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Gesehen: WILHELM TELL

Gastspiel/Premiere 23. September 2017, Staatstheater Cottbus, Kammerbühne

von Jens Pittasch, Bernd Müller, Kultur

Unsere beiden Redakteure Bernd und Jens sind selten einer Meinung. Beide waren im Theater und beide haben eine andere Sichtweise auf die neue Inszenierung von „Wilhelm Tell“.

Als Jo Fabian seinen „Wilhelm Tell“ 2014 am Jungen Theater an der Ruhr inszenierte, hatte er die Brisanz, die hinter Schillers Vorlage steckt, bereits im Fokus - konnte aber noch nicht wissen, wie stark seine Sichtweise drei Jahre später den Nerv der Zeit treffen würde.

Welche Geschehnisse braucht es, um die ansonsten schweigende Masse in aufgeregte und nur noch schwer beherrschbare Bewegung zu bringen?
Welche scheinbar unbedeutenden Anlässe bringen das Fass dann zum Überlaufen und die Revolte auf den Weg?
In der Schule lernten wir, wie eine revolutionäre Situation entsteht.
Lenin beschrieb das so: „Eine gesellschaftliche Situation ist dann revolutionär, wenn es für die herrschenden Klassen unmöglich ist, ihre Herrschaft unverändert aufrecht zu erhalten, weil sich Not und Elend der unterdrückten Klassen verschärfen und sich die Aktivitäten der Massen steigern, die „zu selbständigem historischen Handeln gedrängt werden.“ (Lenin, „Der Zusammenbruch der II. Internationale“)
Das gilt nach seiner Lesart insbesondere auch für Gesellschaften, die sich für sozial und fortschrittlich halten, jedoch einem Sozialchauvinismus verfallen sind: „... gekennzeichnet durch die niederträchtige, lakaienhafte Anpassung der "Führer des Sozialismus" an die Interessen nicht nur "ihrer" nationalen Bourgeoisie, sondern namentlich auch "ihres" Staates,..“. (Lenin, Vorwort „Staat und Revolution“)
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Was hat das nun alles mit Wilhelm Tell zu tun, mit Schiller und der Mülheim-Cottbuser Inszenierung?
Alles.
Jo Fabian lässt seine Darsteller nicht Schillers Stück spielen, sondern erzählt, wie passieren konnte, was passiert ist - und warum das immer wieder danach geschehen ist, bis hin zu Pegida und AfD-Wahlergebnissen heute.
All das Beiwerk des Schiller-Dramas lässt er weg, all die Handlungsorte und verwobenen Stränge.
Bei Fabian sitzen die drei Vertreter der drei Kantone Uri, Unterwalden und Schwyz im Wirthaus „Zum Rütli". Hinter dem Tresen wandern Alpenpanoramen über einen Flatscreen, später auch mal Schweiz-Werbung der nahezu grotesken, denn die explosive Situation ignorierenden Art. Friedliche Kegelbrüder sind es, in klischeegerechter schweizerischer Langsamkeit und Ruhe.
Am Ende aber werden sie eine wütende Revolte anführen, selbst jedes Maß dabei verloren haben und nicht eher ruhen, bis die Tyrannen gefallen sind.
Was bringt die ruhigen Schweizer dazu, so zu handeln?
Es war reales und empfundenes Unrecht. Übel spielte ihnen der habsburgische Reichsvogt mit, die Verkörperung der Besatzungsmacht. Willkür und Verhöhnung der Einheimischen, der „Schluchtenscheißer“, betreibt er mit sadistischer Freude.
Schlüsselmomente des Schiller Dramas lässt Fabian mit Originaltexten in sein sonst dokumentarisches Spiel perfekt einfließen.
Das anfangs eher komödiantisch angelegt scheint. Doch bald ist klar, dass einem das Lachen noch im Halse stecken bleiben wird. Nur der Zeitpunkt ist offen, auch für die Handelnden, die zunächst überhaupt nicht an eine gewaltsame Lösung denken. Es braucht den Funken, auch bei Lenin. Bei Lenin, wie bei Robespierre wurde aus dem Gut-Gemeinten neues Böses.
Schiller wie Fabian zeigen einen Weg, der das Recht, geradezu die Pflicht zum Widerstand gegen die Tyrannei beinhaltet. Was aber, wenn diese Situation von Wenigen nur initiiert wird? Wenn alternative Fakten die Oberhand gegenüber der Realität gewinnt? Und wenn die, die es (besser) wissen müssten sprachlos bleiben oder an den Menschen vorbeireden?
Fabian weißt mit seiner Interpretation genau auf diese Gefahr hin.
Nicht nur 1933 zeigt wie brisant es werden kann, wenn in solchen Situationen nationalistische Populisten die Chance der Stunde ausnutzen und die sonst schweigende Mehrheit aufstacheln. Sie führten die Schweine zur eigenen Schlachtbank heißt es treffend irgendwo.
Wird 2017 als ein solcher Zeitpunkt in die Geschichte eingehen?
Fabian und sein exzellentes Ensemble haben jedenfalls 2014 vorweggenommen, was in den Jahren seither in Europa um sich greift. Ob Ungarn oder Polen, Frankreich, Großbritannien oder Deutschland.
Und was ist mit positiven Beispielen?
Eben dem Ausgang der Schiller Geschichte und dem Rütli-Schwur von (vielleicht) 1291, der als Geburtsstunde der heutigen Schweiz als Eidgenossenschaft gilt. Einem Bund gegen Tyrannei, für multikulturelles Miteinander, für Gleichberechtigung und Mitbestimmung, der Gründung einer Willensnation ganz unterschiedlicher Kulturen. Ist das nicht das Idealbild?
Nun, es wurde zumindest über die Jahrhunderte seither nicht kopiert, insbesondere von keiner der kommunistischen Revolutionen. Und es hat doch deutliche Risse, seit in der Schweiz Nationalisten das Sagen haben, die all die heile Welt nur für die verteidigen, die sich bereits im Kokon befinden.
Zurück nach Cottbus (weit ist der Weg ja nicht, angesichts jüngster Wahlergebnisse):
Jo Fabian gibt mit seiner Tell-Inszenierung seinen Einstand als Schauspieldirektor des Staatstheaters.
Er hat diese Arbeit sicher bewusst gewählt, um einen Vorgeschmack auf seine Intentionen zu geben.
„Was ich in Menschen auslöse, ist das wirkliche Kunstwerk.“, sagte er im Gespräch mit Klaus Wilke.
Er fordert Mitdenken und ist bereit, das laut einzufordern. Um auch wirklich zu den Menschen zu kommen, trägt Fabian das Theater mit neuen Formaten über die Bühne hinaus. Das neu gestaltete Foyer der Kammerbühne wird einer der Orte dafür sein.
Wir sehen uns dort!

Jens Pittasch



Amüsant, aber am Kern vorbei

Wilhelm Tell hat es in sich: Der Mythos um den Schweizer Nationalhelden hat nicht nur Dichter immer wieder beflügelt. In der Französischen Revolution beriefen sich die Jakobiner auf den wackeren Armbrustschützen aus den Bergen, als sie ihren König aufs Schafott schickten. Friedrich Schiller war nicht der Erste und auch nicht der Letzte, der diese Sage auf die Bühne brachte – wohl aber der Bekannteste.
Jo Fabian, neuer Schauspieldirektor am Staatstheater, hat nun seine Interpretation von Schillers Drama vom Theater an der Ruhr mit nach Cottbus gebracht. Den Theaterstoff habe er speziell für ein junges Publikum aufbereitet und von seiner Schwere befreit, heißt es. Offenbar wurde mit der Schwere auch die Tiefgründigkeit beseitigt.
Ist Widerstand – auch gewaltsamer – legitim, wenn Unrecht und Unterdrückung nicht mit rechtsstaatlichen Mitteln zu beseitigen sind? Das ist mit Abstand die wichtigste Frage, die Schiller in dem Stück beantworten wollte. Dass der Dichter aus Weimar Tyrannenmord rechtfertigte, bezeichnete Fabian schon vor drei Jahren gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung als Defizit in Schillers Werk. In seiner Inszenierung wird diese Frage – folgerichtig – nicht mehr behandelt.
Das heißt aber nicht, dass Fabians Vorwurf gerechtfertigt ist. Es kommt auf den Blickwinkel an: Gehört man zu denen, die die Regeln setzen, erscheint gewaltsamer Widerstand als Verbrechen; gehört man zu denen, die unter den Regeln leiden, erscheint er als Akt der Befreiung. Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela schrieb im April 1969 in einem Brief an den südafrikanischen Justizminister: „Die Weltgeschichte im Allgemeinen und die Geschichte von Südafrika im Besonderen lehrt, dass die Anwendung von Gewalt in bestimmten Fällen ganz und gar berechtigt sein kann“. Zu jener Zeit saß Mandela im Gefängnis, gebrandmarkt als Terrorist. Weil friedlicher Widerstand gegen das Apartheitregime in Südafrika im Kugelhagel der rassistischen Polizei keine Aussicht auf Erfolg hatte, griff Mandela zu den Waffen. So unterschiedlich kann der Blickwinkel sein.
Worum geht es bei Schiller: Die Schweizer sind ein freies Volk, ihre Freiheitsrechte sind verbrieft. Es ist Tradition, dass der Kaiser diese verbrieften Rechte bestätigt. Doch der neue Kaiser aus dem Hause Habsburg bricht mit dieser Tradition und versucht, die Schweizer Kantone Schwyz, Uri und Unterwalden Österreich einzugliedern. Er setzt Beamte, die Vögte, ein, um die Einheimischen solange zu demütigen, bis sie sich ihm unterwerfen. Die Vögte rauben, vergewaltigen, sprechen willkürlich Recht. Hermann Geßler, der Reichsvogt, ist der Grausamste unter ihnen. Die Schweizer organisieren sich, wollen die Vögte ohne großes Blutvergießen vertreiben, doch steht genau das Gegenteil zu befürchten, wenn Geßler nicht beseitigt wird. Tell tötet ihn, um Gräueltaten zu verhindern, und gibt damit gleichzeitig das Signal zum landesweiten Aufstand, der die Fremdherrschaft abschüttelt.
