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Die Umweltgruppe Cottbus wird Dreißig

Fragen an Gründungsmitglied Dr. Martin Kühne

von Karin Weitze, Politik

Martin, Du bist seit langem ein engagierter Mensch für den verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Umwelt, die Probleme auf diesem Gebiet waren Dir nie egal. Das ging schon lange vor der Wende los. 1987 warst Du bei der Gründung der Umweltgruppe Cottbus mit dabei, jetzt bist Du ihr Erster Sprecher.
Wie fing das Ganze an, was geschah damals?

MK: Herbst `87: Deutlicher denn je war die Lethargie in der DDR zu spüren, täglich konnte der offensichtliche Widerspruch zwischen Schein und Sein erlebt werden. So bedurfte es auch in Cottbus nur noch des Anstoßes engagierter Menschen, die etwas zur Veränderung der Verhältnisse beitragen wollten, auch wenn man sich der Überwachung und Zensur bewusst war. Ein solcher Impulsgeber war Dr. Peter Model, als Statiker auch ein Brückenbauer zwischen Menschen. Im Oktober dann nannten wir uns Umweltgruppe Cottbus – Arbeitskreis katholischer und evangelischer Christen. Zulauf ergab sich ohne Werbung, zeigte das Bedürfnis nach Engagement. Christen und Nichtchristen fanden unter dem Dach der Kirche zusammen, das eine damals nicht zu unterschätzende Schutzfunktion darstellte. Unsere christlich geprägten Themen „Freiheit, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“ ließen sich auch verstehen als „Demokratie, Menschenrechte, Umweltschutz“.
Die UGC organisierte öffentliche Veranstaltungen in der Schlosskirche. Ein gelungenes Beispiel von vielen: die Musik-Text-Collage „Erschöpfte Schöpfung“ mit dem Atomphysiker Sebastian Pflugbeil. Diverse Projektgruppen zeugten von komplexer Sicht auf das Umweltthema und Sachkenntnis: Kohle und Energie; Radwege; Naturschutz; Sero/Recycling; Frauen für den Frieden; Chemie im Haushalt; Erziehung/Feindbilder u.a. In monatlichen Plena berichteten die Gruppen über ihre Arbeit, da waren bis zu 60 Mitglieder anwesend. Argwohn der Behörden statt dankbares Aufgreifen der Probleme gehörte zwar zu unseren häufigsten Erfahrungen, aber wir ließen uns nicht entmutigen.
Ein Beispiel für Offenheit und Hartnäckigkeit der UGC: die Zusammenarbeit mit der AG Stadtökologie des Kulturbundes. Wir ließen uns trotz aktiven Behinderungen nicht auseinandertreiben.
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Dann kam der Mai 1989, Kommunalwahl – erst nach der Wende wurde Eure wohl bedeutsamste politische Aktion in allen Einzelheiten bekannt:
MK: Wir nahmen die Demokratie beim Wort und zählten in 30 von 100 Wahllokalen die NEIN-Stimmen aus. Es waren 560 – genau so viele wie anschließend in den Zeitungen offiziell für ALLE 100 Cottbuser Wahllokale angegeben wurden! Am 30.05.89 machten wir unsere Ergebnisse in der überfüllten Schlosskirche öffentlich, verlasen unsere Eingabe an die Wahlkommission und forderten neben der vollständigen Mitteilung jedes einzelnen Wahllokal-Ergebnisses Neuwahlen. Im Brechtschen Sinne forderten wir, dass jeder die Möglichkeit haben muss, den Finger „auf jeden Posten zu legen“. Peter Model zeigte wenig später die Wahlkommission beim Staatsanwalt an. Ihre Antwort: dass man an unseren Zahlen nicht zweifle, aber das endgültige Wahlergebnis trotzdem wie veröffentlicht gelte – Geistesspaltung einer „unabhängigen Justiz des Volkes“! Peter Model wandte sich dann namens der UGC an den Bezirks-Staatsanwalt, wurde im März 1990 noch ausgelacht, als er den Stadtverordneten vorwarf, sie säßen zu Unrecht in diesem Hause. Gerechtigkeit erfuhren wir erst Anfang der 90er Jahre, als die SED-Verantwortlichen wegen Wahlbetrugs verurteilt wurden.

Wie ging es weiter nach der Wende?
MK: Plötzlich gab es viele Orte des Austauschs, der Diskussion. Viele Mitglieder wandten sich anderen Themen zu, manche in anderen Vereinen, ein Kern blieb übrig. Die UGC wurde eingetragener Verein unter dem Dach der „Grünen Liga“, dem Netzwerk ostdeutscher ökologischer Bewegungen. Sie stieß mehrere Projekte an:
Die Gründung des Eine-Welt-Ladens, Initiator Andreas Holtz-Hofmann, Aktionen wie „mobil ohne Auto“, einen alternativen Verbraucherladen namens „Rübchen“. Wir verfassten Stellungnahmen für die anerkannten Naturschutzverbände Brandenburgs, wirkten in der Kommunalpolitik mit im „Bündnis für Cottbus“, wurden Mitglied im Braunkohlenausschuss als Stimme der Umweltverbände. Unser Vertreter war Christoph Hille,Übrigens der BKA: Damals für uns eine hoffnungsvolle aus dem Rheinland übernommene direkte Mitwirkungsmöglichkeit an der Braunkohlenplanung. Seit 2001 hat er kein Beschlussrecht mehr in der Planung, sondern wirkt nur noch beratend.
Bei allem Engagement Einzelner, mit der Zeit schrumpfte die UGC trotz vieler Ideen und Projekte zu einer Art „Stammtisch“.

Dann wurde das Thema Braunkohle bekanntlich immer brisanter, global und damit auch regional...
MK: International bekannt wurde Horno und der bis zuletzt geleistete Widerstand der Familie Domain gegen die Devastierung. Ein weiteres Beispiel des Wehrens gegen die Kohle geschah gleich in der Nähe. Die Drohung, die Lakomaer Teiche, ab 2003 sogar FFH-Gebiet, zur Abbaggerung frei zu geben, rief ab 1992 den Widerstand vieler Menschen hervor, eine bunte Mischung aus Studenten, Umweltaktivisten und ehemaligen Bewohnern. Das Areal war bereits im Besitz der Kohle. Lakomas schon vielfach vor der Wende leer gezogene Häuser wurden neu bewohnt und belebt, Kulturveranstaltungen und Widerstandsaktionen machten von dem Ort reden. Junge Leute in alten Häusern gründeten den Lakoma e.V., Träger aller Aktivitäten und Aktionen sowie des Gemeinschaftslebens. Ein Teil der dort Aktiven stieß nach der Zerstörung des Dorfes zur Umweltgruppe, gerade als die Debatte um neue Tagebaue in der Lausitz begann. Mit diesen Mitstreitern um René Schuster hat sich die Braunkohle-Arbeit der Umweltgruppe ganz entscheidend intensiviert. Wir wurden nicht nur im Braunkohlenausschuss gehört, sondern wirkten auch mit in Klageverfahren gegen Pläne und Maßnahmen des Bergbautreibenden zu Lasten der Region, organisierten Einwendungskampagnen und öffentliche Aktionen bis hin zur Volksinitiative und dem Volksbegehren gegen neue Braunkohletagebaue 2007/08.

Wie siehst Du die Wirkmöglichkeiten der UGC aktuell?
MK: Die Gruppe ist an Kraft und Kompetenz gewachsen. Neue Mitglieder und Sympathisanten kamen hinzu. Ganz wichtig: in der Region koordiniert sie die Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung der zehn Bürgerinitiativen gegen neue Tagebaue und Bergbaufolgen, von Nordsachsen im Süden der Lausitz bis Guben und in den Spreewald hinein. Seit zehn Jahren begleitete sie intensiv den Sternmarsch in Atterwasch, Kerkwitz und Grabko (jeden ersten Januarsonntag) und den Ostermarsch in Rohne gegen Nochten II. Bundesweit sorgt die Umweltgruppe über ihr Portal www.kein-tagebau.de und die in kurzen Abständen erscheinenden Kohlerundbriefe für aktuellsten Austausch über Klimapolitik und Energiewende. Dies geschieht auch in Kontakt mit Experten im In- und Ausland. Seit drei Jahren übt sie die Funktion der Bundeskontaktstelle Braunkohle innerhalb der Grünen Liga aus.

Ist der Kampf um den Kohleausstieg und Strukturwandel in der Lausitz nach Verzicht der LEAG auf Jänschwalde Nord und den Großteil von Nochten II nun weniger aufwendig geworden?
MK: Das Problem Welzow Süd II ist eher größer als vorher, vor allem wegen der weiter anhaltenden psychisch so belastenden Hängepartie: die LEAG hat die Entscheidung verschoben auf 2020!
Die aktuell geplante Abbaukante für den Tagebau Jänschwalde gefährdet massiv Wasserhaushalt in der sensiblen Region mit ihrem wertvollen Naturhaushalt. Diese Planung kann und muss geändert werden!
Was den Strukturwandel angeht: es müssen Initiativen von unten angeregt werden, die Zukunft haben, nicht nur von den Akteuren und Verwaltern der bisherigen Braunkohle-Politik.

Über Kohle und Strukturwandel hinaus: Laut Satzung der UGC geht es ihr um den Erhalt der Natur als unsere Lebensgrundlage, was sich komplexer anhört.
MK: Kohleausstieg und Strukturwandel sind komplex, erfordern alle Kraft, Ideen und natürlich auch erhebliche Finanzmittel. An ihrer Lösung zu arbeiten ist sowohl regional als auch für den Erhalt unseres Planeten notwendig. Darüber hinaus engagieren wir uns gegen Massentierhaltung und für den Wandel in der Landwirtschaft zur Nachhaltigkeit.

Deine Schlussbotschaft?
MK: Mir machen der Rechtsruck, wachsender Populismus und Nationalismus in unserer Gesellschaft Sorgen. Dagegen muss man sich ebenfalls engagieren – ganz im Sinne der Trias „Freiheit, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“, unter der wir vor 30 Jahren mit der UGC angetreten sind.

Die Fragen stellte Karin Weitze
Cottbus, im September 2017
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