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Wer geht schon noch ins Theater?

Ein kurzer Blick auf die „Nicht-Besucher“ und warum sie nicht ins Theater gehen

von Bernd Müller, Kultur

Rainald Grebe hat mich stutzig gemacht. Auf einer CD hatte er ein Stück über deutsche Theaterregisseure veröffentlicht. Und in dem Stück behauptete er, dass nur noch zwei Prozent der Deutschen ein Theater besuchen würden. Zwei Prozent? Das klang deprimierend. Aber es machte mich auch neugierig. Ich wollte nicht nur wissen, ob etwas an der Behauptung dran war. Und wenn dem so sein sollte, müsste es auch Gründe dafür geben.
Bei meiner Suche nach belastbaren Fakten stieß ich auf eine Vielzahl von Untersuchungen. Die Gruppe der Nicht-Besucher, also derjenigen, die nicht in das Theater gehen oder ein anderes Kulturangebot wahrnehmen, ist seit einigen Jahren Gegenstand der Forschung. Schon 2012 bezeichnete der Theaterexperte Thomas Schmidt die Nicht-Besucher als „die momentan beliebteste Zielgruppe der Besucherforschung“.
Die Europäische Kommission veröffentlichte 2014 das „Eurobarometer“. In dem Bericht waren die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die in allen europäischen Ländern durchgeführt wurde. Es ging um den Zugang zur Kultur und um kulturelle Teilhabe. In der Bundesrepublik wurden 1.499 Menschen befragt, wie oft sie in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal ein Buch gelesen hätten, eine Kulturveranstaltung im Fernsehen angeschaut hätten oder eben ins Theater gegangen seien.
Der Vergleich mit der gleichen Untersuchung aus dem Jahr 2007 war ernüchternd. In fast allen abgefragten Bereichen gingen die Aktivitäten zurück. Lediglich bei den Kinobesuchen und den Konzerten stiegen die Zahlen leicht an. Gerade einmal 30 Prozent gaben an, wenigstens eine Theatervorstellung besucht zu haben. 2007 waren es noch 37 Prozent. Eine öffentliche Bibliothek wurde nur noch von 23 Prozent aufgesucht (2007: 28%). Immerhin im Fernsehen oder Radio wurden kulturelle Angebote von 74 Prozent konsumiert. Ob es sich dabei um die Helene-Fischer-Show, den Musikanten-Stadl oder um ein klassisches Konzert handelte, wurde allerdings nicht unterschieden. Ein Buch nahmen immerhin noch 79 Prozent in die Hand.
Berauschend sind die Zahlen nicht, dachte ich, aber doch bedeutend mehr als von Grebe kommuniziert. Ein genauerer Blick relativierte das aber wieder. Nur drei Prozent der Befragten gaben an, mehr als fünfmal im Jahr im Theater gewesen zu sein, und nur fünf Prozent gaben an, mehr als dreimal eine Vorstellung besucht zu haben. Das ist tatsächlich nicht viel.
„Kein Interesse“, „keine Zeit“ und „zu teuer“ sind die von der Europäischen Kommission am häufigsten genannten Gründe, weshalb die Befragten nicht ins Theater gehen. Und dass fehlende finanzielle Mittel ein entscheidender Grund sind, wird durch andere Forschungen bestätigt. Klar: Wer auf Hartz IV oder auf einen Job im Niedriglohnbereich angewiesen ist, muss zweimal überlegen, ob er sich den Besuch des Kinos oder Theaters leistet.
Geld erklärt vieles, aber nicht alles. Ein anderer Grund ist beispielsweise die Angst, die Kulturangebote nicht zu verstehen oder nicht mit der eigenen Lebenswirklichkeit in Verbindung bringen zu können. Die Nutzung kultureller Angebote und Einrichtungen hat auch etwas mit Selbstverständnis und Lebensstil zu tun.
In diesem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass Kultur nicht nur Menschen miteinander verbindet, sondern sie trennt auch. Man unterscheidet sich von anderen beispielsweise durch kulturelle Vorlieben und Stile. Durch gemeinsame Interessen schließt man sich zu Gruppen zusammen und grenzt sich von anderen ab.
Anders ausgedrückt: Ob ein Kulturangebot auch wahrgenommen wird, hängt damit zusammen, für wen es gemacht wurde. Bei der so genannten Hochkultur, so Uli Glaser auf der Internetseite „Kulturelle Bildung – Online“, stehe das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl in engem Zusammenhang zu den sozioökonomisch privilegierten Schichten. „Es muss uns bewusst sein, dass die kulturellen Angebote sich sehr stark auf die Zielgruppen der (hochgebildeten) kulturellen Vielnutzer und der Nutzer mit spartenspezifischen Sonderinteressen gerichtet sind, die maximal 10% der Bevölkerung ausmachen.“
Reinald Grebe nimmt in seinem Lied tatsächlich fünf der bedeutendsten deutschen Regisseure aufs Korn. Er stellt Äußerungen von ihnen zusammen, die sie in verschiedenen Interviews tätigten. Ihre Arroganz sagt viel darüber aus, dass ihre Zielgruppe wohl kaum die breite Masse ist.
Wenig Geld und auf ein spezielles Publikum zugeschnittene Kulturangebote reichen aber noch nicht aus, um das Phänomen der Nicht-Besucher zu erklären. Dass viele Menschen überhaupt keine Grundmotivation haben, das öffentlich bereit gestellte Kulturangebot zu besuchen, hat auch etwas damit zu tun, wie sie herangeführt werden. Forschungen haben ergeben, dass die Motivation zum Besuch kultureller Einrichtungen am ehesten in der Kindheit und Jugend entstehen. Gehen Eltern mit ihren Kindern ins Museum oder ins Theater hat das nachhaltigere Wirkungen, als die Aktivitäten der Schule.

pictures/artikel/IMG_18182873.jpgFoto © Matthias Glaubitz
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