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Turn off the Red Light

von Agneta Lindner, Politik

Vor Kurzem erblickte ich eine riesige Werbung in der Thiemstraße für einen Saunaclub in Düsseldorf mit „100 heißen Girls“. Mir war sofort klar, dass es da nicht nur um’s Saunieren geht.
Ich schreibe diesen Text und es ist Freitag. Freitag heißt Wochenende, heißt Entspannung. Für sogenannte „Sexarbeiter*Innen“ oder „Sex-Dienstleister*Innen“ jedoch ist Hochbetrieb angesagt. Allein diese Begriffe sind in meinen Augen haarsträubend. Gebe ich „pro Sexarbeit“ in die Suchmaschine ein, dann ist einer der oberen Einträge eine Seite, die sich da nennt „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ und zum Mitmachen auffordert. Ist das jetzt doppeldeutig gemeint? Es wird (natürlich) zum Respekt aufgefordert, aber folgender Satz ist eindeutig zweideutig: „Du kannst uns auch gern praktisch unterstützen, wenn Du über bestimmte Fähigkeiten verfügst und diese der Hurenbewegung pro bono anbieten möchtest.“
Ich habe nichts gegen selbstbewusste Huren und trotzdem gehöre ich der Seite an, die die Prostitution als überwunden sehen will. Das Thema lässt mich nicht mehr so richtig los seit der Lektüre des Buches „Was vom Menschen übrig bleibt“ (im Original: „Paid for“) der Irin Rachel Moran. Sie ist eine sogenannte Prostitutionsüberlebende und räumt auf mit dem Mythos der glücklichen Hure, für die es ein sexuelles Vergnügen sei, zig Mal am Tag jegliche ihrer Körperöffnungen Fremden zur Verfügung zu stellen. „Die wollen das doch“, ist ein vielgedachter und -gesprochener Satz. Wenn sie vorher aus einem osteuropäischen Land mit verlogenen Versprechungen angeworben und in Deutschland von einem Zuhälter gekauft wurden, dann auch?
Moran schreibt u.a. vom psychologischen Phänomen der Dissoziation, das auch die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus durch ihre langjährige Arbeit mit Prostituierten bestätigen kann (u.a. in „Mythos ‚Sexarbeit‘ – Argumente gegen Prostitution und Sexkauf“). Es bedeutet, dass es zum Abspalten von der eigenen Persönlichkeit kommt; es macht ‚seelisch und körperlich unempfindlich‘. Oder noch genauer: das Gehirn schüttet in Situationen, von denen wir im Grunde nicht wollen, dass sie passieren, betäubende Hormone aus. Natürliche Empfindungen wie Scham, Ekel und Angst verwandeln sich dann in Gleichgültigkeit, Passivität und Sachlichkeit. Es passiert tagtäglich und bei jedem Kunden ganz automatisch, führt aber in der Summe zu einer posttraumatischen Belastungsstörung, die ähnlich verheerend ist, wie die von im Krieg gewesenen Soldaten.
Auch macht sich Moran Gedanken über die Rolle der Männer. Als sie fünfzehn oder sechzehn war, wollte ein Vater, dass sie gegen Geld seinen Sohn entjungfert, was bei ihr einen instinktiven Widerwillen auslöste, sodass sie einfach wegging. In der Nachbetrachtung dieser Szene wurde ihr klar, was daran sie so abstieß. Es war die Tatsache, dass dieser Vater dem Sohn ganz selbstverständlich eine Frau kaufen wollte, so wie eine Bratwurst vom Imbissstand. Welche Haltung würde dieser Sohn infolge dessen zu Frauen im Allgemeinen und im Konkreten einnehmen? fragt sie sich und kommt zu dem Schluss, dass auch all diese Väter, Brüder, Ehemänner, Söhne und Partner einen immensen Verlust ihrer eigenen Menschlichkeit erleiden.
An dieser Stelle möchte ich die Geschichte eines Mannes wiedergeben, von dem in der Reportage „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“ berichtet wird, die allerdings ein wenig anders gestrickt ist. Ein solariumgebräunter Mittsechziger, der irgendwann in seinem Leben auf den Zug aufsprang, sich mit Frauen einen dicken Geldbeutel zu verdienen. Er landete durch etwaige Umstände im Knast, bekam dort psychologische Betreuung und mit der Zeit die Erkenntnis, warum alles so kam, wie es kam. In seiner Kindheit wurde er von seiner Mutter sexuell missbraucht. Diese Erfahrung ließ ihn in der Jugend- und Erwachsenenzeit einerseits zu einem regelrechten Frauenhasser, andererseits zu einem schonungslosen Kampfsportler und später brutalen Leibwächter innerhalb krimineller Strukturen werden. Heute hat er seinen eigenen Kampfsportverein und trainiert alle Altersklassen, will im Besonderen aber Kinder und Jugendliche davor bewahren, auf die schiefe Bahn zu geraten. Was er damals im „Rotlichtmilieu“ erlebte und den für ihn Anschaffenden antat, lehnt er heute zutiefst ab.
In Bezug auf pro und contra „Sexarbeit“/ Prostitution steht folgende Frage im Raum: wessen Interesse dient die Wahl dieser, bzw. jener Bezeichnung? Wem dient es, über den verschwindend geringen Anteil der „glücklichen Huren“ zu berichten, die freiwillig und aus beruflicher Erfüllung sexuelle Dienstleistungen anbieten, anstatt über den immens großen Teil der Prostituierten (ca. 92%), die schon in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, die aufgrund von Drogenabhängigkeit darin verstrickt sind oder die zwangsprostituiert werden, nachdem sie zu Tausenden über illegalen Menschenhandel nach Deutschland gekommen sind?
Folgendes Zitat beantwortet in meinen Augen diese Frage: „Doch während engagierte Polizeibeamte das ProstG (Prostitutionsgesetz) schon mal als ‚Zuhälterschutzgesetz‘ bezeichnen und bessere rechtliche Instrumente zum Schutz der prostituierten Frauen fordern, betreiben so einige staatlich bezuschusste ‚Beratungsstellen für Prostituierte‘ Einstiegs- statt Ausstiegsberatung und kooperieren mit dem Bundesverband der Bordellbetreiber, die sich ‚Unternehmer in der Erotikindustrie‘ nennen.“ (S. Constabel in Moran, 2013: 13)
Die, deren Interesse wirklich bedient wird, dass diese Maschinerie weiter am Laufen gehalten wird, sind die Zuhälter, Bordellbetreiber und letztlich der deutsche Staat, deren Kassen laut und kräftig klingeln. Vor allem freitags und das ganze Wochenende hindurch.

pictures/artikel/IMG_15591304.jpgFoto: CC0 pixabay.com
Rachel Moran (2015):
„Was vom Menschen übrig bleibt. Die Wahrheit über Prostitution“

Marburg: Tectum Verlag, S. 380
Preis: 17,95€
ISBN: 978-3-8288-3458-3
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Katharina Sass (2017):
„Mythos ‚Sexarbeit‘. Argumente gegen Prostitution und Sexkauf“

Köln: Papyrossa Verlag, S. 159
Preis: 13,90€
ISBN: 978-3-89438-648-1
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ZDFinfo Doku:
„Bordell Deutschland. Milliardengeschäft Prostitution“

In der Mediathek abrufbar bis 15.11.2018 zwischen 22 und 6 Uhr.
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