Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Heut‘ erschein‘ ich, morgen kämpf‘ ich, übermorgen mach‘ ich der Aktivistin ein Kind

Rob Evans, Paul Lewis: Undercover

von Agneta Lindner, Buch

Es war einmal ein Mann, der in Großbritannien lebte und dem eines Tages eine folgenschwere Idee kam. Wir schreiben das Jahr 1968. Spionage im Auftrag der Regierung unter der eigenen Bevölkerung war schon lange gängige Praxis und das nicht nur im Vereinigten Königreich. Jedoch was besagtem Mann mit Namen Conrad Dixon und seines Zeichens Chefinspektor des Special Branch (einer Spezialabteilung der britischen Polizei) einfiel, war eine besonders perfide Art, für den Staat unliebsame Bürger zu beschatten. Perfide für die Beschatteten, aber ebenso sehr für die Beschatter, wie sich Jahrzehnte später herausstellen sollte.

In dem Buch „Undercover. Die Geschichte der britischen Geheimpolizei“ von Rob Evans und Paul Lewis geht es in der Hauptsache nicht um die Person Dixon, jedoch war er der entscheidende Ausgangspunkt für das, was das Werk aufzeigen will und ist somit der Rede wert. Mit ihm gab es eine Zäsur in der Geschichte der Infiltration von Bürgerinitiativen (in Europa). Agenten, die ein Doppelleben über viele Jahre hinweg führen „waren geboren“.

Die ins Deutsche übersetzte Fassung wurde herausgegeben als ein Sonderprojekt der HochschülerInnenschaft der Universität Wien. Auf knapp 300 Seiten schildern die Autoren, stellenweise zu ausführlich, die konkreten Missionen von zehn enttarnten Ermittlern.

Man stelle sich vor, beherztes Mitglied einer lokalen Gruppe von zum Beispiel Greenpeace, PETA oder einer anarchistischen Gruppierung zu sein und man sähe andere Mitmachende kommen, sich engagieren und bleiben oder auch wieder gehen. Und dann taucht mal wieder eine Neue auf, die von Anfang an sehr aktiv ist und absolut authentisch erscheint; Wochen, Monate, Jahre bleibt und sich wie kaum eine Zweite in die ehrenamtliche Arbeit hineinkniet. Durch die gemeinsam erlebte, intensive Zeit, kommt man sich auch privat näher, wird zum sich liebenden Aktivistenpärchen. Alles (bis auf Konfrontationen mit der Staatsgewalt) scheint schön und gut.

Doch eines Tages geschieht, womit man als derjenige, der schon da war, nur schwer umgehen kann. Die bereits langjährige Kameradin, inzwischen Lebensgefährtin eröffnet, dass sie plane, sich innerhalb der nächsten zwei Wochen nach da und dort (meist ins Ausland) abzusetzen, weil sie das Gefühl habe, von der Polizei beschattet zu werden. Und genauso unvorhergesehen wie sie damals erschien, verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen. Warum? Weil die Mission der Agentin absolviert war und sie aus ihrem Betätigungsfeld wieder abgezogen wurde. Aber das weiß nur diejenige, die kam und wieder ging.

Obwohl diese Methode der Beschattung etwas mehr als 40 Jahre „nach Erfindung“ in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde und zum Skandal führte, wird sie bis heute, u.a. auch in Deutschland, angewendet. Lediglich einige Parameter wurden geändert, z.B. dass keine intimen Beziehungen angefangen werden dürfen, was allerdings bis zur Aufdeckung sogar erwünscht war, weil es den Fällen mehr Authentizität verlieh. Die übergroße Mehrzahl der Spitzel in GB, weit über 100, blieben bisher „unentdeckt“.
Zum Buch:
Rob Evans, Paul Lewis: Undercover. Die Geschichte der britischen Geheimpolizei,
Wien: bahoe books, 2016, aus dem Englischen von Maria Rossi
ISBN: 978-3-903022-32-4

Bei Amazon kaufen

Hinweis: kultur-cottbus.de benutzt Amazon Affiliate Links. Eine Bestellung über einen solchen Link bringt euch keine Nachteile, der Blattwerk e.V. wird aber mit einen geringen Prozentsatz am Umsatz beteiligt.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter