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TheaterBlick: Warten auf Sturm

Staatstheater Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

Die Gazetten vermelden, dass der zukünftige Intendant des Staatstheaters, Stephan Märki, den Vertrag des momentanen Schauspieldirektors nicht verlängert. D.h. Jo Fabian verbleibt vertragsgemäß noch diese Spielzeit im Staatstheater, denn er hatte einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben, der 2020 ausläuft. Das ist deshalb keinen Aufreger wert. Im kapitalistischen Theaterbetrieb ist es Usus, dass ein neuer Intendant auch allen denjenigen, die noch nicht 15 Jahre am Haus gearbeitet haben, den Vertrag nicht unbedingt verlängern muss. Damit schafft er sich freie Kapazitäten für seine eigene Klientel.
Christoph Schroth hat das 1992 als erster Intendant der Nachwendezeit in Cottbus so gemacht und etliche seiner Schweriner Künstler im Schlepptau mit hierher gebracht. Martin Schüler als sein Nachfolger tat es ebenfalls, und es geschieht auch an allen anderen Theatern.
Dass nun Ballettdirektor Dirk Neumann und Opernchordirektor Christian Möbius die letzten künstlerischen Vorstände des Staatstheaters mit ostdeutschem Hintergrund sein werden, stößt etwas sauer auf im 30. Nachwendejahr, aber: The show must go on, wie es im Kunstbetrieb so schön heißt, und so gab es am 28.9.2019 eine Uraufführung der Schauspielsparte des Staatstheaters.


