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Vereinzelte Helden und sinnlose Opfer

Filmfestival Cottbus

von Bernd Müller, Film

Die Filme, die in diesem Jahr beim Filmfestival in Cottbus im Wettbewerb um die begehrten LUBINAs antraten, waren geprägt von einer jüngeren Generation von Filmemachern. Fast gänzlich seien sie nach dem Mauerfall sozialisiert worden, sagte FFC-Programmdirektor Bernd Buder im November gegenüber der Tageszeitung junge Welt. Mit einer Mischung aus Hoffnung auf den demokratischen Aufbruch, Wild-Ost-Kapitalismus und den Überbleibseln einer autoritär geprägten politischen Kultur seien sie aufgewachsen. Ihnen sei gemeinsam, dass sie mit den geschönten Modellen von Solidargemeinschaften wie Nation und Vaterland, die geeinte Familie oder eine nostalgisch verklärte Vergangenheit nicht viel anfangen könnten. So stehen ihre Helden auch weitgehend allein im Kampf für Gerechtigkeit oder was sie dafür halten.
Teodor Kuhns „Mit einem scharfen Messer“ erzählt die Geschichte eines Vaters, der den gewaltsamen Tod seines Sohnes aufklären will. Inspiriert wurde der Film von einem bis heute unaufgeklärten Mord im Jahre 2005. Vater und Sohn waren nach der Schulabschlussfeier in Unfrieden auseinander gegangen, am nächsten Morgen überbringt die Polizei den Eltern die traurige Nachricht, dass ihr Sohn erstochen aufgefunden wurde.
Die Täter sind schnell gefunden. Vier Neonazis wurden bei der Tat von einer Videokamera aufgenommen, doch dieser Beweis zählt nicht. Das Gericht setzt die vier wieder auf freien Fuß, weil die Kamera angeblich ohne die notwendige Lizenz betrieben worden sei. Die „illegale“ Filmaufzeichnung wird nicht als Beweis zugelassen und die Richterin verfügt die Freilassung der Täter.
Der Vater will das aber nicht auf sich beruhen lassen. In seinem Kampf trifft er auf ein Geflecht aus Desinteresse, Verfahrensfehlern und mafiösen Verstrickungen. Schließlich wendet er sich an die Öffentlichkeit. Als der erste Versuch zu nichts führt, verkauft er sein kleines Ladengeschäft und bietet das Geld demjenigen an, der für den Fall wichtige Informationen beisteuern kann. Am Ende kommt es zur Verurteilung, aber das Strafmaß fällt enttäuschend gering aus.
Von der Festivaljury nicht bedacht wurde der tschechische Film „Nationalstraße“. In ihm steht ebenfalls ein einsamer „Held“ im Mittelpunkt. An ihm wird einmal mehr deutlich, dass individualistischer Widerstand gegen strukturelle Gewalt hoffnungslos unterlegen und dass erbrachte Opfer sinnlos sind.
Eine Plattenbausiedlung in Prag. „Vandam“ ist der Chef in seiner Wohnsiedlung. Er ist ein Schläger, der in seiner Wohngegend Ordnung schaffen will. Wer des Abends achtlos Papier wegwirft oder an einen Baum pinkelt, muss durchaus mit „Vandams“ Zorn rechnen. In einer Kneipe trifft sich dieser jeden Abend mit anderen aus dem Viertel, säuft und schmachtet die Frau hinter der Theke an.
Eines Abends erfährt „Vandam“: Die Kneipe soll verkauft und das ganze Viertel soll umgestaltet werden. Das ist der Plan des Bürgermeisters. Theoretisch ließe sich das aber verhindern, doch dafür müssten innerhalb weniger Tage rund 40.000 Euro aufgetrieben werden. „Vandam“ versucht es im Alleingang. Sein Bruder ist wohlhabend. Als der aber kein Geld geben will, bricht „Vandam“ eines Nachts bei ihm ein, stiehlt dessen teures Auto und verhökert es. Als er das Geld dem Immobilienspekulanten geben will, sind die Verträge aber schon gemacht. Der Schläger dreht durch, schlägt den Spekulanten zusammen. Am Ende hat all‘ das nichts gebracht, außer dass die Polizei „Vandam“ verhaftet und mitnimmt.
Neben vielen neuen Filmen konnte man auch den ein oder anderen Filmklassiker bestaunen. „Schönheit der Sünde“ wurde beispielsweise 1986 in Jugoslawien produziert und erzählt von dem Zusammentreffen einer archaischer Kultur in den Bergdörfern Montenegros und dem modernen Leben in den Touristenorten. Er wirft aber auch einen kritischen Blick auf den sozialistischen Alltag in dieser Region.
Eine Tradition der Dorfbewohner wird gleich zu Beginn des Films in sehr dramatischer Weise deutlich gemacht: Eines Nachts kommt ein Mann in sein Dorf geritten. Als er vor seinem Haus ankommt und nach seiner Frau ruft, kommt ein anderer Mann heraus und läuft in die Nacht. Die Frau ist erwischt, und die Tradition sieht vor, dass der Mann sie nun töten kann. Schließlich gehen beide in die Berge, wo er ihr den Kopf mit einem großen Holzhammer einschlägt.
Einige Zeit später, vielleicht ein anderes Dorf: Die junge Jaglika heiratet. Der Bräutigam führt sie ins Schlafzimmer und darf sie nun auf althergebrachte Weise nehmen. Er legt ihr ein Tuch über das Gesicht und besteigt sie. Liebe hat hier offenbar nichts mit Lust und Leidenschaft zu tun.
Jaglika und ihr Mann verlassen irgendwann ihr Dorf und gehen zu seinem Paten an die Küste, der ihnen Arbeit versprochen hat. Dieser soll Personal für einen Nudistenklub rekrutieren, was ihm allerdings aufgrund der verbreiteten Prüderie nicht leichtfällt. Mit einigen Tricks gelingt es ihm, Jaglika für die neue Arbeit zu gewinnen. Anfangs fällt es ihr nicht leicht, die allgegenwärtige Nacktheit in dem Urlaubsgelände zu ertragen, was sich mit der Zeit aber ändert. Als Jaglika am Schluss ihrem Mann gesteht, sie habe gesündigt, prallen wieder dörfliche Tradition und Prüderie mit dem neuen Selbstbewusstsein zusammen. Ihr Mann bringt es schließlich nicht übers Herz, ihren Kopf mit dem Holzhammer zu zerschmettern, er erschießt sich dafür selbst.
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