheaterbereich wirken.

pictures/artikel/IMG_35712145.jpgFoto: Marlies Kross
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