Peter Thiers, Jahrgang 1991, ist der diesjährige Kleist-Förderpreisträger und erhielt den wichtigsten Preis für deutschsprachige Nachwuchsdramatik für einen Text, der sich der düsteren Zukunftsaussichten unserer (Arbeits-)Welt zuwendet. Die mit diesem Preis garantierte Aufführung des Dramentextes leistete erstmals das Staatstheater Cottbus.
Im Stück wird eine dystopische Arbeits- und Lebenswelt beschrieben, in der die Natur schon längst mehr oder weniger zerstört ist. Was Regen, der einfach vom Himmel fällt, ist, wissen die Menschen nur noch vom Erzählen. Das Oben und Unten klafft weiter denn je auseinander. Die Masse der Menschen, Cleaner genannt, (ausgesprochen Kle-aner) schuftet in einem Bergwerk und fördert in einem nunmehr 18-Stunden-Tag Coltan-Erz. Der Besitzer des Unternehmens, Winter, rücksichtslos und menschenverachtend, bringt seinen Sohn erstmals mit zum Schacht. Sie treffen dort über Tage auf eine Art Verwalter, im Programmheft als Stahlschmelzer ausgewiesen. Dieser Noon sitzt im Rollstuhl und wird von seiner Tochter Lara, einer sogenannten Rostgeburt, umsorgt.
Lara ist laut Thiers die Zentralfigur des Stückes. Sie hat eine nicht klar definierte Beziehung zum Vorarbeiter Slatan, der im Bergwerk mit den Cleanern gemeinsam schuftet. Winter und sein Sohn, der von seinem Vater nicht einmal einen Namen bekommen hat, weil er noch nichts geleistet hat, fahren in den Schacht ein, und der Sohn lernt, so allerdings vom Vater nicht beabsichtigt, die schwere Arbeit unter Tage durch Slatan kennen. Lara ist die einzige Figur, die gegenüber den namenlosen Kumpeln soziales Verhalten zeigt. Letztlich bricht die Katastrophe im Bergwerk aus, die Cleaner, die sonst nie ans Tageslicht kommen, steigen aus den Schächten und belagern das Übertage, und keiner weiß, wohin mit ihnen. Ob es ein Danach gibt, erfährt der Zuschauer nicht, denn alles löst sich in einem ähnlichen „Abendmahlbild“ wie zum Anfang des Abends auf: Die Schauspieler, über dem Chor postiert, essen vor und nach getaner Arbeit in Bademänteln Äpfel, und dazu erklingt am Schluss des Abends Gustavs ironischer Pop-Song „Rettet die Wale und stürzt das System“.
In der Kammerbühne hat Bühnen- und Kostümbildnerin Claudia Charlotte Burchard eine variable, die düstere Arbeitswelt und dessen Oben und Unten darstellende Szenerie aus großen, verschiebbaren, mit milchigen Wänden versehenen Kästen erbauen lassen.
Während des Einlasses gestaltet der Bürgerchor unter Leitung von Schauspieler Michael von Benningsen den Heiner Müller-Text „Befreiung des Prometheus“. Dieses Mal haben die Mitglieder des seit gut einem Jahr bestehenden Laienensembles wichtige Aufgaben innerhalb der Inszenierung zu erfüllen, und sie machen das gut. Schade, dass der Müller-Prolog durch die Einlasssituation mehr oder weniger untergeht. Im zweiten Teil des Abends erscheinen die Mitglieder des Sprechchores als die gesichts- und namenlosen Cleaner in orangen Regenumhängen, sprechen zwischendurch auch hinter einer der Wände Texte, die allerdings, wenn sie geflüstert werden, leider kaum zu verstehen sind.
Regisseur Volker Metzler befeuert den Zuschauer in den nächsten zwei Stunden mit einer Flut von metaphorischen Bildern und schafft es, mit seinem Ensemble eine höchst spannungsgeladene Atmosphäre zu entwickeln. Die Rolle des Winter gestaltet Boris Schwiebert von Anfang an zynisch, kalt und menschenverachtend. Sein Sohn wird von Lisa Schützenberger sehr grotesk, körperbetont überzeugend gespielt. Wenn sie im zweiten Teil in einer Art Nina-Hagen-Verschnitt demagogische Reden hält, stockt einem manchmal der Atem. Ob die Besetzung der Rolle mit einer Frau allerdings der Schauspielensemblesituation geschuldet ist oder eine weitere versteckte Metaphorik sein soll, erschließt sich nicht unbedingt.
Auch Amadeus Gollner (Slatan) und Ariadne Pabst (Lara) statten ihre Figuren zwischenzeitlich mit großer Wucht und Dramatik aus. Axel Strothmann ist mit seiner Figur des Noon an einen Rollstuhl gefesselt und vollbringt im Laufe des Abends wahre akrobatische Leistungen. In früheren Zeiten wurden Kanarienvögel in Bergwerksstollen dazu benutzt, rechtzeitig für die Menschen giftige Gase anzuzeigen, indem sie dann einfach starben. Annegret Thiemann spielt und tanzt vor allem einen dieser Kanarien, wirkt aber ebenso wie alle anderen Spieler zwischenzeitlich auch im Chor der Cleaner mit.
Im Programmheft werden die Rollen von Lucie Thiede und Michael von Benningsen als Cleaner bezeichnet, aber das erschließt sich aus ihrem Spiel nicht. Sie stellen alle möglichen Figuren, auch dramaturgische, dar, und es bleibt den Zuschauenden überlassen, was sie jeweils in die Darstellung hineininterpretieren: Todesengel, Spielleiter, Kommentatoren, Partyclowns, metaphorisches Sinnbild des sich gegen den Sturm anstemmenden Europas…
Das ist überhaupt das Spannende und Herausfordernde an diesem Abend. Die Zuschauenden müssen viel Gedanken- und Interpretationsarbeit im besten Brecht’schen Sinne leisten. Der Text hält außerordentlich viel Nachdenkenswertes über unsere heutige und zukünftige Welt bereit, auch die Vergangenheit ragt mit hinein. Die Handlung spielt irgendwo, vielleicht in der sogenannten Dritten Welt, in der die Bodenschätze von ausländischen Konzernen unter unsäglichen Arbeitsbedingungen gefördert werden. Nichts ist zufällig in diesem Text. Das Coltan-Erz ist eines der heute begehrtesten seltenen Mineralien, die für die Handyproduktionen benötigt werden. Wer sich im Internet die furchtbaren Bilder des Coltanabbaus im Kongo anschaut, kann erleben, wie aktuell Thiers Stück ist. Der Kampf um Trinkwasser hat in verschiedenen Teilen der Erde längst begonnen. Die Flüchtlingsströme, die Europa und Nordamerika erreichen, zeugen von Gegenden in der Welt, die schon längst nicht mehr humanes Leben ermöglichen. Das Stück hat aber natürlich auch mit uns zu tun, denn diese Welt ist nicht mehr getrennt zu betrachten. „Was machen wir mit den Bergleuten, wenn keine Arbeit mehr da ist?“, heißt es z.B. im Text.
Ob die Inszenierung dem Text in jeder Hinsicht gerecht wird, ist auch nach zweimaligem Anschauen nicht einzuschätzen. Die Kostüme tragen eher zu einer weiteren Verwirrung der Zuschauenden bei. Männer tragen Frauenkleider, im Bergwerk haben alle SpielerInnen lila Perücken. Einiges wird dann wieder gedoppelt, wenn Winter und sein Sohn weiße lange Fellmäntel tragen. Auch der Musikmix aus interessanten Geräuschen und mehr oder weniger bekannten Titeln aus Klassik und Rock-Pop wirkt angeschafft.
Aber alles in allem ist das ein sehr interessanter, herausfordernder Theaterabend, dem ich viele neugierige Zuschauende wünsche, die vielleicht auch nach der Vorstellung noch in einer Diskussionsrunde verbleiben. Leider ist das offensichtlich nicht vorgesehen, zumindest wurde nach der zweiten Vorstellung nichts angesagt. Dabei bietet gerade dieses Stück mehr als genug Diskussionsstoff.

Szenenfoto mit: (vorn) Boris Schwiebert (Winter) sowie weitere Spieler*innen und (hinten) Damen und Herren des BürgerSprechChores
Foto: Marlies Kross

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