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Wenn Körper Geschichten erzählen

Tanztheaterpremiere „Unter der Dusche war ich das Wasser“ am 16.2.19 im Piccolo Theater

von Angelika Koch, Kultur

Seit es Menschen gibt, wird getanzt. Der Tanz gehört wie die Sprache einfach zum Menschen dazu. Wenn einem Baby rhythmische Musik vorgespielt wird, fängt es an, mit Armen und Beinen zu zucken. Mit zehn Monaten beginnen Kinder spontan zu tanzen. Irgendwann aber vergessen, verlernen, vernachlässigen die meisten Menschen heutzutage diese Fähigkeit leider wieder. Aber Tanz verbindet Menschen, fordert und fördert Kooperation, kann Glücksgefühle auslösen, birgt die Möglichkeit, sich mit seinem Körper eins zu fühlen und mit seinem Körper Emotionen, sogar ganze Geschichten zu erzählen.
Das zeigten die 15 Mitglieder der JugendTanzCompany des Piccolo Theaters Cottbus unter Leitung der Tanzpädagogin Zaida Ballesteros Parejo dem Publikum auf beeindruckende Weise. Sie setzten sich mit dem Thema „Mein Körper und ich“ mit großer Ernsthaftigkeit und Offenheit auseinander. Dass der eigene Körper, seine angeblichen Unzulänglichkeiten, die durch Mode und Kulturkreis vorgegebenen Normen gerade Jugendliche stark beschäftigt, wird mit ausschlaggebend für die Grundidee des Stückes gewesen sein.
In der Mitte der Bühne hängt ein quadratisches Gestänge, von dem zunächst an allen vier Seiten gleichmäßig herabhängende Fäden eine Duschkabine assoziieren lassen. Am Bühnenhintergrund sind fünf große, metallisch glänzende Schirme, wie man sie aus alten Fotoateliers kennt, befestigt.
Im Zuschauerraum haben sich die Mitglieder der Company an verschiedenen Positionen platziert und einige von ihnen sprechen Texte über Mikrofon. Dass es um den eigenen Körper geht, bekommen die Zuschauer bei ihrer Platzsuche noch nicht unbedingt mit, aber die Texte erklingen im Verlauf der Performance nochmals. Die Kostüme betonen mit der weißen Grundkleidung einerseits die Einheit der Gruppe, andererseits ist die weiße Garderobe in kleinen Details unterschiedlich und darüber hinaus trägt jede der dreizehn Tänzerinnen und zwei Tänzer ein individuelles Kleidungsstück.
In den nächsten gut 70 Minuten konnten wir gespannt verfolgen, wie sich, immer wieder unterschiedlich gruppiert, in der gesamten Truppe, in Kleingruppen, Soli oder Pas de deux, die 15 TänzerInnen mit dem Thema auseinandersetzten. Aus gegensätzlichen, individuellen Bewegungen werden Gruppenaktionen, Sprünge, Drehungen, paarweises Interagieren, in dem die Körper voneinander angezogen sind, sich wieder abstoßen. Standbilder wie für Familienfotos werden Ausgangspunkt für neue Bewegungsabläufe, ehe wieder andere Gruppenbilder im Freeze erstarren. Die Diagonale wird raumgreifend erobert, dann wieder passiert auf kleinstem Raum sehr Berührendes im Solo oder auch zu zweit.
Immer wieder werden Stimmungen gebrochen und etwas Neues erzählt. Die kontrastierende Musik in der Bandbreite von Ausschnitten aus dem 4. Satz von Beethovens 9., über Debussy- und Arvo Pärt-Musik bis zu Techno- und Singer-Songwriter-Titeln trägt, unterstützt, leitet, führt die Truppe. Auch die Texte, die überleiten zu neuen Sequenzen und von einzelnen Tänzerinnen gesprochen werden, sind ein Teil der spannenden Aufführung. In einem der Texte kommt z.B. der Körper selbst zu Wort und erzählt dem Ich, „was alles im Leben schön ist“ und was es nur durch ihn erfahren kann. Beeindruckend auch, dass einzelne Mitglieder der Company auch live musizieren oder sich gleichzeitig zu dritt durch den Raum bewegen und dabei jeweils eine der Mitwirkenden der Dreiergruppenkonstellation auf einem Keyboard spielt. Das war schon eine außergewöhnliche artistisch-musikalische Leistung, der man gerne immer weiter zugeschaut hätte. Um alles zu erfassen, was gleichzeitig auf der Bühne passiert, sollte man sich die Aufführung wenigstens noch ein zweites Mal anschauen.
Die Begeisterung des Publikums entlud sich in langanhaltendem Beifall, den die erschöpften und sichtlich glücklichen Tänzerinnen und Tänzer entgegennehmen konnten. Auch ich war sehr bewegt und möchte am liebsten allen Eltern zurufen: Schickt eure Kinder, vor allem auch die Jungen, zum Tanz. Unser Körper hat durch die moderne Lebensweise zwar viel verlernt, aber alles, was in ihm von der Natur angelegt ist, kann wieder geweckt werden.
Im Nachgespräch mit Zaida Ballesteros erfuhr ich einiges über die Arbeitsweise der Tanzpädagogin. „Unter der Dusche war ich das Wasser“ ist eine gemeinsame Arbeit aller Mitglieder der Company, von der Ideensammlung in der Gruppe Ende August bis zur Aufführung jetzt. Die Kunst der Tanzpädagogin besteht vor allem auch darin, in jeder Tänzerin und jedem Tänzer Kräfte zu mobilisieren und Seiten anzustoßen, von denen diese vorher noch gar nichts wussten. So konnte die Produktion in nur einem knappen halben Jahr fertig werden. Eine kurze, sehr arbeitsintensive Zeit, wenn man bedenkt, dass es sich um SchülerInnen handelt, die sich in ihrer knapp bemessenen Freizeit einmal in der Woche im Piccolo Theater treffen. Letztlich kamen aber viele Probenwochenenden für die Intensivprobenphase dazu. Wir können nur hoffen, dass Zaida Ballesteros, deren Heimat Spanien ist, dem Piccolo Theater und Cottbus als Tanzpädagogin noch lange erhalten bleibt.

Foto: Unter der Dusche war ich das Wasser, Tanztheater zum Thema Körperbilder von und mit der Piccolo JugendTanzCompany. © Michael Helbig
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