Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Lesebühne: Winterdepression und MuhMuhMuh

von Matthias Heine, Kultur

Nicht so schlecht wie sein Ruf… ist unser Städtchen im Dezember. Der Lausitzer Rundschau geht es wohl auch so. Und auch die Wahrheit gerät bisweilen in Bedrängnis. Wird bis zur Unkenntlichkeit verramscht. Ein Oberstaatsanwalt legt seine Hand ins Feuer. Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt und nichts gewesen. Keine Deutschen unter den Opfern. Der Rest ist egal. Der Rest sei Lyrik. Schön das alles. Am Samstag mache ich Wählerschau auf dem Adventsmarkt und suche die dreißig Prozent, die auch zum nicht so schlecht gehören. Das ehrliche Leuchten des Cottbuser Weihnachtsmarktes glänzt in ihren alten Gesichtern. Der da. Hier. Dort hinter den Falten. Vielleicht sie. Ganz sicher die beiden.

Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich vor mir einen Mann stehen. Der ist auch alt. Er zeigt den Hitlergruß hin zur anderen Straßenseite. Streckt sich sportlich und stützt sich dabei auf seinem Fahrrad ab. Auf der anderen Straßenseite steht eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm. Maria Mutter Gottes. Sie ist irritiert. Der Schreck ist ihr rot in die Wangen gefahren. Er ruft ihr zu: „Ich bin politisch aktiv. Solche wie Du sind gleich die Ersten.“ Ich laufe einfach an der Szene vorbei, weil ich glaube, mich verhört zu haben. Das kann ja gar nicht sein. Das ist meine Paranoia.
Verhört und Versehen und Vertuscht. Nichts Neues in Cottbus.

Ein anderer Alter sitzt im Zug im losen und lauten Gespräch mit sich selbst. Er sagt, es wäre eine totale ... und er kommt nicht weiter und ringt um das nächste Wort... und ringt und sagt bald … Gesellschaft… und hält sich die Hände an die Schläfen, wie um den überbordenden Wahnsinn deutlich zu machen, den er in diesen Gedanken gepflanzt hat. Er reißt die Augen weit dabei auf... MuhMuhMuh... ist das nächste, was sein Gehirn ausspuckt und da muss er selbst lachen. Dann bleibt er still bis Königs Wusterhausen, das Gesicht zur Scheibe gedreht. Tief in seinen eigenen Anblick versunken. Ganz wie unsere Zeit.

Alles nicht so schlimm. Nicht so schlecht… wie ihr Ruf… der Ruf… die Stadt, das Land, die Republik. Bis zur nächsten Wahl. Vielleicht schon zur letzten für eine Zeit…
Ach, man möchte sich direkt vor die Parkeisenbahn werfen.

Diesig und grau fliegt das Land an den Gleisen vorüber. Die Sonne geht unter und jemand hat ihr verdünnte Milch ins Gesicht gekippt. Weit und flach mit durchsichtigen Pinseln gezeichnet. Zärtlich beinah und so traurig, wie das traurigste Mädchen der Welt. Die Misteln hängen in den kahlen Baumkronen wie Wasserbälle aus besseren Zeiten. Komm und küss, mich bessere Zeit. Kondensstreifen rasen auf die rote Sonne zu und deuten den finalen Schlag an. Globale Auslöschung mit Postkartencharme. Nur der See ruht dunkel in den Liedern. Ein frisch polierter Spiegel, der nur das Schönste im ganzen Land zu zeigen vermag. Ein Totalverweigerer. Ein MuhMuh… Mutmacher. Ein Leuchten. Die Hoffnung. Hallelujah.

Sorry Jesus. Sorry für alles. Jetzt Tür zu. Licht aus. Wham! – Last Christmas. Laut! Vergib uns…
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus