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Zurück zu linken Wurzeln

Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten

von Bernd Müller, Buch

Was bedeutet Linkssein? Darüber scheiden sich die Geister. Manche halten das Links-Rechts-Schema inzwischen für überholt – nicht gänzlich unbegründet. Was manche unter Linkssein verstehen, hat Leo Fischer, ehemaliger Chefredakteur der Satirezeitschrift Titanic im November 2013 in einem Artikel beschrieben: In einem Arbeiterjugendzentrum in Bielefeld tritt die linke Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ auf. Unterbrechung nach einer halben Stunde. Grund: Der Schlagzeuger hat mit freiem Oberkörper gespielt. Der Vorwurf: „Männer, die sich auf diese Weise entblößen, stellten damit ein Sonderrecht zur Schau, feierten so ihre Überlegenheit und reproduzierten sexuelle Gewalt“. Die Band sollte sich schließlich entscheiden: entweder die Blöße bedecken oder das Konzert ganz abbrechen.
Der geschilderte Fall ist für die linke Szene keine Ausnahme, eher Regelfall. Der Journalist Christian Baron beschreibt in seinem Buch „Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten“ zahlreiche ähnliche Fälle. „Betroffenheitsaktivismus“ nennt er das, was Linke da unter anderem betreiben: Was in den Augen der Mehrheitsgesellschaft als normal gilt, davon muss sich befreit werden – „vom Geschlecht über die sexuelle Orientierung und die Ernährung bis hin zu ethnischen Zuschreibungen“ (S. 179). Und die Linken reklamierten „im Dschungel der identitätspolitischen Verbotsorgien das sprachpolizeiliche Gewaltmonopol für sich“. Soll heißen: Wer beispielsweise die Sprache nicht gendert, darf verbal Prügel beziehen. Wer nicht weiß, dass das Mehrzahlwort „Arbeiter“ im linken Sprachkreis verpönt ist, weil es angeblich nur die Männer anspricht; wer nicht weiß, dass stattdessen „ArbeiterInnen“, „Arbeiter*innen“ oder „Arbeiter_innen“ geschrieben werden muss, der darf der linken Logik zufolge als Sexist beschimpft werden. Und das passiert – typisch für das postfaktische Zeitalter – ohne eines Beweises, dass dem anderen Geschlecht oder sexuellen Minderheiten dadurch mehr Respekt entgegengebracht wird.
Autor Christian Baron ist selbst Linker, schreibt für linke Tageszeitungen, aber er unterscheidet sich von vielen in der Szene: Er kommt aus der Arbeiterklasse. Dem „Betroffenheitsaktivismus“ widmet er ein Kapitel in seinem Buch, sieben weitere beschreiben andere Strategien der linken Szene, sich von Arbeitern, Arbeitslosen und der „Unterschicht“ abzugrenzen. Entlang seiner eigenen Biografie untersucht er die gesellschaftlichen Konsequenzen einer scheinbar fortschrittlichen Politik, die sich immer weiter von ihrer ursprünglichen Klientel entfernt hat; die bürgerliche Vorurteile gegenüber der „Unterschicht“ reproduziert – wenn auch komplizierter ausgedrückt.
Das Buch soll aber keine Abrechnung mit den Linken sein, es soll die Aktivisten wachrütteln, damit sie ihre Zielsetzungen überdenken und die Interessen der Arbeiter und der „Unterschicht“ stärker berücksichtigen. Es ist eine trügerische Hoffnung, die Baron äußert. Für Kinder aus „besserem Hause“ ist das Linkssein oft nur eine Episode. Ihre Probleme sind nicht die der Kinder aus der Arbeiterklasse, und so unterschiedlich ihre Lebenswelten sind, so unterschiedlich werden ihre politischen Zielsetzungen letztlich sein.
Zum Buch:
Christian Baron (2016):
„Proleten, Pöbel, Parasiten.
Warum die Linken die Arbeiter verachten“,
Berlin, Das Neue Berlin,
288 Seiten
ISBN: 978-3-360-01311-8

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