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Wenn die Linke fehlt - Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg

Die Kriege des Westens

von Bernd Müller, Buch

Das Jahr 1989 ist für viele mit großen Hoffnungen verbunden gewesen. Mit dem Fall der Berliner Mauer, dem Untergang des real existierenden Sozialismus und dem Ende der Blockkonfrontation war ein Versprechen verbunden: Frieden und Wohlstand für die Menschheit. Es ist nicht in Erfüllung gegangen.
Die Finanzkrise von 2007 vergrößerte auch in den entwickelten Ländern das Massenelend, verschärfte die soziale Ungleichheit und stellte die Ohnmacht der politischen Institutionen gegenüber dem Großen Geld deutlich heraus. Auf internationaler Ebene folgte ein „kleiner Krieg“ dem anderen, der im jeweils betroffenen Land Zehntausende Tode mit sich brachte. Darüber hinaus zeichnet sich am Horizont die Gefahr größerer Konflikte ab, die durchaus die Schwelle zum Atomkrieg überschreiten könnten.
Mit seinem erstmals 2014 in italienischer Sprache erschienen Werk „Wenn die Linke fehlt – Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg“ wirft der italienische Philosoph Domenico Losurdo einen Blick auf die westlichen Gesellschaften. Sie tragen das Ideal der allgemeinen Menschenrechte stolz vor sich her und führen in deren Namen Kriege. Sie etablieren mit dem Internationalen Strafgerichtshof ein internationales Rechtssystem, von dem sie sich aber selbst ausnehmen. Sie heben stets die Werte der Demokratie hervor, behalten sich aber das Recht vor, andere Länder nach Belieben zu destabilisieren und gewählte Regierungen zu stürzen.
Wie lässt sich das erklären? Wie die Welt verstehen, die sich seit 1989 entwickelt hat? Mit welchen Mechanismen gelingt es der „Spektakelgesellschaft“, Kriege und Kriegspolitik zu legitimieren? Wie lässt sich eine Alternative konstruieren? Auf diese Fragen antwortet Losurdo mit einer originellen und unvoreingenommenen Analyse, die zur Diskussion auffordert.
Fest steht, dass es eines tieferen Verständnisses der globalen politischen Triebkräfte – Neokolonialismus und Antikolonialismus – bedarf. Zudem sei eine Oppositionskraft in den Staaten des Westens notwendig. „Unglücklicherweise glänzt die Linke im Westen durch Abwesenheit“, so Losurdo. „Dringlicher denn je ist der Kampf für den Frieden, doch die Linke, die ihn zu propagieren hätte, schweigt auch deshalb, weil sie nicht versteht, dass es sich um eine neue Phase des Zusammenpralls von Kolonialismus und Antikolonialismus handelt.“ (S. 24)
Das Beispiel der „humanitären Interventionen“: Man wird sich sicherlich noch an die Argumentation des früheren deutschen Außenministers Joschka Fischer erinnern, der den ersten deutschen Angriffskrieg nach 1945 damit rechtfertigte, kein neues Auschwitz zulassen zu wollen. Auch der frühere SPD-Minister Rudolf Scharping rechtfertigte die Bombardierung Serbiens damit, eine ethnische Säuberung im Kosovo verhindern zu wollen, die es nachgewiesener Maßen gar nicht gab.
Beide befinden sich mit ihrer Argumentation „nicht nur in der Gesellschaft der chauvinistischen Bewohner des Weißen Hauses, sondern auch des faschistischen Duce“. Mussolini hatte beispielsweise den völkermörderischen Krieg gegen Äthiopien (1935-1936) vom Zaun gebrochen, „indem auch er humanitäre Posen einnahm; es sei geboten, die Sklaverei in dem afrikanischen Land abzuschaffen und die Herrschaft des ‚Negus der Sklavenhändler‘ zu stürzen“. (S. 14)
„Ob er nun Kriege auslöst oder Staatsstreiche, stets legitimiert der Westen beides, indem er das Banner der Allgemeinverbindlichkeit der Werte und des freien Marktes vor sich her trägt, einen Universalismus, der weder staatliche noch nationale Grenzen kennt oder toleriert.“ (S. 22) Aber „wenn eine Kultur oder eine bestimmte Zivilisation vorgibt, die ewige Inkarnation der universellen Werte zu sein, zeugt sie nicht von Universalismus, sondern im Gegenteil von exaltiertem Ethnozentrismus“. (S. 23) Und dieser sei gut nutzbar bei Kolonial- und Neokolonialkriegen, „seit jeher ausgelöst im Namen der Zivilisation, für die der Aggressor sich die Interpretation exklusiv vorbehält“.
Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Losurdo, wie frühere und aktuelle Kriege legitimiert wurden und welcher Mechanismen sich der Westen dafür bediente. Auch die Rolle von Nicht-Regierungs-Organisationen wird kritisch hinterfragt, die oftmals von Washington oder Brüssel finanziert und kontrolliert werden.
Ein anderer Grund, weshalb die Linke weit davon entfernt ist, als Oppositionskraft an Stärke zu gewinnen, liegt sicherlich darin, dass Linke die in vielen Punkten schwesterlichen Ideologien – Liberalismus und Faschismus – nicht richtig einzuschätzen wissen. Das hat seinen Grund: Mit der heute viel gepredigten Totalitarismusdoktrin werden Sozialismus und Faschismus auf eine Stufe gestellt, während der Liberalismus als einzig zulässige Ideologie gefeiert wird. Doch man sollte heute lernen, den Liberalismus wieder richtig einzuschätzen.
Noch bevor der britische Imperialist Cecil Rhodes dazu aufrief, neue Länder zu erobern, um eine antikapitalistische Revolution zu verhindern, riefen prominente Vertreter des Liberalismus auch dazu auf. Renan, Tocqueville und zahlreiche andere sahen „in der kolonialen Expansion, der Transformation der ‚gefährlichen Klassen‘ der Metropole in eine Kaste von Eigentümern in den Kolonien das einzig mögliche Gegengift zum Sozialismus oder die einzige mögliche Lösung der Sozialen Frage“ (S. 334). Und wenn man noch weiter zurückgeht sieht man das selbe Muster im us-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Veteranen erhielten als Dank für ihren Kampfbeitrag, in Virginia und anderen Staaten Ländereien, die man zuvor den Eingeborenen geraubt hatte. Zudem wurden ihnen schwarze Sklaven übereignet, denen man die Menschenrechte absprach.
Man sollte letztendlich nicht vergessen: Auch die Ziele der faschistischen Hitler-Regierung im Krieg gegen die Sowjetunion beruhten auf diesen Vorstellungen. Der Vernichtungskrieg im Osten baute auf liberalen Traditionen auf.
Domenico Losurdo (2017)
„Wenn die Linke fehlt – Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg“,

Köln: Papyrossa Verlag, 374 Seiten
Preis: 19,90
ISBN: 978-3-89438-651-1
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