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Die „Wende“ zweimal anders betrachtet

von Bernardo Cantz, Buch

Wenn man nach vielen Jahren wieder in sein Elternhaus zurückkehrt und in das Zimmer schaut, das einst das eigene Kinderzimmer war, findet man mitunter noch Dinge, die an die Kindheitsjahre erinnern. In meinem Fall war es ein recht unscheinbarer Aufkleber an einem Schrank. Das Gesicht eines Mädchens mit Halstuch und Fähnchen in der Hand war zu sehen, umrahmt von dem Schriftzug „Meine Liebe, meine Tat meiner Heimat DDR“.
Der Aufkleber ist alt, die DDR gibt es seit 30 Jahren nicht mehr. Ich selbst habe nur noch blasse Erinnerungen an eine glückliche Kindheit in diesem untergegangenen Staat. Damals, im Oktober 1989, begann das, was man heute als friedliche Revolution bezeichnet, was das Leben der Ostdeutschen aber nachhaltig veränderte. 30 Jahre „Wende“ sind für viele Verlage Grund genug, Bücher auf den Markt zu bringen, die sich mit den damaligen Geschehnissen beschäftigen.
Nachdem aber drei Jahrzehnte lang die „Wiedervereinigung“ gefeiert wurde, der Stoff tausende Male aufbereitet und serviert wurde, stellt sich die Frage, was gibt es noch Neues zu erzählen? Ist nicht alles schon gesagt und bis ins kleinste Detail aufgearbeitet? Ist der untergegangene Staat nicht zurecht als Unrechtsstaat eingestuft und dessen Personal mit lebenslangen Strafen belegt worden? Was gibt es also noch zu erzählen?
Die beiden Bücher, die ich hier vorstelle, gehören nicht in das Genre der Jubelerzählungen, welche die sogenannte Wende in den buntesten Farben präsentiert. Es handelt sich vielmehr um kritische Bestandsaufnahmen, was sich nach 1989 für die Ostdeutschen alles verändert hat. Gleichgestellt im eigenen Land sind Ostdeutsche nämlich auch nach 30 Jahren „Einheit“ nicht. Es mag die große Hoffnung der DDR-Bürger gewesen sein, die im Oktober 1989 auf die Straßen gingen, am Ende hatten sie aber ihr Land aufgegeben, um im neuen Deutschland nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hebt hervor, dass auch 30 Jahre nach dem Mauerfall Eliten und Führungskräfte in Ostdeutschland nur in Ausnahmefällen Ostdeutsche sind. „Anfang 2019 waren Ostdeutsche in Spitzenpositionen von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur nur zu zwei bis vier Prozent vertreten, also weitaus weniger, als ihr Bevölkerungsanteil ausmachte. An Gerichten in Ostdeutschland stammt nur etwa jeder zehnte Richter aus Ostdeutschland, in Behörden in Ostdeutschland sind wohl nicht einmal ein Viertel der Abteilungsleiter Ostdeutsche.“ (S. 18) Lediglich in der Politik hätten sich einige wenige in höchste Ämter durchsetzen können.
Wenn wir von Ostdeutschen sprechen, dann ist das immer eine Frage nach einer bestimmten Gruppenidentität. Was macht den Ostdeutschen zu Ostdeutschen? Wer ist denn überhaupt Ostdeutscher? Für Kowalczuk sind es nicht nur die gemeinsamen Erfahrungen in der DDR, sondern auch die Geschehnissen nach der „Wende“, welche die DDR-Bevölkerung kollektiv trafen. In diese Richtung argumentiert auch der Journalist Matthias Krauß, der genau nachzeichnet, welche gesellschaftlichen Errungenschaften die DDR-Bürger nach ihrer Angliederung an die Bundesrepublik wieder verloren. Kowalczuk geht aber noch weiter, wenn er meint, der „Ostdeutsche“ sei nach 1989 eine Erfindung des Westens: Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Publizisten, alle hätten an einem Bild des Ostdeutschen mitgebastelt. Und dieses Bild war nicht gerade positiv.
Arnulf Baring, manche werden ihn vielleicht noch aus dem Fernsehen kennen, warnte 1991 in einem Bestseller vor der „Ver-Ostung“ der Bundesrepublik. In den neuen Bundesländern kenne man keine „zielstrebige, harte und initiativenreiche Arbeit“, im Grunde hätten die meisten ohnehin nicht gearbeitet und gehörten eigentlich zum gesellschaftlichen Ausschuss.
Der Pädagogikprofessor Johannes Niermann behauptete als Sachverständiger im Bundestag, ostdeutsche Frauen seien unfähig, Kinder zu erziehen; Müttern in der DDR falle es prinzipiell schwer, „mit der Pflege, Versorgung und Erziehung ihres Kindes fertig zu werden“. Sie hätten keine Geduld, keine Ausdauer, seien nicht entspannt und unfähig zu emotionaler Zuwendung, sie spielten nicht mit ihren Kindern, nähmen sie nicht mit zum Einkauf, bauten keine Beziehung zu ihren Kindern auf usw. usf.
Und weil mit den Jugendlichen in der DDR nicht viel anzufangen sei, empfahl Niermann, ihnen weitgehend den höheren Bildungsweg zu versperren. Statt 20.000 Schüler eines Jahrgangs sollten nur noch 2.000 bis 6.000 das Abitur machen dürfen. Stattdessen sollten Realschulen eingeführt werden, in denen Jugendlichen Hauswirtschaft und Arbeitstugend gelehrt werden.
Mit ihren Meinungen standen Baring und Niermann nicht allein. Kowalczuk schreibt, sie seien keine Spinner oder Außenseiter gewesen, sondern sprachen aus der Mitte der Gesellschaft. Die Wiedervereinigung sei zwar kein Akt des Kolonialismus gewesen, so Kowalczuk, aber der Westen lebte seine Überlegenheitsgefühle ungeniert aus. Selbst in der Politik sei Herabwürdigung zur Staatsräson geworden.
Haben die DDR-Bürger gelebt, geliebt, gelacht, getanzt und gearbeitet? Hatten sie Grund, stolz auf das von ihnen Geschaffene, Geleistete und Erreichte zu sein? Matthias Krauß zeigt zahlreiche Beispiele dafür auf, wie fortgeschritten die DDR in Kultur, Bildung und im Sozialen war, was aber nach der „Wende“ in den meisten Fällen wieder verloren ging.
Ostdeutsche beziehungsweise die ehemaligen DDR-Bürger haben eigentlich Gründe genug, stolz zu sein. Die Ironie der Geschichte ist allerdings, während sich die Meisten nach der „Wende“ zu Bürgern zweiter Klasse machen ließen, waren es vor allem die alten Funktionsträger, die sie daran erinnerten, dass sie auf ihre Lebensleistung und die gesellschaftlichen Errungenschaften stolz sein sollten. Noch gehen die Ostdeutschen nicht mit erhobenem Haupt, vielleicht fangen sie aber am 7. Oktober damit an.
Ilko-Sascha Kowalczuk (2019):
„Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“
München: Verlag C.H. Beck
319 Seiten
Preis: 16,95€
ISBN: 978-3-406-74020-6
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Matthias Krauß (2019):
„Die große Freiheit ist es nicht geworden.
Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat“
Berlin: Verlag Das Neue Berlin
256 Seiten
Preis: 14,99
ISBN: 978-3-360-01346-0
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