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TheaterBlick: Die Abendvogelhochzeit

ZAPUST 2020

von Angelika Koch, Kultur

Das sorbische Nationalensemble Bautzen zu Gast in der Kammerbühne Cottbus mit „Wer wagt, gewinnt!“ am 18.1.2020
Als Nichtsorbin oder Nichtwendin – ein schwieriges Terrain, zu verstehen, wer sich in der Nieder- und Oberlausitz wie und warum mit dem einen oder dem anderen Namen bezeichnet – bekommt man in Cottbus neben den zweisprachigen Straßenbezeichnungen nicht allzu viel vom Leben der Nachfahren dieses slawischen Volkes mit. Es gibt das Niedersorbische Gymnasium - gehen da neben den vielen deutschen Schülern eigentlich auch Wenden hin? In den umliegenden Dörfern zampert man in lustigen Kostümen oder auch Trachten mit viel Schnaps zur Fastnachtszeit. Natürlich kennen wir alle seit unserer Kindheit das Lied von der Vogelhochzeit. Dass schon J. G. Herder es in seine Volksliedersammlung als „wendisches Spottlied“ mit aufgenommen hatte, wissen allerdings die wenigsten. Seit meine Wahlenkeltochter in die sorbische Kita in Cottbus geht, habe ich aber inzwischen schon mehr über das sorbische/wendische Brauchtum erfahren und die Feste, die die Kinder in der Kita immer mitgestalten, mit Freude miterlebt. So war es für mich folgerichtig, in diesem Jahr einmal die Abendvogelhochzeit des sorbischen Nationalensembles, also die Veranstaltung für die Erwachsenen, zu besuchen.
Die Kammerbühne ist an diesem Abend gut gefüllt mit vornehmlich älterem Publikum, das sich untereinander kennt. Man unterhält sich sorbisch/wendisch, und ich bin eine der wenigen ZuschauerInnen, die sich Kopfhörer für die Simultanübersetzung ausleihen.
Vor der erhöhten Bühne nimmt das 22-köpfige Orchester (Leitung Andreas Pabst, der auch die neuen Musiktitel für die Inszenierung komponiert hat) Platz. Den Hintergrund der Bühne bildet eine große Leinwand, die im Laufe das Abends den Spielraum durch verschiedene Fotos und Filmaufnahmen (Michał Cyž) erweitert. Eröffnet wird der Abend, der unter dem Stücktitel „Wer wagt, gewinnt!“ läuft, vom Chorensemble mit einem traditionellen Lied. In den nächsten 100 Minuten entspinnt sich dann eine turbulente Geschichte (Libretto Wito Bejmak) um die junge Sorbin/Wendin Johanna (Helena Bětnarjec), die während eines Besuches bei ihren Eltern im Heimatdorf zusammen mit ihren Freundinnen während eines feuchtfröhlichen Mädelsabends eine Businessidee entwickelt und ins Internet stellt. Die ziemlich märchenhafte Handlung soll gleich mehrere aktuelle Themen transportieren: u.a. die Zukunft der Heimat, die mit neuen Arbeitsplätzen die jungen Leute wieder zurückbringen soll, der Klimawandel, erfolgreiche Startup- Unternehmen in der Lausitz. Johanna gewinnt natürlich den Businesswettbewerb „Lausitz 2025“ mit ihrer Idee eines fliegenden Schuhtransporters mit 500.000 EUR, verzweifelt zwischendurch mehrfach, aber die Freundinnen (Sophie Hejdus̆kec, Kristina Nerád, Susan Bartke), ein etwas tollpatschiger junger Mann (Ignac Wjesela) und eine gute Fee in Persona einer Investorin (Anna-Maria Bretschneider) richten sie immer wieder auf und helfen großzügig. Zum Schluss wird der Prototyp des Transporthelikopters auf einer Messe in Berlin mit einer echten sorbischen/wendischen Vogelhochzeit präsentiert.
Am meisten überzeugte das Ballettensemble mit traditionellen und interessanten modernen Tanzszenen, bei denen die Videos das Ensemble, das live dazu tanzte, verdoppelte. Der „Fabriktanz“ und der „Schwarz-Weiß-Tanz“ (Choreographie Kornel Kolembus) waren besonders bemerkenswert. Zwischendurch mussten die TänzerInnen dann die Reise der beiden Businessfrauen durch die Welt mit Standbildern der einzelnen Wahrzeichen der Stationen nachstellen. So konnte man z.B. einen menschlichen Eiffelturm, eine Wüstendüne oder eine Stadtmauer bewundern.
Auch wenn am Mädelsabend viel gekreischt und kein noch so alter Gag ausgelassen wurde (natürlich gab es einen Männerstrip), auch wenn die Gefühle der Hauptperson oftmals überbordeten und die Musik sie auch noch mit heroischen Klängen doppelten, auch wenn die gute Kapitalistin Marta zum Schluss alles richtete, den Leuten gefiel es, denn am wichtigsten für meine Nachbarn um mich herum waren die traditionellen Melodien, die immer mal leise mitgesummt wurden.

Foto: © Matthias Bulang / SNE
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