In Fabians Inszenierung sieht das alles anders aus. Die drei Vertreter aus Schwyz, Uri und Unterwalden sind nicht die fleißigen Organisatoren des Aufstandes, die Verbündete suchen, Pläne schmieden und Vorbereitungen treffen; sie sind quasi nicht die revolutionäre Vorhut der Schweizer. Sie sind Zechbrüder in der Kneipe „Zum Rütli“ und in Stammtischmanier jammern sie über das Unrecht, dass der Reichsvogt zu verantworten hat. Im Suff fordern sie die Revolution, aber sobald sie der Autorität Auge in Auge gegenüberstehen ist der Aufstand vorbei. Widerspruchslos nehmen sie hin, wenn ihnen angestammte Rechte abgesprochen werden, sie das Liedgut der Besatzer singen müssen oder einer von ihnen gedemütigt wird.
Wilhelm Tell ist eine seltsame Erscheinung. Er ist ein wortkarger Einzelgänger, der hin und wieder mit seiner Familie in die Kneipe kommt, an der Theke säuft und wieder verschwindet. Er ist wie die drei meckernden Zechbrüder ein Kind unserer Zeit – nur etwas anders: Er kümmert sich um sich und mit gesellschaftlichen Problemen hat er nichts am Hut. Sich den „Verschwörern“ anschließen? Für ihn undenkbar.
Reichsvogt Geßler, gespielt von Wolf Gerlach, ist die einzige überzeugende Gestalt in dem Stück. Er verkörpert den autoritären Charakter, den Psychopathen, der im Bewusstsein der absoluten Macht seine Spielchen mit den Saufkumpanen spielt. Einen Charakter wie ihn hat man in der Geschichte schon an vielen Orten getroffen, immer dort, wo es galt, Menschen mit sadistischer Freude zu quälen. Er will die Schweizer brechen, und er unterwirft sie sich. „Nicht ohne Blut räumt er das Feld, ja selbst vertrieben bleibt er furchtbar noch dem Land“, heißt es bei Schiller über Geßler, und der von Gerlach gespielte Reichsvogt ist dabei absolut glaubwürdig.
Tells Schicksal schlägt, als er an dem Hut vorbeigeht, ohne sich zu verbeugen. Geßler zwingt ihn, den Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Den berühmten Apfelschuss soll er aber nicht mit der Armbrust machen, das könne ja jeder. Er soll das Gewehr nehmen. Der Sohn stirbt, die Ehefrau verstößt Tell, und dieser bringt im Affekt Geßler um. Keine Tat mit höherem Beweggrund.
Am Ende greifen die Schweizer zu den Waffen und proben den Aufstand. Das große Rätsel: Wieso tun sie das? Der Tyrann ist längst tot, und um das Abschütteln von Fremdherrschaft ging es ihnen nicht. Sind sie „Wutbürger“, die in dem Moment anfangen, ihrer Wut Luft zu machen, als sie nichts mehr zu befürchten haben? Die Frage bleibt offen.

Bernd Müller


WILHELM TELL
Schauspiel nach Friedrich Schiller
Textfassung Jo Fabian, Sven Schlötcke
Ein Projekt von Theater an der Ruhr in Kooperation mit dem Staatstheater Cottbus
Regie und Bühnenbild JO FABIAN
Kostümbild JO FABIAN und KATHARINA LAUTSCH
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