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Haltung zeigen - Über Geschichte sprechen

Dokumentarfilm: Über Leben in Demmin

von Bernd Müller, Film

Auch in diesem Jahr gibt es vom 22. April bis zum 8. Mai die Veranstaltungsreihe „Befreiung fortsetzen“ in Cottbus. Insgesamt zehn Veranstaltungen – an unterschiedlichen Orten, in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Institutionen. Am 2. Mai wird im Obenkino der Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“ von Martin Farkas gezeigt. Und im Anschluss kann noch mit dem Regisseur diskutiert werden. Diesen Film wollen wir an dieser Stelle stellvertretend für alle anderen Veranstaltungen behandeln.

Demmin, eine kleine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, südwestlich von Greifswald gelegen. Im Frühjahr 1945 wird die Stadt zum Ort einer schrecklichen Tragödie. Während die Rote Armee heranrückt, nehmen sich hunderte Einwohner das Leben. Sie schneiden sich die Pulsadern auf, vergiften oder erschießen sich; Eltern töten erst ihre Kinder und dann sich selbst, ganze Familien gehen mit Steinen beschwert ins Wasser.
Bis zum Ende der DDR wird kaum über das Geschehene und die konkreten Umstände des Massenselbstmordes gesprochen. Die genauen Opferzahlen der kollektiven Hysterie sind bis heute nicht bekannt. Diesen Umstand nutzen heute Neonazis. An jedem 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus und dem Tag des Endes des Zweiten Weltkrieges, vollzieht sich in Demmin ein gespenstisches Ritual: Neonazis marschieren schweigend durch die Straßen der Gemeinde, in der mehrere Hundertschaften der Polizei Stellung bezogen haben und versuchen, Gegendemonstranten von der Route fernzuhalten.
In seinem Film ÜBER LEBEN IN DEMMIN geht Regisseur Martin Farkas den verborgenen der Ereignisse nach. Überlebende sprechen zum ersten Mal über die schrecklichen, langen verdrängten Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend. Farkas erkundet, welche Spuren die Traumatisierung und das Schweigen darüber bei den Nachgeborenen hinterlassen haben – und wie tief sie in unsere Gegenwart hineinwirken.
Es geschah am 30. April 1945. Die Rote Armee hatte Demmin erreicht, sollte eigentlich durchfahren und am Abend in Rostock ankommen. Der kleine Ort ist aber von drei Flüssen umgeben, und auf ihrem Rückzug hatte die SS alle Brücken gesprengt. Die sowjetischen Panzer konnten nicht weiter.
In dieser Situation brach letztlich eine Hysterie aus. Warum es dazu kam, darauf gibt es keine letzte Antwort, sagte Farkas in einem Interview. Schließlich gab es in ganz Deutschland ein Phänomen: Weil das System im Zusammenbruch war, an das die Menschen stark geglaubt hatten, gingen viele in den Freitod. Hinzugekommen sei, dass aus Nachrichten von den Vätern und Söhnen durchgedrungen sei, was die Deutschen in der Sowjetunion veranstaltet hatten – die ungeheure Gewalt, die von Wehrmacht und SS ausgegangen war, die zahllosen faschistischen Verbrechen. „Natürlich gab es auch das Bewusstsein: Es könnte eine große Rache auf uns zukommen“, so Farkas.
In den Erinnerungen der Zeitzeugen sind aber nicht nur die Gräuel hängen geblieben. Viele von ihnen hätten auch nie Rachegefühle entwickelt, so Farkas. Schließlich hätten sie auch erlebt, dass sie von den Sowjets aus dem Wasser gezogen wurden; dass ihnen die von den Müttern aufgeschnittenen Arme verbunden wurden. Die Rotarmisten „waren eben nicht die Täter, wie es lange die Erzählung war, die dann auch noch unter dem Deckel gehalten wurde“.
Dass die Ereignisse heute noch von Rechtsextremisten ausgeschlachtet werden können, hat viel mit dem jahrzehntelangen Schweigen zu tun: Als nach der „Wende“ endlich über das Geschehen gesprochen werden konnte und die Erinnerung daran wieder hochkamen, war die Situation günstig für Geschichtsrevisionismus.
Dieser kommt aber nur bei wenigen gut an, was der Film auch deutlich macht. Er zeigt aber auch Menschen, die im Umgang mit der Geschichte schwankend sind, sich nicht festlegen wollen, auf welcher Seite sie stehen wollen. Ein Satz ist bei ihnen beliebt, den man auch heute noch aus dem Umfeld rechter Parteien hört: „Man wird doch wohl eine andere Meinung haben dürfen“.
„Haltung zeigen, Haltung suchen, Haltung finden – darum geht’s. Und das ist in so einer kleinen Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern eine ganz andere Nummer als in Berlin, Dresden, München oder Hamburg.“ In einem so kleinen Ort sei man ständig mit seiner Haltung konfrontiert und stehe den anderen gegenüber. „Und das ist natürlich auch genau der Kern des Problems: Es kann schwere Konsequenzen haben, Haltung zu zeigen.“

Freiheit? Wochen der Befreiung


Im Rahmen einer Diskussion zum 22. April – dem Tag der Befreiung von Cottbus durch die Rote Armee 1945 – kam die Frage auf, was Befreiung denn eigentlich meint: gemeinschaftlich (kollektiv), für einzelne (individuell) und ob Befreiung ein fortlaufender Prozess der Entwicklung sei. Im Rahmen der Wochen der Befreiung, jeweils ca. vom 22.4. bis 8. Mai, soll den Fragen nach Unterdrückung, Freiheit und Utopie nachgegangen werden. Weitere Informationen dazu gibt es unter cottbus-nazifrei.info
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